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Ortsentwicklung:Begehrte Kegelfelder

Wieder einmal gibt es Ideen für die Bebauung des seit Jahren hart umkämpften Areals in Taufkirchen. Der Gemeinderat erteilt solchen Visionen eine Absage. Doch die Kommune könnte bis 2037 auf 24 000 Einwohner wachsen

Von Patrik Stäbler, Taufkirchen

Die Kegelfelder im Herzen von Taufkirchen beschäftigen die dortige Lokalpolitik schon seit vielen Jahren - zwei Bürgerentscheide inklusive. Zuletzt hätten die Eigentümer der Grundstücke südlich des S-Bahnhofs und östlich der Gleise wieder verstärkt im Rathaus angeklopft, um sich nach der Möglichkeit einer Bebauung der derzeit landwirtschaftlich genutzten Flächen zu erkundigen, berichtete Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei) im Gemeinderat. Das Gremium hat diesen Begehrlichkeiten nun eine Absage erteilt. So beschloss der Gemeinderat, eine Entscheidung über die Bebauung der Kegelfelder solange zurückzustellen, bis eine Erschließung des Gebiets von Norden gesichert ist.

"Wir haben im Augenblick so viele Sachen vorm Latz", sagte Alfred Widmann (SPD) mit Blick auf mehrere Baugebiete. "Da wären die Kegelfelder der völlig falsche Weg." Ähnlich äußerte sich Ullrich Sander, der für einen Beschluss geworben hatte, "um etwas in der Hand zu haben, wenn die Grundstückseigentümer wieder anfragen". Obschon die Entscheidung voraussichtlich dazu führen wird, dass die Kegelfelder auch mittelfristig unangetastet bleiben, gibt es im Gemeinderat durchaus Ideen, was auf dem weitläufigen Areal einmal entstehen könnte. Seine "Vision", sagte Peter Hofbauer (Freie Wähler), sei eine "parkähnliche Landschaft", um einen durchgehenden Grünzug bis zum Sportpark zu schaffen. Hierfür könnte die Gemeinde Ausgleichsflächen und Grundstücksabgaben investieren, für die man im Gegenzug eine "Randbebauung" zulassen müsste, so Hofbauer.

In den Siebzigerjahren erlebte Taufkirchen schon einmal einen starken Zuwachs an Einwohnern.

(Foto: Privat)

Aktuell sind derlei Pläne aber Zukunftsmusik. Dass sich der Gemeinderat dennoch mit den Kegelfeldern beschäftigte, lag auch an zwei weiteren Themen in der Sitzung, die sich ebenfalls um die mittel- und langfristige Entwicklung der aktuell 18 000 Einwohner zählenden Gemeinde drehten. So hatten die Grünen einen Antrag eingereicht, wonach bestimmte Zielvorgaben als Rahmen für künftige Wohnbauprojekte festgeschrieben werden. Demnach dürfte die Einwohnerzahl des Orts bis 2025 nicht über 19 800, bis 2035 nicht über 22 000 und bis 2050 nicht über 24 000 Einwohner steigen. "Bisher haben wir Stück für Stück Baugebiete ausgewiesen, ohne diese Planung vorab zu machen", begründete David Grothe (Grüne) den Vorstoß. Er sprach sich für eine Betrachtung bis 2050 aus, was Paul Haberl (CSU) kritisierte: "Wir können doch nicht den nächsten Gemeinderäten vorschreiben, was sie zu entscheiden haben." Und sein Fraktionskollege Thomas Vieweg gab zu bedenken: "Ich würde mich schwer tun, etwas nur anhand von Einwohnerzahlen zu beschließen, weil das nicht die einzige wichtige Größe ist."

Nach längerer Debatte zogen die Grünen ihren Antrag zurück, weil es noch "Diskussionsbedarf" gebe, so Grothe. Zudem hatte zuvor Birgit Kastrup vom Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München in ihrer Einwohnerprognose Zahlen vorgelegt, die gar nicht so weit von den Zielen der Grünen entfernt lagen. Hintergrund sind die Pläne der Gemeinde, ihren Flächennutzungsplan neu aufzustellen, womit sie den Planungsverband beauftragt hat. Dieser werde Taufkirchen in all seinen Facetten betrachten, sagte Kastrup. "Da geht's um Themen wie Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr. Es wird auch Bürgerbeteiligung geben." In einem "ersten Aufschlag" habe man sich nun die Einwohnerentwicklung angesehen, die seit fast 20 Jahren stagniere - anders als sonst im Raum München, so Kastrup. "Taufkirchen hat sich von der Entwicklung der Gesamtregion abgekoppelt."

