Online-Ausstellung:Telex zum Nachbartisch

Emil Schwarzer und Robert Castor haben für das Unterschleißheimer Stadtmuseum zwei Fernschreiber restauriert und verbunden. Sehen kann man sie im Rahmen der Online-Ausstellung "Verschwundene Dinge"

Von Yannik Schuster, Unterschleißheim

Es rattert und tickert, als Robert Castor einen Lochstreifen durch seinen restaurierten Fernschreiber laufen lässt. Wenige Meter weiter im selben Raum des Museumsdepots steht ein zweites Gerät, das die übermittelte Botschaft in Text übersetzt und ausdruckt. Die beiden Fernschreiber sind Teil der Online-Ausstellung "Verschwundene Dinge" des Stadtmuseums Unterschleißheim und wurden extra dafür restauriert.

Fernschreiber, auch Telex genannt, das steht im Englischen für Teleprinter Exchange, dienen der Übermittlung von Textnachrichten. Über weite Teile des 20. Jahrhunderts dominierten sie die Textkommunikation von Unternehmen und Behörden. Fernschreiber etablierten sich in den Dreißigerjahren als Weiterentwicklung der kabelgebundenen Telegrafie. Durch Fortschritte im Bereich der Morsetelegrafie war in Deutschland bereits seit 1850 ein zusammenhängendes Netz zur Fernübermittlung von Nachrichten vorhanden. 1933 wurde die Technik von der damaligen Deutschen Reichspost eingeführt, 1938 ein behördliches Fernschreibnetz eingerichtet. Obwohl die moderne Digitaltechnik das Fernschreiben bis Ende der Neunzigerjahre vollständig abgelöst hatte, hielt die Deutsche Telekom das Telex-Netz bis 2007 aufrecht.

Online-Ausstellung: Robert Castor und Emil Schwarzer (von links mit demTischmodell T100a) haben zwei Fernschreiber im Depot des Unterschleißheimer Stadtmuseums wieder zum Laufen gebracht.

Robert Castor und Emil Schwarzer (von links mit demTischmodell T100a) haben zwei Fernschreiber im Depot des Unterschleißheimer Stadtmuseums wieder zum Laufen gebracht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Museumsmitarbeiter und Projektleiter Emil Schwarzer hatte einen der Fernschreiber fast schon zufällig in einer Ecke gefunden, weil darüber ein tropfender Wärmetauscher an der Wand hing, den er reparieren musste. Da das Museum auch ein zweites Gerät im Inventar hat, kam Schwarzer die Idee, die beiden Maschinen zu restaurieren und zu einem lokalen Netz zu verbinden. Als Unterstützung holte er sich Robert Castor, Diplomingenieur für Elektrotechnik und ehemaliger Mitarbeiter der Firma Siemens, dazu, jenem Unternehmen, das die beiden Fernschreiber hergestellt hatte. Daniela Benker, Leiterin des Forums Unterschleißheim, bezeichnet Castor als einen der wenigen verbliebenen Spezialisten auf diesem Gebiet. Über insgesamt sechs Monate restaurierten Schwarzer und Castor die zwei Fernschreiber.

Online-Ausstellung: Das Modell T37h.

Das Modell T37h.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dabei waren die beiden Tüftler jedoch auf sich allein gestellt. "Selbst Siemens konnte mir keine Beschreibungen mehr liefern", sagt Castor. Da zudem keine Ersatzteile mehr offiziell vertrieben werden, waren sie auf private Anbieter, etwa über Ebay-Kleinanzeigen, angewiesen. "Es war teilweise schon eine mühselige Arbeit", erzählt Schwarzer. Restauriert wurden das Tischmodell T100a, das 1958 eingeführt und bis in die Neunzigerjahre verwendet wurde und die Variante T37h, wovon zwischen 1954 und 1956 insgesamt 16 406 Exemplare produziert wurden.

Online-Ausstellung: Hier sieht man den Lochstreifen eines Fernschreibers.

Hier sieht man den Lochstreifen eines Fernschreibers.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Optisch ähnelt der Fernschreiber einer Schreibmaschine, wobei Tastatur und Druckwerk jedoch voneinander unabhängig arbeiten können. Fernschreiber funktionieren nach dem Sender-und-Empfänger-Prinzip. Ein Gerät sendet eine Nachricht, das andere empfängt diese.

Ein Fernschreiber kann dabei auf zwei Arten genutzt werden. Möglichkeit eins: Der Sender tippt über die Tastatur eine Nachricht ein, was aufgrund der begrenzten Tasten gar nicht so einfach ist. So belegt etwa der Buchstabe "E" und die Ziffer "3" dieselbe Taste. Eine Umschalttaste ermöglicht eine solche Doppelbelegung. Möglichkeit zwei: Ein vorgestanzter Lochstreifen mit einem Standardtext wird in das Gerät eingespannt, um eine Nachricht zu übermitteln. "Das hat man gemacht, um schnell zu übertragen, weil Verbindungszeiten waren teuer", erläutert Castor.

Die meisten Fernschreiber operieren in einer Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Baud, was etwa 400 Zeichen pro Minute ermöglicht. Die Telex-Maschinen werden von einem Motor angetrieben. Die Übertragung läuft dabei rein mechanisch über Nockenwellen, Antriebswelle und mechanische Einstellglieder. "Ein Meisterwerk der Mechanik", schwärmt Emil Schwarzer. Die Maschinen sind dokumentationsfähig und vor Gericht verwertbar. Über eine im Gerät verbaute Kennung können Teilnehmer eindeutig identifiziert werden. "Ich freue mich, dass es gelungen ist so ein Gerät zu erhalten", sagt Daniela Benker.

Die Online-Ausstellung des Unterschleißheimer Stadtmusueums ist abrufbar über https://www.verschwundene-dinge.de/ und dreht sich um Gegenstände, die vor wenigen Jahrzehnten noch alltäglich anzutreffen waren aber mittlerweile komplett von der Bildfläche verschwunden sind. Neben Fernschreibern geht es auch um Themen wie Fotografie, die ersten Computer, Mode (etwa beheizte Schuhspanner), Spielwaren und Comic-Hefte sowie allerlei Haushaltsgegenstände.

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