„Verpflegungsstation!“, ruft die Frau in der gelben Warnweste einem Rennradfahrer entgegen, der sich ihr in zügigem Tempo und neongrünem Trikot nähert. In den Händen hält sie links einen Apfel und rechts einen Müsliriegel, für den sich der Mann letztlich entscheidet. Wie ein Chamäleon seine Zunge schießt er einen Arm hervor, greift zur dargereichten Wegzehrung und verstaut sie in der Rückentasche – ohne langsamer zu werden.
Diese Szene, die sich vor der Kugler-Alm in Oberhaching abspielt, erinnert an ein Radrennen – was einen direkt zum nicht eben erfreulichen Grund bringt, dessentwegen die Gemeinde jene Verpflegungsstation mit Brezen, Obst und Getränken aufgebaut hat. Denn besonders an schönen Tagen wie diesem zischen hier Hunderte Rennradfahrer aus München auf ihrem Weg in den Süden vorbei. Oft im Pulk, oft weit schneller als die auf diesem Abschnitt erlaubten zehn Kilometer pro Stunde, und oft ohne allzu viel Rücksicht auf Fußgänger zu nehmen. Kurzum, als wären sie bei einem Rennen und nicht im Straßenverkehr unterwegs.
All das löst in Oberhaching, vor allem an den von den Rennradlern befahrenen Ausfallstrecken, reichlich Unmut aus. Die Folge ist ein Konflikt, der zuletzt eskaliert ist. So wird noch von einer Anwohnerin die Rede sein, die aus Angst vor Rennrad-Rasern die kaum hundert Meter zur Kugler-Alm inzwischen mit dem Auto fährt. Und von Reißnägeln, die unweit von hier im Perlacher Forst ausgelegt wurden – mutmaßlich von einem militanten Rennrad-Hasser.
Zunächst aber zur Aktion der Gemeinde, die das Motto trägt: „Mehr Rücksicht – gemeinsam statt gegeneinander“. Der Bauhof hat dafür nicht nur die Verpflegungsstation aufgebaut, sondern vis-à-vis hängen auch zwei große Banner. „Runter vom Gas!“, steht auf einem. Auf dem anderen: „Mit Rücksicht fährt man am besten“.

„Und genau darum geht es uns“, sagt Stefan Schelle (CSU), den Zeigefinger aufs Banner gerichtet. Der Oberhachinger Bürgermeister ist heute in Tracht gekommen – und mit dem gemeindlichen E-Lastenrad. Man habe in Oberhaching ja nichts gegen Radfahrer, im Gegenteil, betont er. Der Ort sei „fahrradfreundliche Kommune“; und sein Rathaus habe sich besonders stark gemacht für den Ausbau der Radverbindung durch den Perlacher Forst.

Doch auf jener glatt asphaltierten Strecke strömen nun infolge des postpandemischen Rennrad-Booms immer mehr Zweiräder aus München nach und durch Oberhaching. „Wir haben das mal gezählt“, sagt Schelle. „An guten Tagen kommen hier bis zu 4000 Radler vorbei.“ Die meisten seien rücksichtsvoll und würden sich an Regeln halten. Doch dann gebe es jene „vielleicht fünf Prozent“, so der Bürgermeister, die Tempolimits ebenso ignorierten wie die Rechts-vor-links-Regel und durch ihr „radikales Verhalten“ Angst und Schrecken auslösen.
Etwa bei Klaus Taube, der heute ebenfalls gekommen ist und „gleich da vorne wohnt“, wie er sagt. Das mit den Rennradlern ist ihm zufolge in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden. Gleich mehrfach habe er gefährliche Situationen erlebt, sagt Taube. Und seine Frau sei inzwischen so verängstigt, dass sie sich nicht mehr traue, den kurzen Weg zur Kugler-Alm zu Fuß zu gehen. „Die nimmt dafür jetzt das Auto“, sagt Klaus Taube.
Ein Radler landet beim Umfahren der Schwellen im Gebüsch
„Es gibt Konflikte im Ort, da brauchen wir nicht herumreden“, bekräftigt Schelle, während hinter ihm Rennradler im Halbminutentakt vorbeirollen – mal einzeln, mal in Gruppen von gut einem Dutzend. „Langsamer bitte!“, rufen die Leute in den Warnwesten vielen von ihnen zu – und ernten dafür oft freundliche, aber auch manch finstere Blicke. Letztere sind womöglich die Quittung für die drei Bodenschwellen, die die aus dem Forst kommenden Radler kaum hundert Meter zuvor passiert haben. Viele bremsen dort erstaunt ab, einige hoppeln gekonnt darüber, und wieder andere versuchen es mit Umkurven – wobei ein Radler bereits unsanft im Gebüsch gelandet ist.

Erst tags zuvor hat die Gemeinde die Schwellen angebracht. „Für uns ist das die einzige Möglichkeit, die Radler etwas auszubremsen“, sagt Schelle. Einige der Vorbeistrampelnden bedenken die Schwellen mit Worten, die hier nicht wiedergegeben werden sollen. Julien Andres hingegen findet die neuen Bodenhürden „einerseits gut“, wie er sagt, „weil es die Leute abbremst“. Der 42-jährige Münchner – Helm, Sonnenbrille, schickes Rad – ist selbst passionierter Rennradfahrer. Und doch spart Andres nicht mit Kritik an der eigenen Zunft. „Es gibt leider einige, die halten sich nicht an Regeln. Denen geht es nur um ihre Durchschnittszeit und auf andere nehmen sie keine Rücksicht.“
Andererseits jedoch, sagt Julien Andres, ehe er wieder auf den Sattel steigt, könnten die Bodenschwellen den schwelenden Konflikt womöglich auch anheizen. „Und dann kommt vielleicht noch mal jemand auf die Idee, Reißnägel auszulegen.“
Genau das ist am vorigen Wochenende passiert, als ein Unbekannter Reißzwecken und kleine Nägel auf der Oberbiberger Straße verteilte, wie die Radverbindung offiziell heißt. Mehrere Dutzend Radler sollen durch die Attacke Schäden davongetragen haben. „Ich kenne allein drei, die einen Platten hatten“, sagt Thomas Vieweg, der die Reißnägel-Aktion ein „Alarmsignal“ nennt. „Da geht eine Spirale hoch, die wir nicht wollen.“
Polizei und Radverbände halten nichts von den Schwellen
Vieweg – auch er ist heute mit dem Rennrad da – ist Vorsitzender eines Radvereins, Gemeinderatsmitglied im Nachbarort Taufkirchen und obendrein Polizist. Er kennt den Zwist also von allen Seiten. Von den Bodenschwellen hält er wenig, ebenso wie Radverbände und die Polizei allgemein. Schließlich stellten sie für die meisten Rennradler kein echtes Hindernis dar, sagt Vieweg. Wohl aber könnten die Hürden zur Gefahr für ungeübte Fahrrad- oder E-Bike-Ausflügler werden.
Was es Thomas Vieweg zufolge wirklich braucht, um den eskalierten Konflikt zu befrieden, ist etwas, das an diesem Morgen fast mantraartig von jedem herbeigepredigt wird – von Bürgermeister Schelle und von Rennradler Julien Andres, von den Gemeindemitarbeitern mit ihren Müsliriegeln und von den Radlern, die dankbar zu selbigen greifen. Nämlich: „Etwas mehr Rücksicht“, sagt Vieweg, und zwar von allen Seiten. „Das ist es, was wirklich helfen würde.“

