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Österliche Musik:Der Klang vom Leiden und Sterben Christi

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In der Ottobrunner Michaelskirche führt der große Chor der Kantorei am Karfreitag Bachs Johannespassion auf.

(Foto: privat)

Mit Bachs Johannespassion begehen viele Kirchen den Karfreitag - so in Ottobrunn, wo der Chor der Kantorei mit dem Orchester Capella München auftritt

Der fernöstlicher Philosophie entsprungene Satz "Der Weg ist das Ziel" gilt heute als weithin akzeptierte Lebensweisheit. Das Sehnen und Streben nach dem Gipfel ist demnach gleichsam schöner als die Erfüllung selbst. Wer an die Leidensgeschichte von Jesus Christus glaubt, den dürfte der Gedanke an diesen Satz allerdings einigermaßen unbehaglich stimmen. Die "Via Dolorosa", die der Sohn Gottes in der Bibel durch die Gassen Jerusalems geht, ist ein äußerst schmerzensreicher Weg, den man niemanden wünscht.

Der schwer katholische Hollywoodstar Mel Gibson hat in seinem Film "Die Passion Christi" diesen Weg drastisch dargestellt und die Gewalt, das Leiden, die Verführungskraft von Blut und Wunden beinahe wollüstig gezeigt. Der Verfasser des Johannes-Evangeliums rückt dagegen fast zwei Jahrtausende vorher die himmlische Heimkehr des Gottessohn in den Mittelpunkt, weniger dessen irdische Qualen. Hier ist auch definitiv nicht der Weg, sondern das Ziel das Ziel, das sich in den berühmten Worten "Es ist vollbracht" manifestiert. Jesus sagt sie, bevor er am Kreuz stirbt und sich Gottes Heilsplan erfüllt. In Johann Sebastian Bachs Vertonung der Johannespassion ist dieser Satz eingebettet in einen tief bewegenden musikalischen Moment. Der große Chor der Kantorei der Michaelskirche unter der Leitung von Dekanatskantor Christoph Demmler wird das Werk, das als eines der größten Werke geistlicher Musik überhaupt gilt, an diesem Karfreitag in Ottobrunn aufführen - unterstützt von Projektsängern aus der Region, dem Orchester Capella München und diversen Solisten: Flore van Meersche, Sopran, Jan Wouters, Alt, Eric Price, Tenor, Christian Beutel, Bass (Jesus) und Manuel Kundinger, Bass (Arien).

Uraufgeführt wurde die Johannespassion im April 1724 und Bach verwendet hier alle Feinheiten des konzertierenden Stils mit abwechslungsreicher Instrumentation. Das Werk gestaltet musikalisch das Leiden und Sterben Christi nach dem Evangelium des Johannes: Gottes Sohn wird Mensch und erlöst durch seinen Tod die Menschen von ihrer Schuld. Diese Passionsgeschichte, vom Evangelisten erzählt, wird durch Turba-Chöre (das Volk) und Dialoge (Jesus, Pilatus) dramatisiert und durch Arien (Reflexionen des Individuums) sowie die Choräle (Kommentare der gläubigen Gemeinde) vertieft. So entsteht ein komplexes, vielschichtiges und spannendes Oratorium, das in seiner musikalischen Dichte, Farbigkeit und Vielfalt begeistert.

Robert Schumann etwa bezeichnete die Johannespassion als "durchaus genial, namentlich in den Chören" und "kühner, gewaltiger, poetischer" als Bachs Matthäuspassion. Anders als die deutlich längere (und barockere) Matthäuspassion kommt die Vertonung nach Johannes mit 120 Minuten Aufführungszeit aus. Es gibt fast gar keine Da-Capo-Arien und dem Chor kommt die dramaturgische Schlüsselrolle zu: Mal kontemplativ als Gemeinde der Gläubigen, mal gemein und gehässig als Volk, Kriegsknechte oder Priester in den sogenannten "Turba"-Chören. Als Stimme des jüdischen Volkszorns sind mitunter viel Elan und Temperament gefragt: "Weg, weg mit dem, kreuziget ihn!" Das Konzert in der Michaelskirche Ottobrunn beginnt um 19 Uhr, Karten zu 20 Euro, ermäßigt 15 Euro, gibt es bei der Buchhandlung Lentner in Neubiberg und bei Trachten Bäda in Ottobrunn sowie an der Abendkasse.

Die Aufführung von Bachs Johannespassion in Ottobrunn ist natürlich nicht der einzige Höhepunkt, der die Karwoche und besonders den Karfreitag in den Kirchen des Landkreises musikalisch veredelt. Schon in den vergangenen Tagen und Wochen erklangen an verschiedenen Orten diverse Werke mit österlicher Thematik: So führte das Leonhardi-Ensemble Anfang April die dem Barockkomponisten Reinhard Keiser zugeschrieben Markuspassion in Höhenkirchen auf, Ende März bereits gestalteten die Oberhachinger Chöre und Ensembles ebenfalls Bachs Johannespassion in St. Bartholomäus. Jetzt an diesem Sonntag erst war das "Stabat Mater" von Karl Jenkins in St. Magdalena, Ottobrunn, zu hören.

Generell erfreuen sich Vertonungen der Passionsgeschichte nach dem Evangelium des Johannes - das nicht so sehr das blutige Leiden Christi und die Trauer über seine Kreuzigung in den Fokus rückt, sondern die Erfüllung des göttlichen Heilplans - größerer Beliebtheit als nach Matthäus. In Grünwald etwa führt am Karfreitag der Chor unter der Leitung von Alfons Hirth in St. Peter und Paul die Johannespassion von Heinrich Schütz auf (Beginn: 15 Uhr). In St. Korbinian in Unterhaching wird die Karfreitagsliturgie ebenfalls von 15 Uhr an zelebriert, hier singen Chor und Solisten die Johannespassion von Otto Gauß. In St. Ulrich Unterschleißheim (Neue Kirche) erklingt ebenfalls die Johannespassion, komponiert vom deutschen Kirchenmusiker Wolfram Menschick (1937 bis 2010). Die Messe beginnt um 15 Uhr, die musikalische Gestaltung hat der Chor St. Ulrich, Evangelist ist Cedric Latz.

So traurig die Gläubigen die überlieferte Todesstunde Jesu auch stimmen mag - in der Bach'schen Vertonung freut sich der Chor am Ende schon wieder sanft jubilierend auf die Himmelfahrt und auf die Erlösung am Jüngsten Tag.