Still liegt der See jetzt da, nur ein wenig bauscht der Wind das türkis-blaue Wasser auf. Am Ufer hinter der Stehtribüne werden die Flaggen eingeholt. Nur noch wenige Menschen tummeln sich an diesem sonnigen Montagnachmittag auf der Regattaanlage in Oberschleißheim und beseitigen die Überreste einer Veranstaltung, die zwei Wochen lang Zigtausende begeistert hat: die European Championships 2022, die ja nicht nur das größte Sportereignis in der Landeshauptstadt München nach den Olympischen Spielen 1972 waren, sondern auch eines der berauschendsten Events auf der einzigen Regattaanlage in Süddeutschland seit diesen denkwürdigen Spielen vor 50 Jahren.

Die Regattastrecke hat seitdem viel erlebt, unter anderem fanden hier 1981 und 2007 Ruder-Weltmeisterschaften statt, zuletzt mit mehr als 60 000 Zuschauern. Dennoch waren diese European Championships Spiele, die in ganz besonderer Erinnerung bleiben werden - den Sportlern gleichermaßen wie den Zuschauern und all den freiwilligen Helfern. "Die Stimmung war gigantisch, das war Festtagsstimmung", sagt Willi Bock, Vorsitzender der Rudergesellschaft München 1972, die hier ihren Heimatsitz hat. Der 66-jährige Bock war an neun Tagen wie so viele andere als Volunteer dabei und hat geholfen, nahezu perfekte Meisterschaften der Ruderer und Kanuten zu organisieren. "Die European Championships haben gezeigt, dass die Anlage funktioniert, nicht nur für regionale Wettkämpfe", sagt Bock. "Die Kapazitäten sind da, und das ist auch ein wichtiges Signal an die Stadt München und den Freistaat."


Dass Bock sich quasi direkt an diese beiden Player wendet, hat einen Grund. Denn die Regattaanlage ist in die Jahre gekommen und ein echter Sanierungsfall. Darüber können auch diese bunten und aus sportlicher Sicht faszinierenden Tage nicht hinwegtäuschen, an denen etwa 1000 Sportlerinnen und Sportler aus 36 Nationen bei 65 Wettkämpfen um Medaillen gekämpft haben. Nicht nur der großen Tribüne mit den abgenutzten Sitzreihen ist jetzt nach dem Abbau der provisorischen blauen Sitzschalen wieder anzumerken, wie marode sie ist. Überall auf der Regattaanlage bröckelt und rostet es; seit Jahren können die Unterkunftsräume nicht mehr genutzt werden. "Eigentlich hat die Anlage ihr Rentenalter erreicht", beschreibt Willi Bock den Zustand des Areals, das seit 2018 unter Denkmalschutz steht.

Und so stellt sich die Frage, wie es mit der Regattaanlage weitergeht. Welche Zukunft sie über diese European Championships hinaus hat. "Ich wünsche mir, dass bei allen ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, wie wichtig diese Anlage ist, welche Bedeutung sie hat", sagt Oberschleißheims Bürgermeister Markus Böck (CSU). "Bei der Landeshauptstadt, beim Freistaat und, das wäre wünschenswert, auch beim Bund." Seit Jahren wird darum gerungen, wie die Anlage, die sich im Besitz der Landeshauptstadt befindet und wo der nördliche Teil mit der Tribüne aber auf Oberschleißheimer Gebiet liegt, für die kommenden Jahrzehnte fit gemacht werden kann. Ein Konzept hierfür lag bereits auf dem Tisch, etwa 60 Millionen Euro sollte eine komplette Sanierung der Regattaanlage kosten - angesichts der massiven Auswirkungen der Corona-Krise auf den Haushalt hat die Stadt München aber die Notbremse gezogen und die Investitionen auf nur noch neun Millionen Euro zusammengestrichen. Wie es jetzt weitergeht, ist ungewiss.

Rathauschef Markus Böck war bei den Championships selbst hautnah dran und hat bei den Ruderwettkämpfen vor Tausenden Zuschauern Medaillengewinnern Blumen überreichen dürfen. "Bei so einem Event lernt man auch wieder zu schätzen, was für einen Schatz man vor der Haustür hat", sagt Böck. Klar sei, dass das 60-Millionen-Konzept nicht mehr zu halten sei, so Böck, aber eine "komplette Sanierung" müsse weiter das Ziel sein. "Scheibchenweise" könne die realisiert werden, ist der Bürgermeister überzeugt, "und es muss etwas passieren, der Zustand der Anlage ist nicht gut".

Willi Bock von der Rudergesellschaft wünscht sich vor allem, dass endlich auch die Nutzer gehört werden. "Das ist bisher nicht passiert. Es sind ein Dutzend Vereine, die die Anlage nutzen", so Bock. Breiten- und Leistungssport müssten hier gleichermaßen eine Heimat haben, und der Bedarf sei vorhanden, sagt er. "Allein in diesem Jahr haben wir schon 180 Anfragen für unser Schnupperrudern. Rudern ist keine Sportart, die untergeht, sondern obenauf schwimmt", ist er überzeugt.
Der Traum von einer modernen Regattaanlage im historischen Gewand lebt in Oberschleißheim also weiter - und ein klein wenig auch der von Olympischen Spielen im Ort. Irgendwann. Die European Championships hätten gezeigt, dass Wettkämpfe auch ohne den Gigantismus des IOC möglich seien, sagt Bock. Und auch Bürgermeister Böck glaubt an diese Chance: "München kann das - und Oberschleißheim natürlich auch."


