Öffentlicher Wohnungsbau Billig ist nicht

Am Germanenweg will die Gemeinde Unterföhring weitere Mietwohnungen bauen. Doch die werden deutlich teurer als die ersten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Kommunen sollen günstige Mietwohnungen errichten, lautet eine Forderung. Unterföhring will das, doch das wird wegen steigender Baukosten immer schwieriger. Jetzt prüft die Gemeinde, ob sich die Standards senken lassen

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Deutlich teurer als erwartet werden 19 Wohnungen, die von der Gemeinde Unterföhring im Bereich des Einheimischenmodells an der Aschheimer Straße realisiert werden sollen. Laut Kostenschätzung würden sich die Ausgaben mit rund 8,5 Millionen Euro gegenüber den ersten Plänen fast verdoppeln. Im Gemeinderat entzündete sich an den Zahlen eine kontroverse Debatte. "Woher kommt die Steigerung?", fragte Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (Parteifreie Wählerschaft, PWU) die in der jüngsten Sitzung anwesenden Fachleute. "Das ist definitiv zu hoch", sagte er und verwies darauf, dass in diesem Fall der Herstellungspreis pro Quadratmeter bei gut 5300 Euro liegen würde. Der Rathauschef erinnerte daran, dass vor knapp vier Jahren zwei Häuserblocks mit 40 Gemeindewohnungen in unmittelbarer Nähe zu einem Preis von 3400 Euro pro Quadratmeter errichtet worden sind.

Die Antwort von Ingeborg Wenz-Eibel, die bei der Baugesellschaft München-Land (BML), die für die Gemeinde das Projekt begleitet, fiel eindeutig aus: Der anhaltende Boom treibe die Kosten in die Höhe, die vollen Auftragsbücher von Firmen täten ihr Übriges; so hätten die Baukosten in den vergangenen zwei Jahren mächtig angezogen, sagte Wenz-Eibel von der BML-Bauservice GmbH. Bei den Kostengruppen 300 und 400, die für Baukonstruktionen und technische Anlagen abgerechnet würden, habe es eine Teuerungsrate von 28 Prozent gegeben. Offenbar ist auch das fragliche Grundstück, das der Gemeinde gehört und in unmittelbarer Nähe zum Isarkanal und S-Bahngleisen liegt, ein Preistreiber: Wegen der Lage müssten Experten für Erschütterungs- und Hochwasserschutz eingeschaltet sowie Schallschutzmaßnahmen wegen der S-Bahn ergriffenwerden. Und das kostet nun einmal.

Kurt Mattei vom beauftragten Architekturbüro Goergens und Miklautz bestätigte dies. Er hatte in der Sitzung noch einmal die Entwurfsplanung erläutert und den Unterföhringer Lokalpolitikern freundlich, aber bestimmt ins Gedächtnis gerufen, dass ihr Bauausschuss in den vergangenen Monaten zahlreiche Sonderwünsche bezüglich der Ausstattung der Wohnungen beschlossen habe. Auch das schlägt zu Buche. Mattei konterte damit die teilweise empörten Nachfragen aus dem Gremium, weshalb sich die Ausgaben derart erhöht hätten.

So hatte etwa Gisela Fischer (Grüne) kundgetan, dass sie angesichts der Zahlen "erschüttert" sei, zumal in den anzunehmenden Quadratmeterpreisen noch nicht einmal die Kosten für das von der Gemeinde zur Verfügung gestellte Grundstück aufscheinen. "Wenn es sich bei dem Projekt um einen ganz normalen Sozialwohnungsbau handeln würde, wo könnte man einsparen?", fragte Fischer. Mattei nannte zum Beispiel, dass die Kommune die Carports dann nicht wie gewünscht mit Dach ausstatten dürfte und der Wohnblock statt mit Mauerwerk in Beton- oder Trockenbauweise ausgeführt werden könnte. "Es kommt eins zum anderen", sagte Mattei. Um zu sparen, müsse Unterföhring die Standards "herunterfahren". Damit tut man sich in der Gemeinde jedoch schwer.

Albert Kirnberger (SPD) wollte wissen, ob seine Einschätzung richtig sei, dass die Ausgaben für die Bautechnik erst immer dann gelistet würden, wenn man sich als Gremium für die am architektonisch gefälligste Lösung entschieden habe. Der Unterföhringer Bauamtsleiter Lothar Kapfenberger erläuterte, dass es freilich eine "deutliche Unschärfe" gebe, bei den ersten Berechnungen gehe es anfangs nur um die Gestaltung eines Baukörpers. Die technischen Kosten ließen die Ausgaben dann tatsächlich konkreter und meist höher werden. Thomas Weingärtner (SPD) räumte ein, dass die bei einer Entscheidung für einen immer schwer einzuschätzen sei. "Ist denn überhaupt noch die Wirtschaftlichkeit gegeben, wenn die Häuser so teuer werden?", gab er zu bedenken. Immerhin handle es sich um subventionierten Wohnungsbau, der nicht nur von der Kommune, sondern auch durch die Regierung von Oberbayern gefördert werde. Kapfenberger beruhigte: Die Regierung werde zwischen zehn und 30 Prozent der Ausgaben übernehmen.

Johann Zehetmair (PWU) bat den Architekten um eine konkrete Auskunft, wie viel Prozent der Kosten der notwendige Erschütterungs- und Hochwasserschutz ausmachten. Mattei konnte das auf Anhieb nicht beantworten, sagte aber zu, eine detaillierte Aufstellung zu machen. Zweite Bürgermeisterin Betina Mäusel (CSU) forderte den Architekten auf, als Hausaufgabe Einsparpotenziale zu finden, was dieser im Hinblick auf die Vorgaben des gültigen Bebauungsplanes in diesem Bereich als durchaus schwierig bezeichnete. Manuel Prieler, Fraktionssprecher der PWU, warnte vor einer "großartigen Streichliste bei der Ausstattung". Er plädierte dafür, die Entscheidung über eine Genehmigung der Entwurfsplanung für die Wohnungen auf die Dezember-Sitzung zu vertagen. Dann habe man die Aussagen hinsichtlich der Kosten für Erschütterungs-, Schall- und Hochwasserschutz, "und dann kann ich mit gutem Gewissen zustimmen".

Philipp Schwarz, Fraktionsvorsitzender der SPD, versicherte, er sei genervt, dass ein Beschluss über die dringend benötigten Wohnungen verschoben werden solle. "Wir geben doch für viele anderen Dinge viel mehr Geld aus", kritisierte Schwarz. Bürgermeister Kemmelmeyer befand es dagegen als "legitim, dass wir uns eine neue Aufstellung geben lassen und dann entscheiden". So sah es auch die Mehrheit im Gemeinderat. Mit 15 zu sieben Stimmen wurde das Thema auf die nächste Sitzung verschoben.