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Tassilo-Kandidat:Heimatgefühle zum Anfassen und auf Papier

Otto Bürger, Ortschronist und Kandidat für den Tassilo-Preis in seinem Esszimmer, das dem Schloss Ismaning nachempfunden ist. Oberschleißheim

Otto Bürgers ganzer Stolz: sein Schlosszimmer, das er nach Vorbild von Schloss Ismaning gestalten ließ.

(Foto: Florian Peljak)

Otto Bürger ist seit 50 Jahren Schleißheimer Ortschronist. Sein Haus ist eigentlich ein Museum. Doch sein Faible ist das Schreiben.

Von Christina Hertel, Oberschleißheim

Otto Bürgers Haus ist eigentlich ein Museum. In jedem Winkel, in jeder Ecke könnte er einem noch einen seiner kleinen Schätze zeigen. Den Paul Klee im Schlafzimmer, das Porzellan in der Vitrine, die asiatischen Puppen im Wohnzimmer - oder, wenn man etwas mehr Zeit hat, um die 300 Ansichten von Oberschleißheim.

Jedes Objekt, das Bürger besitzt, möchte er auch verstehen. Und das, was er darüber erfahren hat, dokumentieren. Also wurde aus Bürger, dem Zahlenmenschen und Angestellten der Bundesbank, irgendwann Bürger, der Autor. Sein liebstes Thema: seine Heimat Oberschleißheim. 29 Publikationen hat er über den Ort verfasst, bei drei weiteren mitgeschrieben. Oberschleißheim in alten und in neuen Ansichten. Oberschleißheimer Brauchtum. Schleißheimer Wirtshaus Geschichten. Schleißheim im Nationalsozialismus. Er hat wohl jedes Thema, was man sich in der Gemeinde vorstellen könnte, bearbeitet.

Das neueste Buch widmet er seiner Frau

Otto Bürger ist 77 Jahre alt und der Typ Mann, der einer Frau in den Mantel hilft oder die Tür aufhält, einfach, weil sich das doch so gehört. Bürger hat dunkle, wache Augen und wenn er lacht, lacht das ganze Gesicht. Seiner Frau hatte er eigentlich vor ein paar Monaten versprochen, mit der Schreiberei aufzuhören. Aber dann kam ihm noch eine Idee. "Diesmal schreibe ich für uns", sagte er zu ihr. "Lebenslinien" heißt das Werk, das er vor kurzem beendete.

Darin blickt er auf sein Leben zurück. Und auf 50 Jahre Beziehung zu seiner Frau Rita. Mit ihr hat er die ganze Welt bereist. Japan, China, Skandinavien, Marokko, Kalifornien, Kenia, die Liste ist lang. Mit ihr traf er Christoph Schlingensief in Berlin und Ai Weiwei auf der Documenta in Kassel. Doch ein Kapitel in Bürgers neuestem Werk ist erstaunlich dünn. Es heißt: "Ortsgeschichtliche Aktivitäten". Dabei hat das wahrscheinlich mehr Zeit gekostet als alle Urlaube und Theaterbesuche zusammen.

Otto Bürger ist nicht nur Oberschleißheimer Ortschronist. Er veranstaltet auch Führungen, zum Beispiel auf dem Flugplatz, in den Schlössern oder entlang der Schleißheimer Kanäle. Zu Themen wie der Oberschleißheimer Ortsentwicklung organisierte er auch Ausstellungen. Er baute ein virtuelles Heimatmuseum mit auf und ist seit Jahren Vorsitzender des örtlichen Kulturvereins.

Bürgers Leben war die vergangenen 77 Jahre wirklich vollgepackt und das soll sich auch in Zukunft nicht so schnell ändern. Warum auch? Er spielt regelmäßig Tennis, kann sich jede Telefonnummer nach nur einmal anschauen merken. Vor dem Einschlafen hat Bürger ein Ritual: Er erinnert sich an eine seiner Reisen und geht jeden Urlaubstag in Gedanken nach. Wenn er irgendetwas vergessen hat, kann er in einem seiner Tagebücher nachschauen. Momentan schreibt er das 49.

Das Esszimmer ist dem Ismaninger Schloss nachempfunden

Beim Erzählen steht Bürger immer wieder auf, zeigt Bücher, Skulpturen, Porzellan. Alles hat eine Geschichte. Sich jede zu merken? Unmöglich. Dann sagt er plötzlich: "Jetzt zeige ich Ihnen das Allerbeste", und geht aus dem Raum. "Hier bin ich der Schlossherr", sagt Bürger. Er steht in seinem Esszimmer, das aber eigentlich aussieht wie ein Zimmer in einem Schloss. Der Stuck an der Decke, der Leuchter, das Sofa.

Tatsächlich hat der Raum ein reales Vorbild: Schloss Ismaning. Auf die Wände sind Marmor und antike Bilder gemalt. Zwei Greife aus Gips sind auf ihnen angebracht, die gleichen wie in der Münchner Residenz. "Ich freue mich jedes Mal, wenn ich hier hereinkomme", sagt Bürger - und man merkt, dass das keine Floskel ist. Den Stuck haben er und seine Frau selbst gegossen, aber ansonsten müssen bei so einer Arbeit Profis ans Werk. Bürger fragte die Restauratoren der Münchner Residenz, ob sie Lust auf ein Projekt in Oberschleißheim hätten - und sie hatten. "Wir essen hier immer und wenn wir Besuch haben, ziehen wir einfach den Tisch aus."

Und hier hat Bürger einiges zu zeigen. Etwa seine Porzellan-Teller mit den alten Ansichten von Oberschleißheim. Bürger hat eine riesige Porzellan-Sammlung, die im ganzen Haus verteilt ist. Sechs DIN A4 Seiten ist die Liste über seine Objekte lang. Das brachte ihn jüngst wieder auf eine Idee für ein Buch: "Schleißheimer Porzellan Träume" soll der Titel heißen. Darin will er die Geschichte von Porzellan im Allgemeinen und den Oberschleißheimer Bezug dazu im Speziellen erklären. An die 50 Seiten hat er schon zusammen. Was seine Frau dazu sagt? "Ach, mir macht es einfach so viel Spaß." Was soll sie da noch einwenden.

© SZ vom 04.06.2016

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