An diesem Mittwochmittag ist in Ottobrunn alles wie immer. Auf der Putzbrunner Straße und der Ottostraße, den beiden Hauptverkehrsstraßen, die durch die Gemeinde im Münchner Süden führen, fließt wie gewohnt der Verkehr, auf dem Wochenmarkt am S-Bahnhof gehen die Leute wie üblich einkaufen. Vor den Schulen sind zum Unterrichtsschluss nicht mehr Eltern als sonst mit Autos, um ihre Kinder abzuholen; die meisten Schüler sind mit dem Fahrrad da oder gehen zu Fuß. Zwei Tage nach dem rätselhaften Angriff auf ein zwölfjähriges Mädchen scheint alles normal.
Doch der Schein trügt. Vor der Schule, die das Mädchen besucht, steht ein Polizeiwagen. Nur wenige Schüler sind zur Mittagszeit vor dem Gelände, zwei Schülerinnen sitzen auf dem Fahrradständer etwas weiter hinten. Das Opfer sei eine Freundin von ihnen, erzählen sie. Sie sei heute auch wieder in die Schule gekommen. „Um zu vergessen.“ Die Achtklässlerinnen wirken verzagt, doch sie möchten reden. In der Schule hätten alle Angst, sagen sie. Eine von ihnen habe heute selbst gar nicht in der Pause vor die Schule gehen wollen, ihre Freundin habe sie jedoch ermuntert.
Wie es der Mitschülerin geht, die am Montag von einem Unbekannten am Bahndamm mit einem Messer angegriffen und leicht verletzt wurde, darüber wollen die beiden nicht sprechen. Aber ja, sie habe mehrere Schnitte in der Handinnenfläche, sagt eine der beiden und deutet dabei auf ihre Hand. Dazu macht sie mit den Fingerspitzen eine schneidende Bewegung.
Aus der Schule selbst ist keine Auskunft zu erhalten. „Weil das Verfahren noch läuft“, wie es heißt. Die Schulleitungen der Gymnasien und der Realschule in Ottobrunn und Neubiberg teilen zumindest mit, dass unter Lehrern und Schülern nach dem Vorfall, der natürlich wie ein Lauffeuer am Montagabend und am Dienstag die Runde machte, keine Unruhe herrsche.
Der Fahrer einer S-Bahn beobachtete den Vorfall und setzte einen Notruf ab
Von der Polizei hieß es am Donnerstag, also Tag drei nach der Tat, die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, es gebe auch bereits „Ermittlungsansätze“. Zur aktuellen Gefährdungslage in Ottobrunn wollte man keine Einschätzung vornehmen. Der Täter ist noch immer flüchtig, die Suche nach ihm laufe weiter. In Ottobrunn seien verstärkt Streifen unterwegs.
Am Tatort selbst weist nichts auf den Vorfall hin: keine Spuren, keine Absperrung. Hier, auf einem Fuß- und Radweg entlang der S-Bahnstrecke zwischen Ottobrunn und Neubiberg, wurde die Zwölfjährige nach ihren Schilderungen am Montagnachmittag von einem unbekannten Mann angegangen. Der Unbekannte zog offenbar an ihrer Tasche, worauf das Mädchen laut um Hilfe rief. Bei dem anschließenden Gerangel verletzte sie sich an einem Messer des Mannes. Der Fahrer einer S-Bahn beobachtete aus dem Triebwagen heraus den Vorfall und setzte sofort einen Notruf ab.
Der gut einen Meter breite Kiesweg führt neben dem Bahndamm zwischen Gartenzäunen und dem etwa acht Meter entfernten Gleis entlang. Alle Viertelstunde rattert eine S-Bahn vorbei. Schon lange vorher hört man über das Gleis das typische Geräusch eines sich nähernden Zuges. Die Bahnlinie ist hier, kurz hinter der Münchner Stadtgrenze, nur eingleisig. Viele Bäume und Büsche säumen den Weg. Sie liefern im Hochsommer begehrten Schatten, versperren aber auch teilweise die Sicht. Immer wieder gibt es aber auch große Lücken in dem Baumbestand zwischen Weg und Gleisen – so konnte der S-Bahn-Fahrer einen kurzen Blick auf das Mädchen und den Mann werfen. Irgendwo hier, zwischen der Putzbrunner Straße und dem S-Bahnhof Ottobrunn, hat der Täter die Schülerin abgepasst.

