Durch das offene Fenster dröhnt Baulärm in den Container. Aber ein bisschen Luftzug muss sein bei der Hitze. Draußen entwickelt sich die riesige Baustelle gegenüber dem Deisenhofener Bahnhof langsam aber stetig zu einem Schulcampus. Drinnen sitzen die Mitglieder des Zweckverbands Staatliche weiterführende Schulen im Süden des Landkreises München um den Sitzungstisch und diskutieren über die Kosten der Sportgeräte für die Turnhalle. Es ist tatsächlich das erste Mal in der mittlerweile achtjährigen Planungs- und Baugeschichte der beiden Schulen, dass etwas teurer wird als gedacht.
Der Landkreis München hatte zusammen mit den eingebundenen Kommunen im Südosten der Stadt bereits 2018 den Grundsatzbeschluss für diesen Standort gefasst. Man begann, die Idee von einer Kombination aus Realschule und Fachoberschule (FOS) umzusetzen und kam mit den konkreten Planungen direkt in die Corona-Zeit. Dann wirbelte auch noch der Ukraine-Krieg die Preise am Bau durcheinander und in Oberhaching dachte man sich: Das wird richtig viel Geld kosten. Von 188 Millionen Euro war die Rede, mancher rechnete gar mit 200 Millionen.
Doch aufschieben war keine Option. Der Landkreis München braucht diese beiden Schulen dringend für das Hachinger Tal, wo die Realschule Taufkirchen längst an ihre Grenze stößt und Holzkirchen weiter im Süden ebenso über volle Klassen klagt. Auch eine zusätzliche FOS wird im Münchner Umland benötigt, denn diese Schulform hat sich als Alternative zu den Gymnasien gut etabliert und wird zunehmend beliebter.
Während andere Kommunen ihre Projekte auf Eis legten, weil ihnen das Risiko einer enormen Kostensteigerung zu groß erschien, hielt der Zweckverband an den Plänen fest und kalkulierte großzügig, auch, um nicht Gefahr zu laufen, wegen der Preisentwicklung ständig Geld nachschießen zu müssen. „Das ist das Grundproblem bei solchen Projekten. Sie dauern zehn Jahre bis zur Fertigstellung“, sagt der Zweckverbandsvorsitzende und Bürgermeister von Oberhaching, Stefan Schelle (CSU). Um das Dilemma noch einmal zu verdeutlichen, schiebt er nach: „Ich weiß heute auch nicht, was 2036 so eine Schule kostet.“

Tatsächlich rechnen die Oberhachinger und ihre Mitstreiter aus dem Landkreis – also aus Brunnthal, Sauerlach, Straßlach-Dingharting und Grünwald – mittlerweile mit deutlich weniger Kosten. Wenn alles so weiterläuft, werden sie bis zur Eröffnung zu Schuljahresbeginn im Herbst 2028 etwa 150 bis 160 Millionen Euro ausgegeben haben, also rund 40 Millionen Euro weniger, als im schlimmsten Fall angenommen. Dass jetzt die Liga-tauglichen Basketballkörbe in der Sporthalle und die Befestigungen für die Vorhänge etwa 400 000 Euro teurer werden als gedacht, ist zwar nicht schön, insgesamt aber zu verschmerzen.
Warum man aber bislang bei nahezu allen Vergaben eine Kostenunterschreitung vermelden konnte, obwohl man bei Bauvorhaben meist mit dem Gegenteil rechnet, macht Schelle an mehreren Faktoren fest. Zum einen seien die fetten Auftragsbücher der Bauunternehmen und Handwerker, wie man sie vor Corona kannte, plötzlich nicht mehr so voll gewesen. Denn die Industrie, mit der die Unternehmen eigentlich viel lieber zusammenarbeiten, ist zurückhaltender mit der Umsetzung ihrer Projekte geworden.


Der Ukraine-Krieg mit dem Wegfall der dortigen Stahlproduktion war ein zusätzlicher Showstopper. „Während wir früher vielleicht drei Bewerber hatten, von denen zwei von vornherein ausschieden, meldeten sich plötzlich 15 bis 20 mit einem Angebot“, erinnert sich Schelle. Es waren nun auch Firmen dabei, mit denen man gerne auch in der Vergangenheit zusammengearbeitet hätte, deren Interesse an öffentlichen Bauprojekten war vor Corona allerdings größtenteils sehr gering. Der Aufwand, den öffentliche Ausschreibungen mit sich bringen, erschien ihnen meistens zu hoch. Doch bei der jetzigen Lage schätzten die Firmen den Zweckverband als sicheren Zahler, nähmen solche Aufträge gerne an, auch um ihre Mitarbeiter halten zu können.
Für den Bürgermeister steht fest: „Den Mutigen gehört das Glück.“
Schelle sagt aber auch: „Wir haben einfach Glück gehabt.“ Beim Schulbau in Deisenhofen treffe der Spruch zu: „Den Mutigen gehört das Glück.“ Zumal durch die Komplettplanung eines solch großen Projekts in diesem Fall Landkreis und Kommunen einige Kostensteigerungen erspart blieben. „Das wird ja von Anfang an bis zur letzten Steckdose, jede Schraube, alles festgelegt“, so der Bürgermeister. Anders als bei einem privaten Hausbau etwa, bei dem man erst mal den Rohbau hinstellt und dann weitere Schritte angeht, werde bei öffentlichen Gebäuden alles von vornherein bestimmt.
Über mehr als 80 Prozent der Vergaben haben die Zwecksverbandsmitglieder längst abgestimmt, Ende Juli standen noch Themen wie Fiesen- und Plattenarbeiten in Mensa und Mehrzweckhalle auf der Tagesordnung, abermals wurden die Kosten um mehr als 88 Prozent unterschritten. Nur bei den Einbauten in der Sporthalle gelang das eben nicht, die werden nun um mehr als 40 Prozent teurer. Denn hier konnte der Zweckverband nicht aus einer großen Anzahl an Bewerbern für die Arbeiten auswählen. Der Auftrag ist so speziell, dass am Ende nur eine Firma infrage kam.

Über eine Webcam kann man die Fortschritte der bislang größten Oberhachinger Baustelle beobachten. Die Zweckverbandsmitglieder konnten nach ihrer Sitzung auch einen Blick hinter den Bauzaun werfen und feststellen: Bei der künftigen Realschule und der Mensa läuft bereits der Innenausbau. Der Rohbau der FOS ist fast fertig, an der Realschule werden parallel die Glasfassade, das Dach sowie die technische Gebäudeausstattung fertiggestellt. Bei der Mensa ist die Gebäudehülle bereits komplett geschlossen. Gut vorangehen auch die Arbeiten an der Sporthalle, wo derzeit an der Fassade und am Dach gearbeitet wird. Alles noch im Zeitplan. Schelle ist vorsichtig optimistisch: „Hoffen wir mal, dass alles so weitergeht.“

