ErinnerungsarbeitNS-Geschichte im Stil von Instagram-Reels

Lesezeit: 4 Min.

Dieses historische Foto zeigt, wie Munition in der Muna Hohenbrunn verladen wird.
Dieses historische Foto zeigt, wie Munition in der Muna Hohenbrunn verladen wird.
Repro: Claus Schunk, Quelle: Gemeindearchiv Hohenbrunn
  • Gymnasiasten aus Ottobrunn haben die Geschichte der NS-Munitionsanlage Hohenbrunn erforscht und Schicksale von Zwangsarbeitern in kurzen Videos aufbereitet.
  • In der 1938 errichteten Muna arbeiteten bis 1945 schätzungsweise 4000 Menschen, ein Großteil davon Zwangsarbeiter aus Tschechien, Polen und der Sowjetunion.
  • Das ehemalige 180 Hektar große Gelände ist heute größtenteils gesperrt, die Gemeinden prüfen Möglichkeiten einer öffentlichen Nutzung des historischen Areals.
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Die NS-Zeit wirkt auf viele junge Menschen fern und abstrakt. Ein P-Seminar am Ottobrunner Gymnasium hat die Schicksale von Zwangsarbeitern der Muna Hohenbrunn recherchiert und in kurzen Videos aufbereitet.

Von Irmengard Gnau, Hohenbrunn

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Seit das US-Nationalarchiv die NSDAP-Akten freigegeben hat, beschäftigen sich viele Menschen in Deutschland mit der Vergangenheit von Familienangehörigen. Für junge Menschen von heute hingegen ist die NS-Zeit oft abstrakt, die Verbrechen der Nationalsozialisten sind kaum greifbar. Das P-Seminar Geschichte am Gymnasium Ottobrunn hat sich deshalb auf Spurensuche begeben und Zeugnisse dieser Zeit ganz in der Nähe entdeckt.

Die sogenannte Muna liegt nur wenige Kilometer Luftlinie vom Gymnasium entfernt, verborgen im Wald, auf dem Gebiet der beiden Nachbargemeinden Hohenbrunn und Höhenkirchen-Siegertsbrunn südöstlich von München. 1938 ließen die Nationalsozialisten dort eine Munitionsanstalt errichten, in der Nachschub für die Waffensysteme der Wehrmacht produziert wurde. Auf dem Gelände entstanden mehr als hundert Munitionsbunker, dazu Fertigungshallen, Verwaltungsgebäude – und Baracken. Denn auf dem etwa 180 Hektar großen Areal lebten und arbeiteten bis 1945 schätzungsweise etwa 4000 Menschen, ein Großteil von ihnen waren Zwangsarbeiter.

Matthias Weigert, Geschichtslehrer am Gymnasium Ottobrunn, hat die Erfahrung gemacht, dass lokal erlebbare Geschichte bei seinen Schülerinnen und Schülern auf großes Interesse stößt. „Dass es so etwas wie die Muna hier in der Umgebung gibt, wusste ich nicht. Das fand ich gleich faszinierend“, sagt Elfklässler Leonardo Mroz. Gemeinsam mit Weigert und sieben weiteren Seminarteilnehmern hat der 17-Jährige unter dem Titel „Die Muna Hohenbrunn – Zwischen Krieg und Erinnerung“ ein Schuljahr lang die Schicksale der Zwangsarbeiter recherchiert und sie für ihre Generation aufbereitet – in Form von kurzen Videos, die nun im Netz zu sehen sind.

Acht Videoclips im Stil von Instagram-Reels oder Youtube-Shorts sind entstanden, die unterschiedliche Aspekte des Lebens in der Muna und der Bedingungen, unter denen die Zwangsarbeiter dort leben und arbeiten mussten, beleuchten. Für ihre Recherchen haben die Teilnehmer des Seminars eng mit dem Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau zusammengearbeitet und Dokumente der Arolsen Archives, dem weltweit größten Archiv zu Opfern des Nationalsozialismus, ausgewertet. Dort finden sich Meldekarten von Zwangsarbeitern, die in Hohenbrunn untergebracht waren. Einige ihrer Lebensgeschichten rekonstruierten die jungen Leute und bereiteten sie für die Videos auf, um den historischen Ereignissen ein persönliches Gesicht zu geben.

Wie viele hier Zwangsarbeit leisten mussten, ist bis heute nicht bekannt

Eine weitere wichtige Quelle für die Gymnasiasten war die Historikerin Elsbeth Bösl von der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg, die und unter anderem zu Zwangsarbeit im Landkreis München geforscht hat. Wie viele Männer und Frauen in der Muna Hohenbrunn Zwangsarbeit leisten mussten, ist bis heute nicht genau bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs beutete das NS-Regime schätzungsweise 26 Millionen Menschen aus. Die Zwangsarbeitenden in Hohenbrunn kamen vor allem aus Tschechien, Polen und der damaligen Sowjetunion.

Blick in ein Munitionshaus der 1940er-Jahre in der Muna Hohenbrunn.
Blick in ein Munitionshaus der 1940er-Jahre in der Muna Hohenbrunn.
Repro: Claus Schunk, Quelle: Gemeindearchiv Hohenbrunn

So etwa Tatjana Andrejtschuk. Die junge Frau wurde aus ihrer Heimat in der Sowjetunion zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Den Akten zufolge brachte sie 1944 in Dachau ihre Tochter Anna zur Welt. Mit ihrem Säugling wurde Andrejtschuk nach Hohenbrunn verlegt, wo sie in der Muna Munition für die Wehrmacht herstellen musste. Tochter Anna starb dort im Alter von nicht einmal zwei Jahren. Als Todesursache ist „Rachitis“ vermerkt – eine Krankheit, die vielfach bei Mangelernährung auftritt.

