Coronavirus:Flatrate für Impfgegner

Corona-Tests am Arbeitsplatz

Seit Schnelltests nicht mehr vom Staat bezahlt werden, bestimmt der Markt den Preis. Die Anbieter reagieren zum Teil mit Flatrates und Rabatten.

(Foto: Robert Michael/picture alliance/dpa)

In Ottobrunn bietet ein Testzentrum Pauschalpreise und Gruppenermäßigungen an. Kritik an dem Geschäftsmodell weist der Betreiber zurück: Ihm gehe es um die Gesundheit der Bevölkerung.

Von Leo Kilz

Eine Flatrate ist in den meisten Handyverträgen inzwischen Standard. Allnet-Flat, SMS-Flat und Internet-Flat bieten unbegrenzte Leistung zum Pauschalpreis. Nun wird das Konzept auf Corona-Tests übertragen. Nach dem Ende der kostenlosen Bürgertests am 11. Oktober kann man etwa in Ottobrunn zu einem Pauschalpreis beinahe täglich einen Abstrich nehmen lassen. Weil die Zielgruppe vor allem Impfgegner sind, ist das Geschäftsmodell umstritten.

Im Landkreis München ist das "Teste dich"-Schnelltestzentrum in Ottobrunn der Flatrate-Vorreiter. Für 30 Euro kann sich dort jeder in einer Woche bis zu sechs Mal testen lassen. Für Gruppen mit maximal fünf Personen gibt es das Angebot "Family & Friends". Sie erhalten einen Gruppenrabatt wie im Freibad oder bei der Deutschen Bahn und zahlen so pauschal nur 40 Euro.

Was skurril klingt, hat Testcenter-Betreiber Oliver Mohrmann sich gut überlegt. "Wir möchten den Anreiz zum Testen weiter hochhalten", sagt er. Ihm geht es nach eigenen Angaben um die Gesundheit der Ottobrunner Bürger. "Mir wär es am liebsten, alle würden sich schnell impfen lassen", sagt Mohrmann, aber viele seien so entschieden gegen eine Impfung, dass ein günstiges Testangebot sie möglicherweise davon abhalte, sich ohne gültigen Nachweis Zutritt zu Veranstaltungen und Gaststätten zu verschaffen. 1G sei immer noch besser als 0G, so argumentieren viele Test-Anbieter. Außerdem, sagt Oliver Mohrmann, forderten Arztpraxen oder Krankenhäuser immer häufiger ein negatives Testergebnis zusätzlich zur Impfung, böten aber selbst keine Abstriche mehr an.

Das Flatrate-Konzept auf Branchen jenseits der Telekommunikation zu übertragen, ist keine neue Idee. Bis zum Jahr 2007 konnte auf Flatrate-Partys für ein paar Euro unbegrenzt Alkohol getrunken werden. Dann setzten Bund und Länder dem exzessiven Konsum per Verbot ein Ende. Trotzdem kann der nachtschwärmende Sparfuchs sich weiterhin zum Fixpreis volllaufen lassen: Cocktail- oder Wein-Flatrates finden sich auf vielen Speisekarten.

Nun gibt es also die Coronatest-Flatrate. In Ottobrunn wird das Angebot bisher gut angenommen: 30 bis 40 Prozent der kostenpflichtigen Testungen werden nach Angaben Mohrmanns zum Spezialpreis abgewickelt.

Noch sind solche Angebote aber die Ausnahme. Andreas Adamosky etwa betreibt mit seinem Medizintechnik-Vertrieb MTECA drei Testzentren in Oberhaching, Kirchheim und Aying und rechnet jeden Test einzeln ab. "Es fördert die Impfquote mit Sicherheit nicht", sagt er zu den Flatrate-Angeboten. Auch Adamosky würde sich wünschen, dass alle schon geimpft sind. Für manche Situationen und Personengruppen könne ein günstigerer Preis in der Menge aber sinnvoll sein, räumt er ein. Für MTECA ist ein Flatrate-Angebot auch deshalb keine Option, weil es sich wirtschaftlich wohl nicht rechnen würde. Auch die Betreiber des Testzentrums an der Technischen Universität in Garching zweifeln daran, dass die Flatrate sich lohnt. Außerdem sei die Software zur Anmeldung nicht auf Sonderangebote ausgelegt.

Bisher setzt nur der freie Markt der Kreativität gewiefter Test-Anbieter Grenzen. Maßgeschneiderte Verträge für Großkunden bieten zwar inzwischen fast alle Testzentren an. Sonderangebote wie die Ottobrunner Flatrates und Familienrabatte sind aber ein neues Phänomen. An einer Teststelle in Olching gibt es sogar eine Happy Hour.

Als Pauschalpreis-Pionier Oliver Mohrmann, der hauptberuflich Geschäftsführer eines Unternehmens für Licht- und Medientechnik ist, sein Testcenter im Januar dieses Jahres eröffnete, war noch nicht absehbar, welche Ausmaße Corona-Testungen über den Sommer annehmen würden. "Wir waren damals erst die dritte Teststelle im Landkreis", erzählt er. Dass so lange getestet wird, hatte Mohrmann nicht erwartet. "Ich hätte nichts dagegen, wenn ich mich bald wieder auf meine Firma konzentrieren könnte", sagt er. Doch solange die Tests dazu beitragen, dass mehr Erkrankungen erkannt werden, will er weiter testen lassen. Und der Anteil der positiven Tests stieg zuletzt kräftig an.

Der Frage, ob Pauschalpreise der Pandemiebekämpfung nutzen oder schaden, werden die Betreiber sich trotzdem stellen lassen müssen. Das Testzentrum in Ottobrunn bietet die Schnäppchen-Tests übrigens in einem umfunktionierten Ladengeschäft des Telefonanbieters O2 an. Zumindest geografisch wird das Flatrate-Konzept also noch dort angewendet, wo es ursprünglich herkommt.

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