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Oberhaching:Verwöhnte Bengel auf Studienfahrt

Ein Fest für die Ohren: Die Musiker ernteten Bravo-Rufe, trampelnde Füße und anhaltenden Applaus.

(Foto: Claus Schunk)

Peter Veit zeichnet bei einer musikalischen Lesung ein wenig schmeichelhaftes Bild der amerikanischen Künstler im Paris der Zwanzigerjahre

Der Schlag sitzt. Ernest Hemingway taumelt durch den Ring, Blut rinnt ihm von der Lippe. Da merkt F. Scott Fitzgerald, bei diesem Boxkampf im Paris des Jahres 1929 Zeitnehmer, dass er die Runde versehentlich vier Minuten hat dauern lassen. Schockschreck - eine Minute zu lang!

Diese Bilder stehen nahezu plastisch im Bürgersaal beim Forstner, wenn Peter Veit, ausgebildeter Sprecher und außerdem Moderator der Radiosendung Jazznacht beim Bayerischen Rundfunk (BR), beim 14. Jazz-Festival in Oberhaching jene Begegnung im Ring schildert, die zumindest literaturgeschichtlich einige Bedeutung erlangt hat. Und Veit macht das gut, mit moderatem Erzähltempo und ein wenig Drama in der Stimme: Da möchte man eigentlich auch 90 Jahre später nur noch in Deckung gehen ob der Wut, die sich in diesem Moment der Niederlage in Hemingway zusammengebraut haben muss - und die letztlich zum Bruch der Freundschaft zwischen den beiden großen Schriftstellern geführt haben soll.

Die musikalische Lesung nach dem Textkonzept von Eva Hofmann hat sich längst als feste Größe etabliert. Nun hat sich die Kulturamtsleiterin also dem Phänomen der US-amerikanischen Exilanten angenommen. "Americans in Paris" lautete der Titel der zweiten Veranstaltung des insgesamt dreitägigen Festivals.

40 000 US-Amerikaner lebten Mitte der Zwanzigerjahre in der französischen Hauptstadt, wie der Zuschauer am Freitagabend erfuhr. Namen wie Gertrude Stein, George Gershwin und Josephine Baker kennt man bis heute. Aber auch Autoren, Maler und Musiker, denen der große Erfolg verwehrt blieb, suchten damals Inspiration in der quirligen Metropole. Sie feierten wilde Partys, gerne in den Clubs von Ada "Bricktop" Smith, die zahllose Nächte dafür Sorge getragen haben soll, dass der betrunkene F. Scott Fitzgerald wohlbehalten zu Hause eintraf. Dass aber keiner so sehr mit dieser aufregenden Epoche verbunden wird wie Ernest Hemingway, mag daran liegen, dass von ihm folgender Satz stammt: "Paris ist ein Fest fürs Leben."

Nun, vielleicht feiert man in Oberhaching nicht fürs Leben - an einem Fest für die Ohren durfte man dort aber definitiv teilhaben. Festivalleiter Bernd Lhotzky hatte nämlich eine hervorragende Equipe aus Frankreich in die Gemeinde geholt. Die Musiker an Kontrabass, Klavier, Schlagzeug, Klarinette, Kontrabass, Saxofon und zwei Trompeten erspielten sich unter anderem mit Stücken von Louis Armstrong, Sidney Bechet oder Cole Porter - noch so ein Amerikaner, der im Paris der Zwanzigerjahre dem Savoir vivre frönte - schnell die Anerkennung des Publikums. Es reichten ein paar samtige Töne auf der Klarinette, es genügte ein überraschend weiches Solo auf der Trompete, um den Saal mit jener frivolen Lässigkeit anzufüllen, die dem Paris der Zwanzigerjahre so gerne nachgesagt wird. Bravo-Rufe, trampelnde Füße, langer Applaus.

Eva Hofmann wiederum muss einigen Rechercheaufwand betrieben haben für ihr Textkonzept. Aus Romanen, Briefen und Interviews zitierte Veit auf der Bühne, und mit jeder Passage nahmen die Protagonisten mehr Konturen an. Als der berühmte Jazz-Trompeter Bill Coleman das erste Mal nach Paris reiste, tat er während der Zugfahrt vor Aufregung kein Auge zu. Wenig begeistert soll zunächst Zelda Fitzgerald gewesen sein. Diese Rückständigkeit! Der Aufzug ihres Hotels sei ihr so langsam erschienen, dass sie diesen mit dem Gürtel ihres Bademantels festband - laut Peter Veit "zu ihrer persönlichen Verfügung".

Die Kritik am verschwenderischen Lebensstil klingt leise an und mit Humor. Und doch verfestigt sich das Bild von Expats, die zwar alle miteinander verbandelt waren, aber kaum Kontakte zu den Parisern unterhielten. Ein paar verwöhnte Bengel auf Studienfahrt. Den schönen Künsten zugetan, dem Wein, dem Spaß.

Und dann und wann auch dem Boxkampf. Veit ruckelt den Hocker zurecht, zieht das Mikrofon zu sich heran, liest: Hemingway, verliebt in die Vision von sich als großem Boxer, vergab weder Fitzgerald noch dem Gegner besagten Kampfes, dem kanadischen Schriftsteller Morley Callaghan. In einem Interview sprach Hemingway dann sogar von dreizehn Minuten, die der Boxkampf gedauert habe. Noch immer wütend, natürlich.