EntschleunigungEin Plädoyer fürs Schneckentempo

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Wer wird denn da so rasen?
Wer wird denn da so rasen? Alessandra Schellnegger

Raser und Drängler sind überall in unserer schnelllebigen Zeit. Doch es gibt eine Gegenbewegung, und die Gemeinde Oberhaching hat sich an die Spitze gesetzt.

Kolumne von Iris Hilberth, Oberhaching

Mal angenommen, man könnte sich vorübergehend in eine Schnecke verwandeln. Das klingt wenig attraktiv. Zu glitschig, zu gefräßig und lebensgefährlich, wenn der Gärtner kommt. Das Gute daran aber ist: Man befände sich in einem einfachen Gemüsebeet direkt im Schlaraffenland und Schneckentempo wäre nichts, für das man sich schämen müsste. Eine echte Entschleunigung.

Vielleicht hat man diesen Weichtieren auch Unrecht getan, als man sie einst aus Brehms Tierleben als Symbol der Langsamkeit herausgepickt hat.  Eine Weinbergschnecke schafft gerade mal acht Zentimeter pro Minute. Man kann sich sicher sein, dass sie neidisch auf die Kollegen aus der Familie der Nacktschnecken schielt, die ohne Gepäck zwölf Zentimeter zurücklegen, wenn sie richtig Gas geben. Sie sind damit zwar nicht mal mit einem Kilometer pro Stunde auf der Schleimspur unterwegs. Aber immerhin so schnell, dass die Seeanemone, mit zwei Zentimetern pro Stunde das langsamste Tier der Welt, sich womöglich über die Raser unter den Schnecken beschweren könnte und nur allzu gerne gemeinsam mit dem Zwergseepferdchen (1,5 Meter pro Stunde) eine Petition für ein Tempolimit starten würde.

Ob das wesentlich schnellere Faultier dieses Gesuch unterschreiben würde, ist fraglich. Faultiere sind die Tempomacher unter den Langsamen. Und wie sie die geplanten Speedbreaker an der Kugleralm in Oberhaching gegen rasende Rennradler finden, kann man nur mutmaßen. Erlaubte Geschwindigkeit und gefühltes Tempo spalten die Gesellschaft.  Auf Autobahnen, in verkehrsberuhigten Zonen, auf Radwegen, in der Supermarktschlange, auf der Rolltreppe. Die anderen sind immer zu schnell, sagen die einen. Die einen sind immer zu langsam, sagen die anderen. Obwohl die meisten sich nach Entschleunigung und mehr Achtsamkeit sehnen, werden sie zappelig, wenn an der Kasse nichts vorangeht, sie hupen, wenn der Vordermann an der Ampel bei Grün nicht gleich losfährt und legen auch auf dem Gehsteig einen Schritt zu, nur um zu überholen.

Offenbar hat sich –  das zeigt eine britische Studie – sogar die Schrittgeschwindigkeit von Fußgängern, insbesondere in Großstädten, erhöht. Der britische Psychologe Richard Wiseman führte das 2007 auf die Nutzung von Smartphones und die damit verbundene bessere Planung und Koordinierung zurück, wodurch der Druck wachse, mehr in derselben Zeit machen zu müssen. Leute, die mit dem Blick auf ihr Handy unterwegs sind, schlappen allerdings eher lahm durch die Gegend. Schnell sind nur die Sprachnachrichten, die meist junge Menschen dabei abhören. Die werden nicht nur mit hohem Tempo gesprochen, sondern oft zur Zeitersparnis auch noch mit doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Für die Älteren: Der Moderator Dieter Thomas Heck war im Vergleich dazu fast ein Vertreter der Slow-Speech-Bewegung.

Schnellsprecher lassen sich meist genauso schwierig ausbremsen wie Schnellesser, Schnellkäufer und Schnellfahrer. Es gibt zwar Beispiele wie den Slow-Walker Daniel Beerstecher aus Stuttgart, der sich aus Meditationsgründen vier Stunden Zeit nimmt für eine Stadionrunde. Und Berchtesgaden wirbt sogar mit einem Slowbike-Radweg. Ob dort Rennräder verboten sind, ist nicht bekannt. Vielleicht wäre das auch was für Oberhaching, als Alternative zum Radschnellweg. An der Kugleralm darf man laut Beschilderung bereits nur zehn Kilometer pro Stunde fahren. Verglichen mit echtem Schneckentempo ist das aber Raserei.

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