bedeckt München 15°

Ottobrunn/Aschheim:Die Ladenhüter

Ohne Wiesn keine Tracht und keine Lebkuchenherzen: Wie die Pandemie zwei sonst erfolgreiche Geschäftsleute trifft

Von Christina Hertel, Ottobrunn/Aschheim

Dass Peter Seeböck in seinem Laden in Ottobrunn nach und nach T-Shirts und Jeans gegen Dirndl und Lederhose tauschte, ist fast 30 Jahre her. "Damals", sagt er, "trugen auf der Wiesn bloß die Deppen und die Musikanten Tracht." Er habe jedoch immer daran geglaubt, dass die Leute eines Tages verstehen, dass Tracht mehr ist als eine Klamotte - "sie ist eine Haltung, Brauchtum, Kultur". Und zumindest insofern hatte Peter Seeböck, der sich Tracht'n Bäda nennt, Glück. Auf dem Oktoberfest fällt längst derjenige auf, der dort in Jeans und T-Shirt auftaucht, und so konnte Seeböck jedes Jahr mehr Geschäft machen.

Zuletzt verkaufte er 4000 bis 5000 Dirndl im Jahr, alles hochwertige Teile, unter 100 Euro hänge in seinem Laden nichts. Das meiste verkaufte Seeböck ein paar Wochen vor der Wiesn und während der Wiesn selbst. Doch weil die dieses Jahr ausfällt und weil auch die meisten anderen Volksfeste wegen Corona abgesagt wurden, sei er nun in eine Lage geraten, die Existenz bedrohend sein könnte, hätte er in der Vergangenheit nicht so viel gespart, sagt der 61-Jährige. Er mache zur Zeit 80 Prozent weniger Umsatz. Vor der Kasse, wo zu dieser Jahreszeit normalerweise lange Schlangen stehen, herrsche gerade die meiste Zeit Leere. "Manche kaufen aus Solidarität, manche weil sie die Wiesn jetzt im Garten feiern", sagt Seeböck.

Bernd Dostler mit seinen Süßigkeiten gehört zu den Verlierern des Virus.

(Foto: Privat)

Doch vergleichen könne man das mit den Vorjahren nicht. Und auch sein zweites Standbein ist mit Corona wackelig geworden: Seeböck betreibt auf Volksfesten in der ganzen Republik von Paderborn bis Regensburg Almen, wo er neben Tracht auch Essen und Trinken verkauft. Heuer stand seine Bude bloß in München beim Sommer in der Stadt. Sich endlich wieder wie ein Schausteller zu fühlen, habe zwar Spaß gemacht. "Aber Geld habe ich dort fast keines verdient", sagt Seeböck. Er hofft nun auf die nächste Saison. Denn seine Trachten seien schließlich dafür gedacht, dass man sie ein Leben lang tragen kann.

"Ein Herz schmeißt man nicht weg", sagt Bernd Dostler. "Das wäre eine Todsünde." Seit 20 Jahren verkauft er mit seiner Firma Zuckersucht aus Aschheim Lebkuchenherzen auf dem Oktoberfest. Das sei immer ein krisenfestes Geschäft gewesen. "Die Wiesn ist der Ort in der Welt, der den Ton angibt, wenn es um Schmankerl und Lebensfreude geht." Dieses Jahr allerdings bestimmt nicht die Tradition, sondern ein Virus und ohne Oktoberfest tut sich Dostler schwer, seine Ware los zu werden.

Peter Seeböck mit seinen Lederhosen und Dirndln.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mit der Produktion von einigen Millionen Herzen beginnt Dostler immer schon Anfang des Jahres, 40 Prozent davon verkaufe er normalerweise auf dem Oktoberfest. Seine Lager sind also immer noch voll. Was macht er also mit all den Herzen, die niemand kaufen will? Dostler verschenkt sie - an soziale Einrichtungen und an Menschen, die Freude an einem Lebenkuchenherz haben. Doch weil sich damit kein Geld verdienen lässt, seien bei ihm Schlafmangel und Bauchschmerzen inzwischen "Allgemeinzustand". Die Sorge um seinen Betrieb und seine Mitarbeiter seien groß.

Denn nicht nur in München wird dieses Jahr nicht gefeiert - auch die Oktoberfeste in Australien, Neuseeland und China fallen aus. 2020 fühle sich deshalb für ihn an wie eines seiner harten Gründerjahre. Nur ein Drittel seiner 150 Angestellten arbeitet zurzeit, der Rest ist in Kurzarbeit. Für die Wirtshaus Wiesn oder den Sommer in der Stadt sind die Bestellungen eher klein ausgefallen. Dostler versucht deshalb zu sparen, wo es geht, und verkauft inzwischen sogar Muffins und Cookies. Auch ein Corona-Herz-Sortiment baut er auf. Statt "I mog di" steht darauf: "Bleib mir vom Leib".

© SZ vom 25.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite