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Ottobrunn:Generalangriff auf die Sinne

Bernd Seidel bietet ein Kultur-Sommerfest der Extraklasse - mit akrobatischen Choreografien, magischen Momenten und einer Stimme "besser als Zarah Leander". Ein Wolkenbruch vor der Veranstaltung irritiert die Organisatoren nur kurz

Von Udo Watter, Ottobrunn

Die tiefe Stimme, die rauchig-verruchte Klangfarbe und natürlich das rollende "R": Karin Pagmár singt von der Liebe, die keine Sünde sein kann, sie singt von Wind, Wunder und Waldemar. Und wer ihre dunkel timbrierten Worte über dem Rosengarten schweben hört - flankiert von Lichteffekten in der Ottobrunner Nacht - den dürfte auch dieser besondere Glamour angeweht haben, den die ursprüngliche Interpretin dieser Lieder, die große Zarah Leander, verkörperte.

Festival der Verführungen: Die Feuershow von "Lux Aeterna" war spektakulär.

(Foto: Claus Schunk)

Auch Pagmár ist Schwedin, sie hat den Gestus und Stil ihrer 1981 verstorbenen Landsfrau verinnerlicht, klingt in ihren Darbietungen von "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" oder "Es wird einmal ein Wunder geschehen" indes ein wenig schwermütiger und nicht ganz so keck. Ihre Vorstellung auf einer Bühne, die eigens über dem Brunnen im Rosengartens errichtet worden war, gehörte sicher zu den Höhepunkten des Ottobrunner Kultur-Sommerfests. Organisator Bernd Seidel hatte sie ja auch entsprechend enthusiastisch angekündigt: "Sie hat eine noch bessere Stimme als Zarah Leander."

Initiator Bernd Seidel fand sogar Muße zum Tanzen.

(Foto: Claus Schunk)

Leanders "Davon geht die Welt nicht unter" hat Pagmár an diesem Abend nicht gesungen und die Apokalypse trat auch gegen 16 Uhr in Ottobrunn nicht ein. Aber der Himmel öffnete um diese Zeit mächtig seine Schleusen, das Wasser stand hoch im Garten hinter dem Wolf-Ferrari-Haus, wo in Kürze das Fest beginnen sollte. Letztendlich klarte es aber nach einer Weile wieder auf und das Wetter blieb den ganzen Abend über ruhig. "Wir haben so ein Glück gehabt", betonten Seidel und Horst Frank, Leiter des Wolf-Ferrari-Haus, unisono.

Die Sängerin Karin Pagmár trug mit ihrem Zarah-Leander-Potpourri zum inspirierenden Programm des Kultursommers bei.

(Foto: Claus Schunk)

Dieses Glück kam natürlich auch dem Publikum zugute, dem so ein abwechslungsreiches, originelles und optisch verführerisches Open-Air-Programm geboten wurde. Ein besonderer Hingucker war die Feuershow von Lux Aeterna - das artistische und virtuos choreografierte Spiel mit den Fackeln oder Feuerscheiben, das die beiden Protagonisten zu Tango-Klängen oder dem Soundtrack von "Die wunderbare Welt der Amelie" zeigten, war als betörender Pas de deux sehr sinnlich. Durch schnelles Rotieren und Variieren der Flammenbewegungen entstanden stets neue Muster und Spiralen: eine Art Feuerpoesie, die sich kreisend und gleitend in den nächtlichen Raum malte.

Die Schülerinnen der Abraxas Musical Academie performten unter anderem das Musical "Hairspray".

(Foto: Claus Schunk)

Das Spiel mit den Illusionen, das Erschaffen magischer Momente, Artistik, und Varieté-Künste - für all das hat Bernd Seidel, der selbst Theaterregisseur ist, ja ein besonderes Faible. Daher haben diese Kunstformen auf dem Ottobrunner Kultursommerfest, das heuer bereits zum 31. Mal stattfand, einen besonderen Platz. Das Duo Taff Enough zeigte etwa eine gelungen Mixtur aus Comedy, Jonglage und Hochradartistik. Den Besuchern, die bei freiem Eintritt wieder sehr zahlreich erschienen waren, wurde zudem etwas präsentiert, was man zu sehen sicherlich nicht allzu oft die Gelegenheit hat: Das Tanz- und Trommelensemble Diamoral bot mitreißende westafrikanischen Rhythmen und spezielle Tänze.

Das von Aliou Badji, einem ehemaligen Tänzer und Choreograf des Senegalesischen Nationalballetts, gegründete Ensemble will stets, dass der kollektive Funke der Bewegung überspringt. Ein besonderes Highlight ist dabei der maskierte Tanz auf Stelzen, den Badji bereits als Kind gelernt hat. Er gilt als akrobatische Höchstleistung, die auch in Westafrika nur wenige Menschen beherrschen. In Rot gewandet und das Gesicht verschleiert, zeigte der Stelzentänzer in Ottobrunn erstaunliche Bewegungen: mal nur lässig die Hüften wippend, dann fast breakdance-artig agierend. Einmal hob er ein Bein respektive eine Stelze über einen Handtrommler, ein andermal dialogisierte er geschmeidig dynamisch zuckend mit einer Tänzerin. Am Ende stieg er sogar von der Bühne, klatschte einen Besucher ab und animierte das Publikum, sich auf den Rhythmus einzulassen.

Mitreißend und rhythmisch packend auf andere Art war der Auftritt der Abraxas-Musical-Academie, die schon so was wie ein Stammgast beim Kultursommerfest ist. Die jungen, fast ausschließlich weiblichen Mitglieder zeigten Ausschnitte aus den Musicals "Arielle", "Aladin" und "Hairspray". Schön zu sehen, wie die Protagonistinnen in fließenden Bewegungen interagierten, wie sie keck Bella Figura machen und zudem auch noch gut sangen. Knallbuntes Styling, Dekoration und Frisur (Hairspray!) stimmen auch, sodass die diversen Auftritte der Münchner Musical-Akademie natürlich Eye-Catcher sind.

Beim Auftritt von Rumbalea, einer Gipsy-Kings-Coverband, wagten sogar einige Besucher inklusive Moderator Bernd Seidel, sich selbst tänzerisch zu betätigen. Natürlich durfte "Bamboleo" nicht fehlen, aber auch eine schöne Version von "My Way" spielte die Band. Das Fest, bei dem die Künstler diesmal gleich auf drei Bühnen auftraten, klang schön illuminiert gegen Mitternacht aus. Dass es auch nächste Jahr stattfindet und große Resonanz erfährt, dafür muss kein Wunder geschehen.

© SZ vom 29.07.2019

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