Otto Schily wird 90Zugpferd und Zankapfel

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Langjährige Weggefährten: Die Sozialdemokraten Otto Schily (links) und Peter Paul Gantzer.
Langjährige Weggefährten: Die Sozialdemokraten Otto Schily (links) und Peter Paul Gantzer. (Foto: Angelika Bardehle)

Der frühere Innenminister vertrat die Landkreis-SPD von 1990 bis 2009 im Bundestag. Davon waren durchaus nicht alle Genossen begeistert.

Von Stefan Galler, Unterhaching

Er sei immer ein streitbarer Geist gewesen, auch im hohen Alter noch. "Nie bequem, immer scharfsinnig, Zuspruch wie Widerspruch herausfordernd." Das schreiben Florian Schardt, der Vorsitzende der SPD München-Land, und Sabine Schmierl, die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Unterhaching, an und über Otto Schily zu dessen 90. Geburtstag an diesem Mittwoch. Noch heute erfahre der ehemalige Bundesinnenminister bei den hiesigen Genossen große Anerkennung für seine Arbeit als Abgeordneter und sein großes Engagement als Wahlkämpfer.

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Denn diese Wahlkämpfe hatte der gebürtige Bochumer nach seinem Wechsel von den Grünen zu den Sozialdemokraten von 1990 an im Wahlkreis München-Land geführt. Bei fünf Bundestagswahlen schaffte er es über die SPD-Landesliste ins Parlament. "Auf den ersten Blick kam Deine Kandidatur völlig überraschend", schreiben Schardt und Schmiert in ihrem Brief zu Schilys Geburtstag. "Aber in einem Landkreis, in dem die ,Zuagroasten' seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der Erfolgsgeschichte sind, war der ,Import' eines so schlagkräftigen Zugpferdes nur folgerichtig."

In der Tat hat die Kreis-SPD in jenen Jahren dank Schilys Popularität starke Stimmengewinne verbucht, auch wenn der prominente Import selbst bei keiner der Wahlen das Direktmandat errang - nicht einmal, als er unter Gerhard Schröder Bundesinnenminister war. Dennoch habe man beinahe 20 Jahre lang das Glück gehabt, "die Interessen unserer Wählerinnen und Wähler durch einen der bekanntesten und profiliertesten deutschen Sozialdemokraten vertreten zu wissen", heißt es in dem Glückwunschschreiben weiter.

"Wenn man beeindruckt war, etwa durch seine mediale Präsenz, hatte man schon verloren."

Doch völlig unumstritten war Schily in der Partei, zumal im Unterbezirk München-Land keineswegs. Zunächst eckte er bei den bayerischen Sozialdemokraten damit an, dass er immer wieder bessere Listenplätze für sich reklamierte, obwohl er in demokratischen Abstimmungen gegen lokale Konkurrenten unterlegen war. Für den früheren SPD-Unterbezirksvorsitzenden Marcel Schaller, der heute nur noch beratend politisch tätig ist, damals aber eng mit Schily zusammenarbeitete, habe es damals einen "strukturellen Gegensatz" gegeben: Man habe nicht recht gewusst, wie man mit diesem "exotisch wirkenden, aber medial wirksamen Menschen in der Bayern-SPD" umzugehen habe. Auch politisch eckten die eher linken bayerischen Sozis mit ihrem für Sicherheit und Ordnung einstehenden Parteifreund regelmäßig an. Schardt und Schmierl sehen das heute so: Schily habe das Thema Sicherheit immer "glaubhaft verkörpert" in einer Partei wie der SPD, "die die Interessen derer vertritt, die sich Sicherheit nicht selbst kaufen können".

Schaller spricht respektvoll vom 90-jährigen Weggefährten, man habe sich "wirklich gut verstanden", sagt er. Und attestiert Schily doch einen "Habitus der Arroganz, die seinem Cicero-Selbstbild entsprach". Wichtig sei gewesen, sich nicht einschüchtern zu lassen: "Wenn man ihm mit Selbstbewusstsein begegnete, halbwegs rhetorisch unterfüttert, dann war es gut. Wenn man beeindruckt war, etwa durch seine mediale Präsenz, hatte man schon verloren." Dass ihm selbst womöglich durch Schilys lange Karriere ein Bundestagsmandat verwehrt blieb, will Schaller nicht bestätigen: "Ich war stellvertretender Juso-Bundesvorsitzender und um die 30, da konnte ich mich nicht mit einem Otto Schily in seinen Sechzigern und Siebzigern vergleichen. Das wäre Größenwahn."

Marcel Schaller war während Schilys Zeit als Abgeordneter Vorsitzender des SPD-Unterbezirks München-Land und bekam wegen des prominenten Parteifreunds keine Gelegenheit zu einer Kandidatur für den Bundestag. Heute ist er IT-Manager.
Marcel Schaller war während Schilys Zeit als Abgeordneter Vorsitzender des SPD-Unterbezirks München-Land und bekam wegen des prominenten Parteifreunds keine Gelegenheit zu einer Kandidatur für den Bundestag. Heute ist er IT-Manager. (Foto: privat/oh)

Ein weiterer Kritikpunkt an Schily war vor allem in späteren Jahren dessen fehlende Präsenz im heimischen Wahlkreis. "Man würde sich auf jeden Fall wünschen, dass er öfter da ist", sagte die Neubibergerin und spätere Chefin der Bayern-SPD Natascha Kohnen 2008 in einem SZ-Interview. Damals stand Schily auch in der Kritik, weil er dem Bundestag hohe Nebeneinkünfte verschwiegen hatte. Im Gegensatz zu seinen Gegnern von der CSU unternahm Schily eben keine Ochsentour durch den Wahlkreis, sondern ließ seine mediale Bekanntheit wirken. Für Marcel Schaller eine ganz natürliche Fügung. "Wir bekamen von der politischen Gegenseite immer zu hören: Wo ist er denn, euer Otto? Vielleicht haben wir diese Provokationen zu sehr angenommen."

Kritik an Schily hatte es auch gegeben, als er in seiner Funktion als Innenminister 2003 den Wegzug des Bundesnachrichtendiensts aus Pullach nach Berlin mitverantwortete. Vor allem die damaligen CSU-Politiker aus dem Isartal hatten wenig Verständnis, während sich die Spitzen des Kreisverbands merklich zurückhielten. Lediglich der langjährige Landtagsabgeordnete Peter Paul Gantzer appellierte an Schily, der Umzug möge "sozial verträglich" vonstatten gehen.

Überhaupt Gantzer: Ihm sei es vor allem zu verdanken gewesen, dass Otto Schily im Landkreis Fuß gefasst habe, sagt Marcel Schaller: "Dass er den Bildungsbürger Schily mit dem normalen sozialdemokratischen Milieu in Einklang gebracht hat, ist eine der größten Lebensleistungen von Peter Paul."

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