Mitten in einer Küche, wo die Fenster beschlagen sind, zwei fremde Frauen Gemüsesuppe kochen und es nach warmen Fett riecht, wird Vera, zehn Jahre alt, in den Weihnachtsferien ein Referat vorbereiten. Oder sie wird mit ihren Heften und Büchern auf ihrem Bett liegen.
Es steht im selben Zimmer wie das rosafarbene Sofa, auf dem ihre Mutter und ihr Vater die vergangenen Jahre schliefen. Vera, die eigentlich anders heißt, geht in die vierte Klasse und hatte noch nie ein eigenes Zimmer, noch nie einen eigenen Schreibtisch, noch nie Freunde zu Besuch.
Sie lebt mit ihren Eltern in einer Obdachlosenunterkunft in Planegg, einem alten Bauernhaus mit grünen Fensterläden und grüner Tür. 16 Menschen wohnen hier, vier davon sind Kinder, zwischen zwei und zehn Jahren. Die Erwachsenen arbeiten alle bis auf einen. Sie fahren Lastwagen, putzen Züge, Büro, Toiletten, zahlen Steuern und Abgaben, doch sie finden keine eigene Wohnung.
Ein Job, aber kein eigenes Zuhause
Dass Menschen zwar einen Job haben, aber kein eigenes Zuhause, kommt in der Region rund um München immer häufiger vor: Mitarbeiter der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt berieten 2017 im Landkreis 1960 Erwachsene und 650 Kinder, die von Obdachlosigkeit bedroht waren. Mehr als die Hälfte davon hatte einen Beruf oder erhielt Rente.
In fast 80 Prozent der Fälle fanden die Betroffenen am Ende doch eine Wohnung. Bei etwa 240 Erwachsenen und 86 Kindern klappte das aber nicht. Die Zahlen für 2018 stellt die Awo gerade zusammen, doch man kann davon auszugehen, dass sie weiter steigen so wie die vergangenen Jahre - weil die Mieten immer teurer werden, weil Wohnraum knapper wird, weil immer Menschen in die Region ziehen.
Das Referat, das Vera nach den Ferien halten muss, geht über die Europäische Union. Sie soll erzählen, dass EU-Bürger leben und arbeiten dürfen, wo es ihnen am besten gefällt. Doch eigentlich könnte sie auch über ihre eigene Geschichte sprechen.
Als Muslimin werde man in Bulgarien diskriminiert
Vera kommt 1500 Kilometer von München entfernt in Pasardschik, Zentralbulgarien, auf die Welt, eine Stadt mit etwa 70 000 Einwohnern, einem 27 Meter hohem Uhrenturm, mit Tomaten- und Paprikaplantagen. Warum ihre Familie von dort wegging? Als Antwort lacht Vera einmal kurz auf. Es klingt bitter und erwachsen. Dann sagt sie: "Weil es dort keine Arbeit gibt und keine Wohnungen."
Außerdem gehört ihre Familie der türkischen Minderheit an. Als Muslim werde man in Bulgarien diskriminiert, sagt Veras Mutter Svezla Ruskova. Sie ist im achten Monat schwanger mit Zwillingen. Ihre Babys werden die ersten Monate in der Obdachlosenunterkunft aufwachsen, wo die Familie in zwei Zimmern lebt, ohne eigenem Bad, ohne eigene Küche. Im kommenden März wird das Leben der Familie normaler, dann zieht sie in eine Sozialwohnung der Gemeinde.
Davon träumt auch Katya Hodzha. Sie ist 21 Jahre alt, kommt aus der gleichen Stadt wie Vera und ihre Mutter, lebt ebenfalls in der Obdachlosenunterkunft - in zwei Zimmern, auf 16 Quadratmetern, gemeinsam mit ihrer zweijährigen Tochter und ihrem Mann. Vor einem Jahr zogen sie hier ein, sie strichen die Wände weiß, kauften bei Ebay einen weißen Schrank und ein weißes Bett, sie hängten Babyfotos an die Wand und stellten einen Plastikchristbaum in die Ecke.
Dort sitzen die Frauen auf einer Couch vor einem Tischchen mit Schokoladengebäck in einer Plastikbox. Weil die Mütter so schlecht Deutsch sprechen, übersetzt die zehnjährige Vera. Die Frauen erzählen, dass sie Bulgarien verlassen hätten, um ihren Kindern eine Perspektive und gute Bildung zu ermöglichen. Dass sie in ihrer Heimat im Monat vielleicht 500 Euro zur Verfügung hatten, von denen sie das meiste für die Miete ausgaben. Und dass sie in den vier Jahren, in denen sie in München leben, noch nie in einer richtigen Wohnung lebten, aber schnell einen Job fanden.
Die Männer putzen die Züge, die Frauen die Büros
Die Männer putzen Züge, die Frauen Büros. "Drei kleine Zimmer würden schon reichen", sagt Katya Hodzha. Am wichtigsten sei für sie eine eigene Küche, ein eigenes Bad, ein eigenes Zimmer für ihre Tochter. Wenn ihr Mann von der Arbeit nach Hause komme, sei er oft müde, die Tochter zu laut. 800 Euro, schätzt Hodzha, könne sie für eine Wohnung bezahlen - so viel kostet in München allerdings manchmal schon ein Studentenapartment. Trotzdem habe ihr Mann hunderte Anfragen verschickt, doch zu einer Besichtigung sei er bis jetzt noch kein einziges Mal eingeladen worden.
Die Bewerbungsunterlagen, Anschreiben, Lebenslauf, Schufa-Auskunft stellte Hodzhas Mann gemeinsam mit Tanja Fees zusammen. Sie betreut für die Awo Wohnungslose nicht nur in der Unterkunft in Planegg, sondern auch in Gräfelfing, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Pullach, Neuried, Krailling und Ismaning.
Um das Handgelenk trägt sie ein blaues Freundschaftsbändchen aus Gummi, Vera schenkte es ihr. Früher, erzählt Fees, habe sie für ihre Klienten einfach bei den Vermietern angerufen und einen Besichtigungstermin vereinbart. Heute bekommen diese die Wohnungsangebote über eine App auf das Smartphone. Das Problem: Viele können nicht gut genug Deutsch, um sofort zu antworten. Denn immer mehr Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, sind anerkannte Asylbewerber oder kommen aus dem EU-Ausland. Ihre Zahl hat sich seit 2012 etwa verdreifacht und stieg auf 245 Menschen an.
In der Planegger Unterkunft stammen alle Bewohner ursprünglich aus Bulgarien. Und sie, sagt Fees, hätten es auf dem Münchner Wohnungsmarkt trotz Jobs besonders schwer. Sie würden diskriminiert, zu Besichtigungen gar nicht erst eingeladen, gerieten an Vermieter, die ihre Lage ausnutzen. Fees erzählt von Menschen, die 11 000 Euro für einen Wohnungsschlüssel bezahlten, der nirgends passte. Von Leuten, die für mehrere tausend Euro Kredite abschlossen und am Ende fast ebenso viele Zinsen zahlen mussten. Immer wieder zahlt sich ihre Arbeit jedoch auch aus: An Silvester wird Tanja Fees einer Familie beim Umzug helfen, die eine Wohnung fand - allerdings nicht im Raum München, sondern in Regensburg.