Auf einer Bank am Wegrand sitzen an diesem Mittwochmittag zwei Frauen und unterhalten sich lebhaft. Etwas weiter nördlich hat die Deutsche Bahn ein Habitat für Reptilien angelegt. Der wild aufgehäufte Totholzhaufen mit Sandschüttungen soll streng geschützten Tierarten wie etwa der Zauneidechse als Lebensraum dienen. Ein Radfahrer kommt vorbei, dann spaziert eine Frau zum Einkaufen auf dem nahen Markt. Der Weg wird auch an diesem Tag rege genutzt.
Eltern fragen sich: Soll man die Kinder abends noch rauslassen? Oder sie besser begleiten?
Trotz der friedlichen Stimmung herrscht in Ottobrunn unter Eltern ein diffuses Gefühl der Bedrohung. „Wir sind beunruhigt, aber nicht gleich panisch“, sagt eine Mutter von vier Kindern und ergänzt: „Wenn sich meine Kinder jetzt abends auf einer Wiese oder einem Spielplatz treffen wollten, würde ich sie aktuell eher zu uns einladen, denn man weiß ja nicht, wo der Täter ist.“ Es ist ein schmaler Grat zwischen besonnener Vorsicht und übersteigerter Angst.
Eine andere Ottobrunnerin, selbst Großmutter, macht sich nach eigenen Worten Gedanken, ob sie ihre Enkelkinder draußen herumlaufen lassen soll. „Es war ein irres Polizeiaufgebot mit einem Hubschrauber, der eine Dreiviertelstunde über uns herumflog“, schildert sie den Montagnachmittag. „Das war beunruhigend.“
Bereits am Montagabend hatte sich die Tat am Ort über Chatgruppen und Social Media verbreitet. Die Polizei ging erst anderntags mit Informationen an die Öffentlichkeit. Auch deshalb schwirrten am Ort zunächst verschiedene Gerüchte, wie Einwohner erzählen. Sie hätte sich frühzeitig offizielle Informationen gewünscht, sagt eine Mutter. „Eine verlässliche Warnung wäre wünschenswert gewesen.“ Zumal der Täter auch am Donnerstag noch immer flüchtig ist.

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Eine Mutter, die Mitglied im Elternbeirats am Gymnasium Ottobrunn ist und wie alle anderen nicht namentlich genannt werden möchte, berichtet von der eigenen, ebenfalls zwölfjährigen Tochter, diese habe am Dienstagabend geheult und nicht einschlafen können. Sie habe sie kaum beruhigen können. „Wie kann man das einem Kind antun?“, habe ihre Tochter gefragt. Dazu am helllichten Tag und auf diesem Weg.
Die Mutter weiß von Eltern, die sich seither verabredeten, um ihre Kinder zur Schule zu begleiten. Sie selbst wollte am Abend mit ihrer Tochter zu einer Theateraufführung gehen – damit beide ein sicheres Gefühl haben, solange der Unbekannte nicht gefunden ist.
Von dem Gesuchten hat das Münchner Polizeipräsidium folgende Beschreibung herausgegeben: Männlich, etwa 30 Jahre alt, 1,70 Meter groß, schlank, südländisches Erscheinungsbild, muskulös, sehr kurze schwarze Haare, Akne-Narben im Gesicht, schwarze Brille, dünne Lippen, kurzes dunkles Hemd, hellblaue enge Jeans. Zeugen, die am Montagnachmittag gegen 16 Uhr im Bereich des S-Bahnhofs Ottobrunn etwas beobachtet haben, das im Zusammenhang mit dem Vorfall stehen könnte, werden gebeten, sich beim Polizeipräsidium München, Telefon 089/2910-0, oder einer anderen Polizeidienststelle zu melden.