Unterschriften gegen Wachstum

Die Taufkirchner Ortsgruppe des Bund Naturschutz (BN) und die Initiative Lebenswertes Taufkirchen (ILT) wollen dem Wachstum der Gemeinde enge Grenzen setzen - mittels eines Bürgerbegehrens mit dem Titel "Stopp der Verstädterung". Darin wird die Abstimmung über einen Grundsatzbeschluss gefordert, wonach kein neues Wohnbaurecht für den freien Privatmarkt ermöglicht werden darf, ehe das bereits genehmigte realisiert wurde.

In der Folge würde der Bau von privatem Wohnraum auf jährlich 4000 Quadratmeter Geschossfläche begrenzt - wobei für jeden Quadratmeter mindestens 0,5 Quadratmeter Grünfläche entstehen müssten. In der Begründung verweisen die Initiatoren auf Pläne des Rathauses, wonach Taufkirchen bis 2025 um 4500 Einwohner wachsen solle. "Diese Entwicklung führt zur gesichtslosen Vorstadt und zu weiterer Verkehrslast auf unseren dörflichen Straßen", heißt es von der Initiative.

Im Weiteren verweisen die Initiatoren darauf, dass sie bereits erfolgreiche Bürgerbegehren und Bürgerentscheide in die Wege geleitet hätten - etwa das Heizkraftwerk Potzham oder das Landschaftsschutzgebiet südlich des Sportparks betreffend. Auch die zwei Bürgerentscheide 2007 und 2008, in denen sich eine Mehrheit gegen eine Wohnbebauung auf den Kegelfeldern aussprach, wurden von der ILT initiiert. Sie stellte von 2008 an in Jörg Pötke den Bürgermeister der Gemeinde; er ist heute Vorsitzender der BN-Ortsgruppe. Um ihr Bürgerbegehren einzureichen, müssen die Initiatoren nun circa 1100 Unterschriften sammeln. In der Folge hätte der Taufkirchner Gemeinderat über die Zulässigkeit zu entscheiden. Würde diese bejaht, käme es zu einem Bürgerentscheid. stä

Mit Blick auf bereits angestoßene und noch geplante Neubaugebiete gehe der Planungsverband davon aus, dass Taufkirchen bis 2025 um circa 650 Einwohner wachsen werde. In den darauffolgenden fünf Jahren käme es dann zu einem stärkeren Anstieg, "wenn Sie alles so umsetzen", sagte Kastrup in Richtung Gemeinderat. Demnach hätte Taufkirchen 2030 fast 21 000 Einwohner; im Jahr 2037 - dem Ende des Betrachtungszeitraums - wären es knapp 24 000. Wobei Ullrich Sander betonte, dass die für die Berechnung zugrunde liegenden Zahlen "teilweise reine Spekulation" sind. So habe man etwa, um eine Prognose erstellen zu können, bei den Kegelfeldern angenommen, dass dort 2035 circa 1800 Menschen leben. "Aber vielleicht dauert es da auch noch bis 2050", so der Bürgermeister.

Hinsichtlich der Auswirkungen des Wachstums auf die Kinderbetreuung im Ort hatte Birgit Kastrup gute Nachrichten. Es habe in Taufkirchen bisher nie ein Defizit an Plätzen gegeben. "Unter der Annahme eines moderaten Wachstums in den nächsten fünf Jahren sieht es nicht so aus, als ob sich daran etwas ändert." Über die weiteren Entwicklungen im Ort, die für die Änderung des Flächennutzungsplans relevant sind, werde man bei einer Gemeinderatsklausur sprechen, kündigte Kastrup an. Ihr zufolge wird es circa zwei Jahre dauern, bis ein neuer Plan fertig ist.

© SZ vom 08.05.2021
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