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Oper für alle:Völlig hingerissen

"Und so einer vertreibt Nagano": Bei der Opernaufführung unter freiem Himmel buht das Publikum Intendant Nikolaus Bachler aus - und gratuliert Tenor Jonas Kaufmann zum Geburtstag.

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Quelle: region.mue

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Fußball ist an diesem Abend so gut wie kein Thema. Die Polizei hatte sich zwar darauf eingestellt, trötende Fans zu vertreiben, doch bei "Oper für alle" lassen sie sich nicht blicken. Den Platz vor dem Nationaltheater füllen vielmehr echte Liebhaber der klassischen Musik: Rund 11,000 Menschen sind gekommen, um Giacomo Puccinis "Tosca" zu genießen - kostenlos und unter freiem Himmel.

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Einer, das wird gleich zu Beginn klar, hat sich allerdings den Zorn des Publikums zugezogen: Opernintendant Nikolaus Bachler. Kaum ist auf der großen Leinwand zu sehen, wie er vor das Nationaltheater tritt, um die vielen Menschen zu begrüßen, ertönen Pfiffe und Buhrufe. Die Münchner kennen eben ihre Oper und lesen das Feuilleton, sie wissen also um die unglückselige Beziehung zwischen Bachler und "ihrem" so geliebten Maestro Kent Nagano. "Wenn einer in Wien Klaus Bachler heißt, und sich hier plötzlich Nikolaus nennt, ist das doch mehr als lächerlich. Und so einer vertreibt Nagano", schimpft eine ältere Dame, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Auch der Kunstgeschichte-Student Andreas Geffert findet die Reaktion des Publiums mehr als verständlich: "Ich hatte dies erwartet - nach Thielemann auch noch Nagano zu verlieren, ist ein echter Aderlaß - zwei solche Künstler sind schwer zu ersetzen."

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Wie gut also, dass die Münchner wenigstens noch Jonas Kaufmann haben. Egal, ob sie sich auf Decken und Bierbänken niedergelassen haben oder "Tosca"stehend genießen - sie lieben den Startenor. Schnell spricht sich deshalb auch herum, dass "Er" an diesem Tag Geburtstag hat und man ihm doch ein Ständchen singen wolle. Doch zuvor preisen seine weiblichen Fans seine "unglaublich schöne Stimme" und vor allem sein "unverschämt gutes Aussehen".

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Christine Hufenüßler beispielsweise. Sie geht regelmäßig in die Oper, bei "Oper für alle" ist sie jedoch zum ersten Mal. Prosecco hat sie mitgebracht, den sie stilvoll aus einem Sektkelch schlürft.: "Toll ist es hier", sagt sie, und : "Ich finde es ganz wichtig, dass Oper auf diese Weise auch Menschen näher gebracht wird, die vielleicht bislang nur wenig damit anfangen konnten." Und Jonas Kaufmann? Von dem ist sie einfach nur "völlig hingerissen".

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Selbst der Germanistikstudent Benjamin Wessel, der "mit Klassik einschläft und auch damit wieder aufwacht" ist von Kaufmann angetan, aber auch von der ganzen Atmosphäre am Platz: "Tosca und Bier - wunderbar". "Oper für alle" sei einfach "unglaublich gemütlich": "Man muss sich nicht schön machen und hört Klassik an der frischen Luft - das ist echter Genuss ganz ohne Zwang." Während er dies so treffend beschreibt, üben ein paar andere schon mal "Happy birthday" für Kaufmann. Zum Einsatz kommen sie unmittelbar nach Ende der Vorstellung. Die Rolle der Dirigentin übernimmt keine Geringere als "Tosca" Karita Mattila. Und Kaufmann, der sich dann endlich auch vor der Oper zeigt, ist sichtlich gerührt von dieser Geste aus dem Publikum, was ihm vermutlich noch mehr Sympathiepunkte einbringt.

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Der Beifall dauert jedenfalls noch an, als Kaufmann längst wieder verschwunden ist. Und dann, auf einmal, ist doch ein wenig Fußballbegeisterung zu spüren. Als aus den Lautsprechern der Sieg Deutschlands über Uruguay verkündet wird, klatschen viele, wirken sogar regelrecht erleichtert. Aber nur zwei Minuten lang. Dann kennen sie wieder nur ein Thema: Jonas Kaufmann, den, wie ein älterer Münchner sagt, "der Bachler hoffentlich nicht auch noch vertreibt".

© sueddeutsche.de/sonn
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