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Ottobrunn:"Die freie Szene wird weiter verschwinden"

Meinungsstark und braun gebrannt: Bernd Seidel bezeichnet sich als Alt-68er und vermisst manchmal die Offenheit früherer Generationen.

(Foto: Claus Schunk)

Der Theaterregisseur Bernd Seidel lebt seit einigen Jahren in Andalusien, gestaltet aber von dort aus weiterhin die Spielzeit im Ottobrunner Wolf-Ferrari-Haus. Der 66-Jährige spricht über die Zukunft der Kultur und ihre gesellschaftliche Relevanz

Bernd Seidel, Theaterregisseur und künstlerischer Berater des Wolf-Ferrari-Hauses in Ottobrunn, lebt mit seinem Mann, dem Schauspieler Patrick Gabriel, seit 2013 in Andalusien. Obwohl sich auch in Spanien die Lage entspannt und Lockerungen einsetzen, sind die Einschränkungen dort noch immer strikter als etwa in Bayern. Ein Gespräch mit dem 66-Jährigen über Krise, Kultur und Politik.

SZ: Waren Sie jetzt, wo man es wieder darf, schon mal joggen?

Seidel: Nein, aber ich habe in den vergangenen Wochen viel mit Patrick im Haus trainiert. Und ich geh jetzt wieder mehr spazieren. Aber ihr habt gut reden: In Deutschland wurde ja in vielen Bereichen relativ schnell gelockert.

Bei uns waren die Ausgangsbeschränkungen weit weniger drastisch.

Ja, und einige Wochen lang, als das Wetter in Deutschland so schön war, hat es bei uns dauernd geregnet und es war kalt. Gott sei Dank haben wir ein großes Anwesen mit Garten, aber ins Freie gegangen sind wir in der Zeit nicht oft. Jetzt aber ist es heiß hier und wir genießen es.

Im Gegensatz zu Deutschland waren die Proteste in Spanien gegen die Einschränkungen aber nicht so lautstark.

Es regen sich schon viele auf und die politischen Diskussionen hier sind wild. Nach kleineren Lockerungen waren die Straßen schnell voll. Es gibt Kontra gegen die Maßnahmen der Regierung, aber "Verschwörungstheorie", das Wort Nummer 1 in Deutschland, kam mir bisher nicht zu Ohren. Dabei ist die Situation hier prekär, der Staat kann nicht in der Dimension Unterstützung leisten wie in Deutschland. Und große Familien waren viele Wochen in kleinen Wohnungen zusammen gepfercht.

Sie selber sind in ihrer Bewegungsfreiheit noch limitiert. Sie reisen normal öfter im Jahr nach Deutschland, zu ihrer Mutter nach Niedersachsen und beruflich nach Bayern und Ottobrunn.

Der Ottobrunner Kultursommer, der im Juli stattfinden hätte sollen, wird wohl ausfallen. Andere Veranstaltungen im Programm sind verschoben oder abgesagt. Mal sehen, ob im November der alljährliche Kabarett-Wettbewerb, den ich bereits vollständig gestaltet habe, stattfindet.

Wie sieht es mit dem Stück aus, das Sie jedes Jahr inszenieren und gewöhnlich im Herbst in Ottobrunn als Premiere zeigen?

Die Aufführung des Stücks, das ich mir vorgenommen habe, ("Diva" von Dirk Dobbrow, A.d.V.) ist diesmal ohnehin erst für Januar 2021 geplant. Wir wollen im Dezember 2020 in Spanien zu proben beginnen.

Wie sehen Sie denn generell die Lage der Kultur in diesen Zeiten?

Es wird sich einiges ändern. Auch in Deutschland werden nach dieser Krise, die immense Verschuldung bedeutet, Unterstützungen für alle Bereiche genau zu überlegen sein. Ich fürchte, dass eher nur die Hochkultur profitiert. Was das Theater angeht, werden die großen Häuser vorwiegend überleben, während die lebendige, freie Szene, die es in München aber eh nicht mehr so stark gibt, weiter verschwinden wird. Als Alt-68er muss ich sagen: Früher war es offener, bunter und spannender. Vielleicht auch gerechter. Mich nerven die vielen hobbyähnlichen virtuellen Auftritte von Künstlern, das könnte zur Folge haben, dass die Kunst verstärkt ins Virtuelle verdrängt wird. Es müssen neue und gerechtere Konzepte her, die alle Menschen an die Kunst heranführen.

Wie meinen Sie das?

Die Diskrepanz zwischen oben und unten wird größer. In der Krise sind die Schwächeren wieder die Benachteiligten. Das ist überall in der Gesellschaft so, aber im Theater, in der Kunst, darf das erst recht so nicht sein. Immer noch gibt es finanziell Riesenunterschiede zwischen Intendanten, Regisseuren, Großschauspielern und Großkabarettisten einerseits und freien Künstlern, weniger bekannten Schauspielern oder Mitarbeitern an den Häusern andererseits. Was soll das? Der Kapitalismus hat sich in die Kunst eingegraben. Solidarität kommt schnell an Grenzen. In der Krise fällt diese Heuchelei noch stärker auf.

Was kann man dagegen tun?

Ich persönlich kann mich nicht beschweren, ich bin selber ja auch privilegiert. Dass uns in diesem Sommer viele Vermietungen wegen Corona weg kippen, ist heftig, aber wir können das glücklicherweise finanziell verkraften. Ich finde einfach, dass wir mehr Gerechtigkeit brauchen. Wir selber unterstützten auch mehrere Leute regelmäßig.

Sehen sie die Chance, dass sich da jetzt was im Bewusstsein ändert.

Die Natur blüht auf, soziale Berufe werden eher wertgeschätzt, vielleicht ergibt sich bei manchem eine neue Sichtweise. Selbst in der Kultur habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, das man das goldene Kalb "Staatstheater" mehr in Frage stellt und die freie Szene stärker fördert. Die früheren Errungenschaften - Theater, Kunst, Medien mehr nach draußen zu tragen - sind fast nichtig gemacht worden. In den 70ern und 80ern gab es andere Lebensmodelle, nicht alles, aber manches war besser, denken Sie an die heutige Wohnungsnot. Ich hoffe jetzt, dass sich in der Kunst mehr Austausch und Interessengemeinschaften entwickeln, die sich gegenseitig unterstützen.

Das klingt gar nicht so pessimistisch.

Auf der anderen Seite habe ich aber das Gefühl, dass der allgemeine Diskurs abweichende Meinungen kaum mehr zulässt. Wenn man sich zu Freiheitseinschränkungen kritisch äußert, die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen hinterfragt oder auch gewisse Vernetzungen von Persönlichkeiten anspricht, wird man schnell mit Verschwörungstheoretikern in einen Topf geworfen. Da habe ich auf Facebook schon den ein oder anderen Shitstorm erlebt.

Noch mal zurück zum Theater. Was würden Sie sich abschließend wünschen?

Dass wir weniger diese hoch geförderten Festivals wie Bayreuth haben, sondern mehr spannende, kleine Projekte. Dass wir wieder mehr junge Leute ins Theater bringen, zumal die Zahl der älteren Besucher nach und durch Corona zurückgehen wird. Dass den Menschen noch mehr klar wird, welchen Stellenwert Kultur hat. Und ganz allgemein: dass wir emphatischer, gerechter und solidarischer sind.

© SZ vom 23.05.2020

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