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Oberschleißheim:Immobilienbesitz in bester Lage

Minh Duc Truong und sein vierjähriger Sohn Ken haben im Oberschleißheimer Schlosspark ein Entenhaus errichtet

Von Gudrun Passarge, Oberschleißheim

Das Entenhaus steht im Landschaftsteil des Oberschleißheimer Schossparks.

Nicht jeder Vierjährige ist bereits Immobilienbesitzer, noch dazu in bester Lage. Anders Ken. Der junge Mann aus Garching hat sich zu seinem vierten Geburtstag ein Entenhaus gewünscht. Bekommen hat er eine kleine Luxusausführung aus Hartriegelästen mit Steg und Boot im Schleißheimer Schlosspark. Gut sechs Wochen werkelte Ken zusammen mit seinem Vater Minh Duc Truong, dabei waren ursprünglich nur drei Tage angesetzt. "Dann kam die kindliche Begeisterung des Papas dazwischen", witzelt der Vater und stolze Baumeister, der ganz begeistert von seinen Erfahrungen im Schlosspark berichtet: "Das schönste Geschenk waren die Parkbesucher und die vielen Kontakte." Und das mitten in der Corona-Zeit, in der die Isolation so ausgeprägt war, fügt er hinzu.

Ein Entenhaus also wünschte sich Ken zum Geburtstag. Der Vater, völlig bar jeglicher Bauerfahrung, stimmte arglos zu. Drei Tage vor Kens Geburtstag am 13. April schwangen sich die beiden in Hochbrück aufs Fahrrad und fuhren zum Schlosspark. Nicht wissend, dass bis zum Ende des Projekts etwa 700 Kilometer Radlstrecke vor ihnen lagen. Das Baumaterial war leicht zu beschaffen, sagt Minh Duc Truong. Die Äste stammen vom Hartriegel-Busch, die Ken schälen musste. Die Dach- und Bootsplanken waren einmal Teil eines morschen Baumstamms. Außerdem verwendeten Vater und Sohn mehr als 200 Meter Gartendraht, und die Pontons schwimmen auf Styropor vom Wertstoffhof Garching: "Die reinen Materialkosten betragen weniger als zehn Euro."

Doch aller Anfang ist schwer, das mussten auch die beiden Hobby-Architekten lernen. Das erste Entenhaus schaute so aus, als wollte es jeden Moment von alleine wieder zusammenbrechen. Doch dann packte den Vater ganz offensichtlich der Ehrgeiz und in vielen Stunden entstand ein schmucker Neubau. "Wir hatten in den ersten zwei Wochen keinen Plan. Im Gegensatz zu den letzten zwei Wochen", sagt Truong.

Minh Duc Truong, der ursprünglich aus Vietnam stammt, aber schon seit 31 Jahren in Deutschland lebt, ist offenbar ein Mensch mit vielen Talenten. Der Logistik-Produktmanager hat sich nach Kens Geburt entschieden, eine dreijährige Elternzeit anzutreten, die noch bis zum nächsten Frühjahr dauert. Das habe auch dieses Projekt begünstigt, denn der 42-Jährige ist überzeugt, neben Arbeit im Home-Office hätte er das Entenhaus nicht bauen können. So aber blieb sein Tagesablauf befreit von weiteren Aufgaben. Den Vormittag verbrachte er von März an damit, Masken zu nähen. Seine Frau hat ihm erst vor drei Monaten das Nähen beigebracht, Truong wollte einen Beitrag während der Corona-Krise leisten. An die 300 Masken habe er genäht, fast alle wurden verschenkt, auch an Besucher des Entenhauses im Schlosspark, wo er und Ken stets am Nachmittag werkelten. Wobei einige der Teile, wie etwa das Boot oder das Dach, in Heimarbeit entstanden sind, weil er dort die Werkzeuge und die Ruhe für die Präzisionsarbeit hatte. Allein für das genähte Boot haben die Baumeister 35 Stunden gebraucht. Und, ein liebevolles Detail, es hat am Schluss eine halb japanische und halb vietnamesische Flagge bekommen, weil eben Kens Mama aus Japan stammt und sein Papa aus Vietnam. Die Zeit spielte für Truong keine Rolle, "der Spaß und die Erinnerungen sind unbezahlbar und nicht mit Daten erfassbar". Gerade in Corona-Zeiten sei das Bauprojekt "ein exzellenter Zeitvertreib" gewesen, denn die Familie habe nur eine kleine Wohnung ohne eigenen Garten.

Lachend erzählt der Vater, wie er sich mit Ken durch das Projekt hangelte, und es immer größer wurde. "Der Pavillon, das Boot mit Steg, eines führte zum anderen." Wobei der Bau im Schlosspark keine Selbstverständlichkeit ist. Gleich zu Beginn fand Truong einen Zettel des Gartenverwalters Alexander Bauer, der um Rückruf bat. Bauer unterstützte das Vater-Sohn-Projekt letztlich, sagte ihnen aber gleich, dass es nicht am Schloss Lustheim stehen bleiben könne. Deshalb musste das Haus auch vergangene Woche umziehen. Es steht jetzt im Landschaftsteil des Schlossparks, dort wo beispielsweise auch die Gartenlust immer stattfindet. "Es ist von der südlichen Allee aus gut zu sehen", sagt Bauer, das Entenhaus stehe jetzt am südlichen Kanal. Der Gartenverwalter sagt, die Baugenehmigung sei eine Ausnahme gewesen, Corona-bedingt. "Es ist ja eine schöne Idee und es ist gut gelungen. Das gefällt auch den Besuchern", sagt Bauer, der schon die ersten Nachfragen beantworten musste, wo denn das Bauwerk abgeblieben sei. Aber, so der Gartenverwalter, "bitte keine Nachahmer", das Vater-Sohn-Projekt soll ein Einzelfall bleiben.

Es lohnt sich, "Ken's Little House" anzuschauen. Da gibt es Markisen, genäht aus Resten der Maskenstoffe, und auf dem Dach thront ein Wimpel mit der Maus aus der Sendung mit der Maus. Sie trägt eine Torte mit vier Kerzen, natürlich für Ken. Der Papa hat sie für ihn gezeichnet. Sehenswert ist auch die "hängende Mango", die wohl mancher als Gartensitzmöbel kennt. Sie ist allerdings nicht dauerhaft im Haus zu bewundern, der Vater fürchtete, sie würde zu leicht kaputtgehen.

Aber auch so ist er gut beschäftigt, das Bauwerk immer wieder in Stand zu setzen und zu renovieren. Mal muss eine Leiter repariert werden, mal der Steg oder das Boot. Trotzdem haben die beiden etwas Außergewöhnliches geschaffen. Ken jedenfalls hatte viel Spaß, sein Vater sowieso. Ken könnte sich eine Fortsetzung vorstellen. "Er hat schon gesagt, er will jetzt ein dreistöckiges Haus", erzählt der Vater. Aber das stieß nicht auf das Wohlwollen der Mama. "Meine Frau hat gesagt, es reicht", so Truong. Nach so viel Arbeit und Einsatz sei es nun mal gut.

Doch egal ob zwei oder drei Stockwerke. Ken bleibt ja Immobilienbesitzer. Noch dazu in bester Lage.

© SZ vom 15.06.2020

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