Anders als der große Nachbar München hat Ottobrunn sich niemals mit dem Beinamen „Isar-Athen“ schmücken dürfen. Das wäre natürlich nicht nur ob fehlender klassizistischer Gebäude aus der Zeit König Ludwigs I. deplatziert, sondern auch, weil nicht einmal die Isar durch die Gemeinde fließt. Dafür reiste ein bayerischer Prinz im Dezember 1832 durch das heutige Gemeindegebiet: Auf dem Weg in sein künftiges Königreich Griechenland verabschiedete sich der 17-jährige Otto von Wittelsbach hier auf der alten Handelstraße am Kilometerstein 12 von seinem Vater Ludwig. Ein junger Bayer wird erster König des modernen Hellas, dessen Bewohner sich gerade erst von der osmanischen Herrschaft befreit hatten und auf eine beeindruckende antike Geschichte zurückblickten.
„Hier streifte der Flügel der Weltgeschichte eine fast nicht existierende Gemeinde auf dem Weg in die erste Heimat der Demokratie“, fasste es Hans Ottomeyer, Kunsthistoriker und ehemaliger Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin zusammen. Der 80-Jährige war der Festredner bei einer Jubiläumsveranstaltung am Dienstag im Wolf-Ferrari-Haus, welche die Geburt der „heimatkundlichen Sammlung des König-Otto-von-Griechenland-Museums der Gemeinde Ottobrunn“ vor exakt 50 Jahren feierte.
Ziel des Aufbaus dieser Sammlung war, das Wirken des Namensgebers der Gemeinde während seiner Regentschaft zu beleuchten und die historischen Beziehungen zwischen Bayern und Griechenland. „An ein Museum haben wir erst mal gar nicht gedacht“, sagte Jan Murken, der damals den Impuls gab. Das wurde dann aber doch – auch befeuert durch überregionales Interesse – im Dezember 1989 in Räumen des Rathausgebäudes eröffnet. Und Murken, der emeritierter Professor für Kinderheilkunde und Humangenetik ist, leitete es mit großem Engagement und Sammeleifer ehrenamtlich bis 2024, ehe die aktuelle Leiterin, Kunsthistorikerin Tabea Förth, übernahm.

Was macht dieses Museum, das gern als Kleinod bezeichnet wird, so besonders? Zum einen hat es mit seiner Themenwidmung eine Art „Alleinstellungsmerkmal“, was sich auch immer wieder in Besuchen griechischer Politiker und Würdenträger niederschlägt. Zum anderen ist es ein identitätsstiftender Faktor für die relativ junge und wenig traditionsreiche Gemeinde, wie Ottobrunns Bürgermeister Florian Schardt (SPD) betonte. Er erwähnte auch den „gelebten Bürgersinn“, auf dem das Gedeihen des Museums beruht, und der sich in einem engagierten Förderkreis entfalte.
Immer wieder kommen hohe griechische Amtsträger zu Besuch
Da das Museum auf ein spannendes Kapitel der bayerisch-griechischen Geschichte, das trotz des bekannten Philhellenismus’ Ludwigs I. – der seinem zweitgeborenen Sohn Otto den Weg auf den griechischen Thron ebnete und für das Ypsilon in Bayern verantwortlich zeichnet – sonst eher wenig Beachtung im Freistaat findet, macht es speziell interessant. „Unsere Ausstrahlungskraft ist europäisch“, konstatierte Murken. Und verwies darauf, dass neben den regelmäßigen Besuchen griechischer Botschafter, Priester oder Minister – am Dienstag war etwa Generalkonsul Konstantinos Kodellas zu Gast in Ottobrunn – auch hohe deutsche Politiker ihre Aufwartung machten. Auch die Familie des letztlich gescheiterten Otto, der 1862 nach einem Aufstand als König abdanken musste, zeigte sich angetan: „Das Haus Wittelsbach hat uns außerordentlich unterstützt“, sagte Murken. Dass Ottobrunn bereits 1978 mit Nauplia (Nafplio), der ersten Hauptstadt des modernen Hellas, eine deutsch-griechische Partnerschaft einging, war zudem eine Premiere.
Wichtig ist aber auch der Respekt in Fachkreisen, den sich das kleine Museum erworben hat. Die kommunale Institution beherbergt eine Sammlung, die mittlerweile rund 400 Exponate von Gemälden über Porzellan bis hin zu Schmuck umfasst. Glanzstücke sind ein Porträt des 17-jährigen Ottos I., gemalt von Friedrich Dürck nach dem Original von Joseph Stieler, sowie ein Reisesilberbesteck und zwölf Silberteller mit dem Monogramm König Ottos.

Bald wird ein weiteres Highlight die Sammlung ergänzen, das prominent am Festabend präsentiert wurde: eine glanzvolle und delikat gestaltete Reiterstatuette König Ottos I. von Griechenland. Sie zeigt ihn in Nationaltracht auf einem Araberhengst. „Ein Reiterstandbild ist die vornehmste Form des Herrscherporträts“, erklärte Kunsthistoriker Ottomeyer. Die 2024 überraschend auf einer Kunstmesse aufgetauchte Statuette – ein Messingguss – soll komplett aus Spenden und Fördermitteln angeschafft werden. Mehr als 25 000 Euro sind schon zusammengekommen und die stellvertretende Landrätin Annette Ganssmüller-Maluche (SPD) überreichte im Namen des Landkreises München noch einen Scheck im Wert von 500 Euro, sodass die festgelegte Kaufsumme fast erreicht ist.
„Wir sind umgeben von Geschichte und brauchen diese Schöpfungen der Vergangenheit“, sagte Ottomeyer, der vor allzu starker Gegenwarts-Fokussierung warnte. Und gerade mit Blick auf Europa, dessen kulturelle Wurzeln in der Antike zu finden sind, war der an die Museumsfreunde gerichtete Gästebuch-Eintrag des griechischen Vize-Außenministers Joannis Loverdos vom Mai 2025 schön. Murken rezitierte ihn berührt: „Wir betrachten Sie als wahre Griechen, die unsere Werte in Bezug auf Bürgersinn, Ethik und ökonomische Werte teilen.“

