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Oberschleißheim:Die Chance für alte Obstsorten

Hofgarten Schleissheim, Kunst- und Lustgärtnerei, Schloss Schleissheim

Es hat braune Flecken, Dellen oder Lederhaut. Dennoch bietet das Obst aus dem Hofladen Oberschleißheim viele Geschmackserlebnisse.

(Foto: Florian Peljak)

Im Hofladen des Schlosses Schleißheim, benannt nach dem Blauen Kurfürsten, können sich Bürger mit Äpfeln, Birnen oder Quitten versorgen - auch als Schnaps.

Von Christina Hertel, Oberschleißheim

Zwiebelborsdorfer, Ingrid Marie, Gloria Mundi, Zimt Renette. Großer französischer Katzenkopf, Kuhfuß, Roter Bellefleur. Diese Namen klingen irgendwie erfunden, nach einer Mischung aus Pilzhandbuch und Fantasyroman. Doch es gibt sie alle wirklich, es handelt sich um historische Apfel- und Birnensorten. Im Supermarkt kann man sie nicht kaufen - dafür in dem Lädchen im Hofgarten von Schloss Schleißheim. Solange der Vorrat reicht.

Ein bisschen grau sieht der Lederapfel aus, nicht besonders appetitlich. Alexander Bauer, er leitet den Hofgarten, schneidet sich ein Stück ab, beißt hinein, und man merkt schon: Das ist kein mehliger Nullachtfünfzehn-Supermarktapfel. Der hier ist richtig saftig. "Ich sage immer, wenn man sich überwindet reinzubeißen, wird man vom Geschmack belohnt", sagt Bauer, das Messer in der einen, den Apfelschnitz in der anderen Hand. Bauer trägt einen schwarzen Hut, Trachtenjanker, Jeans. Dass er eigentlich Gärtner ist, verraten nur noch seine Hände, kräftig und rau. Ein älterer Herr hat gesehen, dass es hier etwas zu probieren gibt. "Darf ich auch ein Stück?", fragt er. "Ich meine, bevor ich die ganze Kiste mitnehme?" Er darf. Bauer schneidet ihm auch ein Stück ab. Danach macht der Mann seine Holzkiste voll.

"Blauer Kurfürst-Laderl" heißt das Geschäft im Hofgarten von Schloss Schleißheim. Weil Max Emmanuel, der das Neue Schloss errichten ließ, meist blaue Kleidung trug. Es ist ein kleines Häuschen zwischen Obstbäumen, das nur aus zwei Zimmern besteht. Im Eingang die Kasse mit großer Waage und einem alter Karren voller Äpfel. Und im Raum dahinter: Obstkiste gestapelt auf Obstkiste. Man kann sich nicht so recht vorstellen, wer die ganzen Äpfel essen soll. Tatsächlich sei es, was die Apfelernte betrifft, ein besonders gutes Jahr gewesen, erzählt Bauer. Birnenmäßig dafür eher mau.

Hofgarten Schleissheim, Kunst- und Lustgärtnerei, Schloss Schleissheim

Der Hofladen des Schlosses Schleißheim bietet viele verschiedene Apfelsorten an.

(Foto: Florian Peljak)

Die Obstgärten gehören schon immer zu Schloss Schleißheim dazu. Ein landwirtschaftliches Gut mit Äckern, Feldern, Wäldern, Wiesen und eben Obstgärten existierte schon, bevor für den Schlossbau auch nur ein Stein auf den anderen gesetzt wurde. Der Betrieb diente zur Versorgung des Wittelsbacher Hofes, verkauft wurde auch schon immer. Heute stehen in dem Garten etwa 400 Obstbäume - Äpfel, aber auch Birnen, Quitten und Zwetschgen. Das war nicht immer so. Bevor Bauer vor zehn Jahren als Leiter des Hofgartens anfing, lag der Garten in einer Art Dornröschenschlaf. Ihn daraus wieder zu erwecken, wurde Bauers erste Aufgabe, und bald kam noch eine zweite dazu. Auf dem Speicher des Schlosses fand er eine alte Liste, Datum 1754. Darauf: um die 120 Apfelsorten.

Bauer wollte diese Sorten in den Hofgarten zurückbringen und merkte schnell, dass er dabei an seine Grenzen stoßen würde. Studenten der Universität Hohenheim übernahmen die Aufgabe und suchten auf Wiesen und in alten Obstgärten. Das Ergebnis: 80 Prozent der Apfelsorten auf der Liste werden wohl für immer verloren sein. Der Rest aber wächst seit sechs Jahren wieder in Schleißheim. Bis Bauer die ersten dieser Äpfel ernten kann, wird es aber wohl noch ein paar weitere Jahre dauern.

Bauer sieht es als seine Pflicht an, der Nachwelt so viele Sorten wie möglich zu erhalten. Er sagt: "Vor 50 Jahren gab es noch dreimal so viele Apfelsorten wie heute." Und: "Was kennen die Leute denn heute noch? Im Supermarkt gibt es ja bloß Granny Smith und Pink Lady." Plastikverpackt mit glatter Haut, ohne Dellen, ohne Verfärbungen. Langweilig. Seine Äpfel aber, das weiß Bauer auch, eignen sich nicht für den industriellen Anbau. Die Ernte ist zu aufwendig. Und im Supermarkt würden sie wohl die wenigsten Menschen in ihren Einkaufswagen legen. Zu schrumpelig, zu braun, zu dellig. Das ist auch der Grund, dass heutzutage Ingrid Marie und Gloria Mundi fast vergessen sind.

Hofgarten Schleissheim, Kunst- und Lustgärtnerei, Schloss Schleissheim

Im Hofgarten Schleißheim werden besonders alte Obstsorten angepflanzt.

(Foto: Florian Peljak)

Obst wird in Schleißheim nicht nur in Kilos verkauft, sondern auch in Litern - in Form von Schnaps. Welche Sorten es gibt, hängt von der Ernte ab. Birne könnte die nächsten Jahre knapp werden, weil heuer so wenige an den Bäumen hingen. Zwetschgenschnaps könnte es dafür bald jede Menge geben. "799 Liter" steht auf den großen grünen Tonnen, in denen noch brauner Zwetschgen-Matsch steht. Es sieht ein bisschen unappetitlich aus, riecht aber schlicht nach Alkohol. Bis Januar bleiben die Zwetschgen in den Tonnen, dann wird gebrannt. Vier bis fünf Jahre muss der Schnaps gelagert werden, bevor er verkauft wird. In langen Flaschen steht er dann im Lädchen im Regal und im Keller des Schlosses auf alten Holzfässern. Hier lässt Bauer so manche Führung enden. Die Teilnehmer können dann probieren - vom Renatuswasser, vom Eremitentrost oder vom Blauen Kurfürsten.

Für Bauer gehören diese Führungen dazu - als Werbung für das Schloss, das Obst und den Schnaps. Und für ihn selbst ist das Ganze auch eine willkommene Abwechslung: "Wenn ich nicht im Büro sitzen muss, fühle ich mich immer wie ein Schulkind, das von den Hausaufgaben abgelenkt wird." Dann schwingt sich Bauer auf sein Dienstfahrzeug, ein Fahrrad mit weiß-blauem Bayern-Wappen. Es geht wieder los, ins Büro.

Geöffnet hat der Obstladen im Hofgarten des Schlosses freitags von 7 bis 12 Uhr sowie samstags von 9 bis 12.30 Uhr.

© SZ vom 08.11.2016
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