Eben noch liegt Bürgermeister Stefan Schelle breit lächelnd rücklings auf dem Tisch, als plötzlich der Kirchturm von Sankt Stefan auf ihn stürzt. Damit nicht genug, muss der Gemeindechef auch noch erdulden, wie sein Stellvertreter im Rathaus, Ludwig Pichler, ihn übertrumpft. Beim Schafkopfen gelten halt andere Rangfolgen als in der Politik, die Könige sind ohne Macht, und es muss nicht sein, dass der Ober den Unter sticht. Und anders als in der Politik darf nach Herzenslust geschmiert werden. Verantwortlich für den Machtentzug von Stefan Schelle sind dabei 13 Schülerinnen und Schüler des Oberhachinger Gymnasium, die in einem Projekt-Seminar im Fach Wirtschaft und Recht das bayerische Blatt neu entworfen haben – und ihm einen lokalen Anstrich gaben.
Damit erfüllten die Elftklässler ihren selbst gestellten Anspruch, ein Produkt zu kreieren, das eine Verbindung schafft zwischen Oberhaching, der Schule und der Tradition. Zuvor hatten sie über die Kreation eines Flaschenöffners oder eines Bierdeckelsets in Oberhachinger Designs nachgedacht, die Idee aber bald verworfen. Die Spielkarten sind nun in einem kleinen Festakt im Forstnersaal der breiten Öffentlichkeit vorgestellt worden, danach gingen sie in einem Schafkopfturnier durch die Hände von 124 Spielerinnen und Spielern.
Gemeindechef Schelle mischte dabei zwar nicht mit, weil er zu seinem Leidwesen an diesem Abend für den Gemeindetag unterwegs war, aber die Schüler wussten bereits, was er von ihrem Werk hält. „Tolle Idee, toller Erfolg“, sagt der Bürgermeister alias Schellen-Ober. Ob er sich gut getroffen sieht? Er habe als passionierter Schafkopfer schon viele Spielkarten in der Hand gehabt, „aber einen so gut aussehenden Schellen-Ober hat er noch nie gesehen“, witzelt er. Dass man den Schellen-Ober in Bayern auch „der Bugl“ oder „der Schiache“ nennt, weiß er dabei sicher. Sehr gefreut habe ihn die große Resonanz auf den Festabend und das Turnier, insbesondere von Jugendlichen. Schafkopfen erlebe eine Resonanz und helfe dabei dem Nachwuchs, aus der virtuellen Computerwelt herauszukommen.


So etwa die zwölfjährige Fiona von Klitzing, die zusammen mit Papa und Mama und zwei Geschwistern am Start war, frech und gekonnt aufspielte und ein Solo nach dem anderen ansagte. Nun gut, einige Male rannte sie mitten im Spiel mit ihrem Blatt zu ihren Eltern zur Begutachtung. Durfte sie.
Selbstredend stellten sich die Gymnasiasten in ihrem Seminar die Frage, ob sie den Bürgermeister als prägende Person der Gemeinde nun zum Ranghöchsten, also zum Eichel-Ober machen sollten, oder besser zum Schellen-Ober, was sich angesichts des Nachnamens ja förmlich aufdrängte. „Herr Schelle war sehr bescheiden“, sagt Sofie Janoske, die als passionierte Zeichnerin den kreativen Teil des Vorhabens übernahm. So malte sie die drei Bürgermeister, die Kirchenvertreter Emmeram Hilger und Irene Geiger-Schaller, einen Bier brauenden Mönch, sinnbildlich für die Brauereigenossenschaft, alle Schulleiter sowie ortsprägende Bauten im Ort, etwa das Wagnerhaus, den Kandlerwirt und den Wasserturm.
Ein Fachmann gibt Gestaltungstipps
Über hundert Stunden Arbeit habe sie hineingesteckt und in enger Absprache mit dem Team vieles ausprobiert. „Der erste Entwurf sah ganz anders aus“, berichtet die 16-Jährige, die alles per Hand mit einem Stift gezeichnet hat, dann „Procreate“, eine populäre App für digitales Malen und Illustrieren, für Tools und Effekte nutzte. Über mangelnde fachkräftige Unterstützung konnten sich das Team dabei nicht beschweren. Ihr Lehrer Johannes Völkl begleitete die Jugendlichen vom ersten Tag an. Er sei gerührt, „das war eine tolle Truppe und ein tolles Abschlussevent“, sagte Völkl am Festabend. In Jürgen Gawron vom grafikcafé München fanden die Schüler einen Fachmann, der Tipps zum Gestalten gab. Für wertvolle Ratschläge stand ihnen als Pate der Entwickler der erfolgreichsten Schafkopf-App, Peter Heinlein aus Oberhaching, an der Seite. Er habe ihnen Tipps bei der Farbenwahl und der Schattengestaltung gegeben, um den Bildern Tiefe zu verleihen.
Denn um die gestellte Aufgabe im Rahmen des Projekts „Junior – Schüler als Manager“ zu erfüllen, musste die Gruppe ein Schülerunternehmen gründen und erfolgreich abwickeln. Dazu gehört auch ein Gewinn, der laut Statuten nicht selbst eingesackt werden darf und deshalb dem Förderverein Oberhaching übergeben wird. Zu den Ausgaben zählten Flyer, Plakate, Deko und Verpflegung am Festabend sowie die Druckkosten. 1500 Kartensets mit 1500 gut aussehenden Schellen-Ober wurden hergestellt zum Verkaufspreis in Höhe von sechs Euro. Aber es wurden auch Einnahmen generiert, am Verpflegungsstand beim Festabend sowie durch den Verkauf der Kartensets zum Preis von je sechs Euro, von denen inzwischen mehr als 1100 verkauft worden sind. Einige hat das Rathaus gekauft, mit dem Schellen-Ober an der Spitze.

