Mit Autobahnen verhält es sich ähnlich wie mit Fußballstadien. Es muss kontinuierlich investiert werden, damit die Infrastruktur nicht auseinanderbröckelt, Sitzschalen aus der Verankerung fallen oder der Asphalt aufzuplatzen droht. Doch während die Landeshauptstadt München erst vor zwei Jahren nahezu 200 Millionen Euro für die Sanierung des für die Sommerspiele 1972 erbauten Olympiastadions bewilligt hat, fehlt für die Instandsetzung zahlreicher Autobahnen in Südbayern aus derselben Zeitperiode das notwendige Geld. Dies hat unter anderem zur Folge, dass Autofahrer seit Anfang Mai auf der A 92 zwischen Oberschleißheim und der Anschlussstelle Eching-Ost nur noch höchstens 120 Kilometer pro Stunde fahren dürfen – für Motorradfahrer gilt sogar eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Kilometer pro Stunde.
Zahlreiche Autobahnen in Südbayern stammen aus einer Zeit, in der sich der Freistaat vom Agrarland zum Industriestandort zu wandeln begann – aus den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren. „Anfangs gab es in Bayern eigentlich nur die A 8 und die A 9“, sagt Josef Seebacher, Pressesprecher der Autobahn GmbH des Bundes für Südbayern. Also die großen Transitstrecken in Richtung Salzburg und Stuttgart sowie in den Norden nach Berlin. „Dann sind große Autobahnen gebaut worden, zum Flughafen, zu BMW – Bayern wurde in die Moderne katapultiert.“ Mit Blick auf die Autobahnen der Gegenwart kann von modern allerdings keine Rede mehr sein. Vielmehr sagt Seebacher über den Zustand der Schnellstraßen: „Wir befinden uns an einer kritischen Schwelle.“
Geschwindigkeitsbegrenzungen gab es auf der A 92 zwischen Oberschleißheim und Eching-Ost nördlich des Autobahnrings A 99 bereits in den vergangenen 13 Jahren. Auch aufgrund eines Unfalls auf dem Abschnitt im Jahr 2012, bei dem ein Motorradfahrer zu Tode kam. Nach dem Unglück seien damals Gutachter eingeschaltet worden, um den Zustand der Autobahn zu überprüfen, sagt Seebacher, „denn damals war die Autobahn schon alt und hatte ihre Lebensdauer bereits um zehn Jahre überschritten“. In der Folge seien Maßnahmen ergriffen worden, um die Sicherheit auf der A 92 zu erhöhen: Mit sogenannten Dehnungsschnitten wurde aus dem sehr harten Beton der Fahrbahndecke Spannung herausgenommen.
Aber mit derartigen kosmetischen Eingriffen sei es mittlerweile nicht mehr getan, erläutert der Sprecher der Autobahn GmbH Südbayern. „Wenn das Material in die Knie geht, geht es nicht mehr. Und auch unsere Experten sagen uns, dass die Autobahn nicht noch einmal zehn Jahre halten wird.“ Vielmehr müsse der Abschnitt zwischen Oberschleißheim und der Anschlussstelle Eching-Ost von Grund auf saniert werden.
In Niederbayern wird die Geschwindigkeit an mehreren Stellen gedrosselt
Derart verhält es sich auch auf weiteren Autobahnabschnitten in Südbayern, die ein ähnliches Alter aufweisen. Seit 1. Mai gilt auf der A3 zwischen dem Autobahnkreuz Deggendorf und der Anschlussstelle Hengersberg in Niederbayern ein einheitliches Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde für Autos und 80 Kilometern in der Stunde für Motorradfahrer. Betroffen ist auch die A 93 zwischen dem Autobahndreieck Saalhaupt und der Ausfahrt Elsendorf, ebenfalls in Niederbayern. Zudem sind zwei weitere Abschnitte der A 92 zwischen der Anschlussstelle Freising-Süd und der Anschlussstelle Freising-Ost sowie zwischen Landshut-West und Dingolfing-Ost betroffen. Insgesamt musste die Autobahn GmbH auf etwa 100 Kilometern in ganz Südbayern die Höchstgeschwindigkeiten teils erheblich drosseln. „Wir haben das jetzt einheitlich gestaltet. Die Grundentscheidung aber ist schon im vergangenen Jahr gefallen, weil die Schäden einfach so erheblich sind“, sagt Seebacher. „Und es ist uns vor allem wichtig, Motorradfahrer zu schützen.“
Aber warum greift die zuständige Autobahn GmbH erst jetzt ein und führt großflächig auf mehreren wichtigen Autobahnen Geschwindigkeitsbegrenzungen ein – anstatt bereits in der Vergangenheit die Trassen saniert zu haben? Die Antworten sind so vielfältig wie banal. Es sind in Südbayern schlichtweg zu viele Autobahnen, die grundlegend ertüchtigt werden müssen, weil sie alle zur selben Zeit das Ende ihrer Lebensdauer erreichen oder dieses bereits überschritten haben. „Wir stehen vor einem Berg an Aufgaben. Der Bedarf ist derart hoch und wir hätten auch gerne mehr gemacht, aber es schlägt auch der Bundeshaushalt durch“, sagt Seebacher. Im Grunde fehle beim Straßenbau seit der Wiedervereinigung das Geld.
Hinzu komme, dass es viel komplizierter ist, eine Autobahn zu sanieren, als neu zu errichten. „Wir haben heute sehr viel mehr Verkehr als in der Zeit, als die Autobahnen gebaut wurden“, so Seebacher. „Die A 92 zum Beispiel ist wie auch die Passauer Autobahn sehr schmal. Es gibt wenig Platz, um überhaupt eine Baustelle einzurichten.“ Anders als vor 40, 50 Jahren, als auf der grünen Wiese binnen kürzester Zeit 30, 40 Kilometer Autobahn gebaut werden konnten. Deshalb müsse stets in kleineren Abschnitten saniert werden: „40 Kilometer Baustelle können wir niemandem zumuten.“ Und die Planungen für eine Sanierung seien genauso aufwendig wie für den Neubau einer Autobahn, sagt Seebacher. So muss bei großen Infrastrukturprojekten – egal ob Instandsetzung oder Neubau – stets ein Planfeststellungsverfahren als Genehmigungsprozess erfolgen, der bis zu zehn Jahre in Anspruch nehmen kann. Dieses wird noch einmal komplexer, wenn wie an der A 92 Brücken betroffen sind, die ebenfalls längst das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben.
Eine Beschleunigung dieses Verfahrens wäre laut Seebacher zwar wünschenswert, hätte aber auch seinen Preis. „Klar, das Planen kostet Zeit. Aber es gehört zum Wesenskern eines Rechtsstaats, dass alles sehr genau überprüft wird und die Belange aller Beteiligten gehört werden.“
Wann die Sanierungen auf den betroffenen Autobahnabschnitten in Südbayern beginnen werden, sei derzeit noch offen, so Seebacher. Personalmangel und fehlende Finanzmittel bremsten die Autobahn GmbH aus – die anstehenden Projekte müssten schrittweise abgearbeitet werden. Es wird also noch dauern, bis München und sein Umland ein weiteres Mal in die Moderne katapultiert werden – zumindest auf den Autobahnen.