Besonders perfide erscheint, dass gerade das Lager in Hohenbrunn, in dem die Menschen in der Munitionsfabrik so gefährliche Arbeit ohne jede Sicherheitsvorkehrungen leisten mussten, von den Nazis als Familienlager konzipiert wurde, also auch Kinder dort lebten. Das habe die Schüler immer wieder schlucken lassen, sagt Seminarleiter Weigert, „dass dort auch Kinder im Lager waren, in einer Umgebung, die kinderfeindlicher kaum sein könnte“.

Das ehemalige Muna-Gelände beeindruckt bis heute. „Als wäre die Zeit stehen geblieben“, sagt Mroz. Die Gemeinde Hohenbrunn ermöglichte den Seminarteilnehmern eine Führung über das abgesperrte Areal, auf dem noch zahlreiche Bunker, Gebäudefundamente und Reste der Gleisanlagen erhalten sind. „Dort hat man die Geschichte an sich selbst gespürt“, sagt Teilnehmer Leon Winklhofer.

Für das P-Seminar Geschichte 2025/26 haben sich Gymnasiasten aus Ottobrunn mit der Historie der Heeresmunitionsanstalt „Muna Hohenbrunn“ beschäftigt. Dafür forschten die Schüler unter anderem im Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau.
Für das P-Seminar Geschichte 2025/26 haben sich Gymnasiasten aus Ottobrunn mit der Historie der Heeresmunitionsanstalt „Muna Hohenbrunn“ beschäftigt. Dafür forschten die Schüler unter anderem im Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau.
Matthias Weigert
Vom Archivpfleger von Hohenbrunn Rudolf Wenzel erhielten die Schüler eine Führung über das Gelände der ehemaligen Muna.
Vom Archivpfleger von Hohenbrunn Rudolf Wenzel erhielten die Schüler eine Führung über das Gelände der ehemaligen Muna.
Matthias Weigert

Am Eingang des Muna-Geländes erinnert heute ein Denkmal an das Schicksal der Menschen, die in der Muna Zwangsarbeit leisten mussten. Die Gemeinde Hohenbrunn hat es 2015 eingeweiht. Massive Steinquader formen ein Tor, auf dessen Bogen ein Stein aus der Original-Mauer der Muna eingelassen ist. An den Felssäulen ist eine Messingtafel befestigt, die Passanten mit eindringlichen Worten darauf hinweist, welche unmenschliche Behandlung die Zwangsarbeiter an diesem Ort einst erfuhren. Viele von ihnen überlebten die unmenschlichen Bedingungen im Lager nicht. „Ausbeutung und Rassismus verletzten die Menschenwürde zutiefst“, mahnt die Inschrift, die Vergangenheit als Lehre für die Gegenwart zu betrachten.

Die Seminarteilnehmer hoffen, mit ihren Videos dazu beizutragen, die Geschichte dieses besonderen Orts bekannter zu machen  – auch unter Gleichaltrigen. „Wir wollen auch der jüngeren Generation ins Gedächtnis rufen, was da passiert ist – gerade, weil es so nah ist“, sagt Mroz. Die Videos sind auch auf Instagram abrufbar. Winklhofer hofft, mit Projekten wie diesem auch bei anderen Jugendlichen Interesse an Geschichte zu wecken. „Es ist einfach faszinierend, wie viel es da auch regional zu entdecken gibt“, sagt der 17-Jährige.

Ein ehemaliger Bunker auf dem Gelände der Muna.
Ein ehemaliger Bunker auf dem Gelände der Muna.
Matthias Weigert

Auch nach dem Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland blieb die Muna Hohenbrunn jahrzehntelang militärisch genutzt. Zunächst übernahmen die US-Streitkräfte das Gelände, ab 1958 betrieb die Bundeswehr auf dem 180 Hektar großen Areal ein Munitionslager. Erst 2007, im Zuge der Bundeswehrreform, wurde die Muna als Stützpunkt aufgelöst. Die Gemeinden Höhenkirchen-Siegertsbrunn und Hohenbrunn erwarben das Gelände. Seither haben sich auf einem Teil der ehemaligen Muna Gewerbebetriebe angesiedelt. Der übrige Teil des Geländes blieb eingezäunt und ist bis auf Weiteres gesperrt.

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Im Wald bei Hohenbrunn mussten Zwangsarbeiter Munition für die Nazis produzieren. Später übernahmen die Amerikaner und die Bundeswehr das "Muna-Gelände" voller Bunker. Noch heute darf man es nicht einfach so betreten.

SZ PlusVon Angela Boschert und Sebastian Gabriel

Die Kommunen prüfen Möglichkeiten, das historische Areal für die Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Konkrete Pläne gibt es bislang jedoch nicht. Bis dahin erobert sich die Natur das Gelände zurück: Pflanzen überwuchern Mauerreste, Vögel und Amphibien dort Lebensräume. Die Gemeinden Hohenbrunn und Höhenkirchen-Siegertsbrunn bieten regelmäßig Führungen über das ehemalige Gelände an – wahlweise mit historischem oder naturkundlichem Schwerpunkt. Die nächste historische Führung findet am Freitag, 9. Oktober, statt (mit Anmeldung über die Gemeinde Hohenbrunn).

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