Die "einzigartige Chance" auf eine Tieferlegung der Bahnstrecke durch Oberschleißheim - sie wird längst nicht von allen als die Jahrhundertgelegenheit gesehen, die Bürgermeister Christian Kuchlbauer wittert. Erste Stimmen haben sich schon vehement gegen die Pläne ausgesprochen, ein Bürgerbegehren wird bereits an die Wand gemalt und die Grünen haben als erste politische Gruppierung Absatzbewegungen vom einstimmigen Gemeinderatsbeschluss eingeleitet.
Im Fokus der Kritik steht vor allem die geplante Verlegung des S-Bahnhofs auf Höhe der Dachauer Straße. "Einen Faustschlag gegen alle Pendler" und "ortsplanerischen Unsinn" nennt Wolf-Dieter Waag, langjähriger Vorsitzender und aktueller Kassier des Oberschleißheimer Gewerbeverbands, diese Pläne in einer persönlichen Reaktion. Der Verband initiiert gerade eine Umfrage unter seinen Mitgliedsbetrieben, um eine abgestimmte Stellungnahme abgeben zu können.
Der einstige Rathaus-Geschäftsleiter prophezeit ein Bürgerbegehren
Wilfried Hänfler, fast 40 Jahre Geschäftsleitender Beamter im Rathaus, findet es "einfach paradox", einen Bahnhofsstandort aufzugeben, der für Senioren- und Behinderteneinrichtungen ideal liegt und in dessen Nähe unter anderem ein Ärztehaus errichtet wurde. Er prophezeit, dass ein Bürgerbegehren "nicht lange auf sich warten lassen" werde. Beide erinnern an die jahrzehntelange Forderung der Gemeinde, auf Höhe des neuen Campus der Tierärztlichen Fakultät einen zweiten S-Bahn-Halt einzurichten - dies solle statt der urplötzlich vorgeschlagenen Verlagerung des Bahnhofs vorangetrieben werden.
Der Gemeinderat hat in der jüngsten Sitzung einstimmig entschieden, die Tieferlegung der Gleise samt Bahnhofsverlegung weiterzuverfolgen, wie sie in einer Machbarkeitsstudie präsentiert wurden. Davon rücken die Grünen jetzt schon ab. Das Votum sei nach der detailreichen Präsentation "in unnötiger Eile" durchgepeitscht worden, monieren die vier Grünen-Gemeinderäte in einer Stellungnahme.
Die Grünen warnen vor noch mehr Verkehr
Sie würden nur eine Lösung mittragen, "die eine wesentliche Verbesserung für Oberschleißheim darstellt, barrierefrei ist, die Leistungsfähigkeit der Bahnstrecke massiv verbessert, die Trennungswirkung der Bahnlinie für den Ort beseitigt, das Gewerbegebiet an der Mittenheimer Straße weiterhin gut anbindet und eine deutliche Verbesserung der Verkehrssituation mit sich bringt - und nicht nur punktuell die Schranke gegen mehr Straßenverkehr eintauscht". Und alle diese Ziele sehen sie bei der jetzigen Planung "kritisch".
Nach Ansicht der Grünen ergäbe ein Bahntrog nur einen Sinn, wenn damit der Ort so zusammenwachse, dass die Straßenüberführung der Mittenheimer Straße entfallen könne und keine meterhohen Lärmschutzwände nötig würden. In den jetzigen Planungen würde der Trog den Ort genau so zerschneiden wie bisher die Bahnlinie und die Auf- und Abfahrtsrampen des Troges müssten mit Schallschutzwänden flankiert werden. Außerdem fordern die Grünen ein Verkehrskonzept für die Bundesstraße 471, die nach einer Tieferlegung der Bahn nicht mehr durch die Bahnschranke blockiert wäre. Sonst laufe man "Gefahr, dass wir eine ,Autobahn' durch den Ort bekommen".
