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Ottobrunn:Ronaldo in der Tupperbox

Besonders gefragt sind bei den Sammlern die Glitzerbilder mit den Wappen der Nationalverbände. Mats Hummels hingegen haben die meisten schon.

(Foto: Claus Schunk)

Von lässig bis akkurat: Bei der Tauschbörse für Panini-EM-Klebebildchen in Ottobrunn treffen sich die unterschiedlichen Typen der Sammelszene.

Von Stefan Galler, Ottobrunn

Schon am Eingang zur Ottobrunner Gemeindebücherei wird klar, dass es hier und heute nicht ganz so leise zugeht, wie man das normalerweise von Bibliotheken gewohnt ist. Ein Brummen dringt von den oberen Stockwerken hinunter ins Erdgeschoss, denn oben in der zweiten Etage geht es rund: Wie jeden Freitag während der Europameisterschaft läuft zwischen 17 und 18 Uhr die Tauschbörse der Pickerl-Fans, also all jener, die es sich zur Aufgabe für diesen Sommer gemacht haben, ihr Sammelalbum der italienischen Firma Panini mit den Konterfeis der bekanntesten Fußballspieler des Kontinents vollzubekommen. Das Motto der Börse steht ganz im Zeichen des Fairplay: "Tauschen und zocken ja, verkaufen nein", heißt es auf der Internetseite des Wolf-Ferrari-Hauses.

Hier sind No-names genauso wertvoll wie ein Ibrahimovic

Im zweiten Stock der Bücherei dann ein beeindruckendes Bild: Etwa ein Dutzend Tische, allesamt umlagert von Kindern und Jugendlichen, einige begleitet von ihren Müttern, die für ihre zum Teil noch sehr kleinen Söhne und Töchter die Geschäfte führen. Und es geht hoch her: Stapelweise wechseln die Sticker den Besitzer, mancher weiß vor lauter potenziellen Tauschpartnern gar nicht, mit wem er seine Fehlbestände zuerst abgleichen soll.

Dabei sind einige der Kleinsten mit einem so guten Gedächtnis ausgestattet, dass sie getrost auf Fehllisten verzichten können. Ein Fünfjähriger, flankiert von Mama und Papa, weiß bei jedem Kicker auswendig, ob er ihn schon im Album hat, egal ob es sich um Berühmtheiten wie Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic oder No-names wie Albaner und Nordiren handelt.

Besonders gefragt sind Glitzerbilder, also beispielsweise die Wappen der teilnehmenden Verbände, die in der aktuellen Panini-EM-Auflage offenbar Seltenheitswert haben. Einer der Buben in der Ottobrunner Bücherei ist schon ganz verzweifelt: "Das England-Wappen hat kein einziger meiner Freunde. Ich glaube, das gibt es gar nicht." Und er erweist sich als echter Sammelbild-Experte: "Früher hatte Panini keine Rechte, da war immer nur eine Fahne abgebildet. Aber diesmal ist echt wieder das Original-Wappen mit den drei Löwen drin."

Die Akkuraten haben ihre Tupperbox dabei, das Album liegt daheim

Auch die deutschen Spieler sind selbstverständlich gefragt, selbst wenn es einige als Bildchen gibt, die Bundestrainer Jogi Löw gar nicht mit nach Frankreich genommen hat: Erik Durm, Marco Reus und Max Kruse beispielsweise. Dennoch soll auf der Team-Doppelseite mit Neuer, Hummels, Schweini, Kroos und Müller kein Platz freibleiben. Zumindest bei denjenigen, die die Sammelei ernst nehmen.

Womit wir bei den verschiedenen Typen wären, die sich im Panini-Mikrokosmos tummeln, denn auch in Ottobrunn trifft man Exemplare der verschiedensten Gattungen. Da gibt es beispielsweise die Akkuraten, die ihre Doppelten nach Nummern geordnet in Tupperboxen aufbewahren, gepflegte Alben mit sich führen oder - idealerweise - die Hefte zur Schonung zu Hause gelassen haben und nur akribisch geführte Fehllisten mit sich führen.

Den Lässigen geht es vor allem ums Zocken der Panini-Bilder

Dann hätten wir da die Gelegenheitssammler, sie haben teilweise gut erhaltenes Material dabei, manche Bildchen aber sind übel ramponiert - Eselsohren und leichter Grauton inklusive. Und doch sehen diese Sticker immer noch besser aus als jene der besonders Lässigen: Deren Tauschmaterial ist ungeordnet und in besorgniserregendem Zustand. Man merkt, dass hier nicht viel Geld investiert wurde, es diesen "Sammlern" vielmehr um den neuen Volkssport geht, der bei einem Teil der Pickerl-Community angesagt ist: das Zocken.

Dabei legen zwei Kontrahenten jeweils eine vorher festgelegte Zahl an Bildern mit der Vorderseite nach oben auf den Tisch, dann wird per Fli-Fla-Flu ermittelt, welcher von beiden Spielern nun zum "Zocken" antritt: Er haut mit der flachen Hand auf die Bilder, die da auf der Tischplatte liegen und versucht dadurch, möglichst viele umzudrehen. All jene Sticker, die anschließend mit der Vorderseite nach unten liegen, darf der Zocker behalten, die übrigen gehen an seinen Gegner.

Manch einer der besonders talentierten Zocker hat gar kein Album, sondern nur die einzelnen Bilder, deren Qualität allerdings niemals ausreichen würde, um im Album eines Akkuraten zu landen. Einer mit einem dicken Stapel Karten erzählt nicht ohne Stolz, dass er sich nur ein Päckchen mit fünf Stickern gekauft habe und seither ständig erfolgreich zockt. Um Vollständigkeit der Sammlung geht es ihm dabei nicht, eher um die im wahrsten Sinne des Wortes diebische Freude, verbissene Sammler um deren sauer ersparte Anschaffungen zu bringen.

Mancher Tausch endet unbefriedigend. Doch noch bleibt den Sammlern Zeit

Apropos unfaire Deals: Ein Teenager mit englischen Wurzeln, den man getrost zur Kategorie der Akkuraten zählen darf, hat tonnenweise Doppelte dabei und stellt ziemlich heftige Regeln auf: Er will zehn reguläre Karten für ein Glitzerbildchen. Als ein anderer ausgerechnet eines der wenigen Wappen doppelt hat, die dem Engländer noch fehlen, gerät er sichtbar aus der Fassung. Dann kann er aufatmen: Auch der Tauschpartner braucht eines seiner glitzernden Doppelten - Glitzi gegen Glitzi, damit kommt der englische Junge darum herum, seinen selbst festgelegten Wucherpreis zu bezahlen.

Ein leicht nerdiger Einzelgänger in den Dreißigern hält es da ganz anders. Für ihn ist ein Bild wie das andere. Nach einer Stunde Tauschen ist er mit den Nerven ziemlich am Ende, lässt sich nur widerwillig auf einen letzten Deal ein. Und der endet unbefriedigend. Er bräuchte ein halbes Dutzend Bilder seines Tauschpartners, hat selbst jedoch nur ein einziges Stickerchen, das dem Gegenüber fehlt. "Kann man nix machen", seufzt der Sammler, unverkennbar einer der Akkuraten. "Hat sich trotzdem gelohnt, herzukommen." Dann packt er sein Material in die Tupperbox und wirft sich den Radlhelm über. Nächsten Freitag ist er gewiss wieder da.

© SZ vom 27.06.2016/gna
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