Seit gut einem Monat werden in Oberhaching die Radfahrer gezählt. Ende Juni hat das Landratsamt eine Stele mit elektronischer Anzeige nahe der Nußbaumranch installiert, um das Verkehrsaufkommen auf der Radhauptverbindung durch den Perlacher Forst zu dokumentieren. Schon jetzt bestätigt sich, was viele geahnt haben: Wenn es nicht gerade regnet, herrscht Rushhour. In den ersten Wochen sind hier knapp 100 000 Radfahrer durchgerauscht. Was kein Problem wäre, wenn sich alle an die Verkehrsregeln hielten.
Dass aber vor allem Rennradfahrer, die oft in großen Gruppen unterwegs sind, dies mitunter eben nicht tun, sondern zu schnell und nach Aussagen von Anliegern rücksichtslos unterwegs sind, ist in Oberhaching zu einem Daueraufreger geworden. Die Kugler-Alm, die Nußbaumranch und Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) haben fast schon eine deutschlandweite Berühmtheit erzielt, weil das Thema so polarisiert. Weil der Hass auf die schnellen Radler sich hochschaukelt und es schon Anschläge mit Reißnägeln gegeben hat. Aber auch, weil man sich in der Rennrad-Community ärgert, dass einige Rücksichtslose ihre Sportart in Verruf bringen. Schelle sagt: „Wenn von den hunderttausend nur ein Prozent sich nicht an die Regeln hält, dann sind das schon ziemlich viele.“
Zumal vermutlich noch mehr Radfahrer auf der Verbindung zwischen München und dem Oberland unterwegs sind, als das Display kurz vor der Ortseinfahrt Oberhaching anzeigt. Davon zumindest geht man im Rathaus aus, wo man inzwischen weiß, dass der Zählautomat Probleme mit Carbonrädern hat – und viele Rennräder sind aus diesem superleichten Material – und außerdem bei einer Gruppe oft nur einen ungefähren Wert anzeigt. Wie schnell die Radler sind, stellt dieses Gerät nicht fest. Aber inzwischen weiß nahezu jeder in Oberhaching, dass sie meist zu schnell sind. Erlaubt ist generell in Wohnstraßen Tempo 30 und direkt vor dem Eingang zum Biergarten sind sogar nur zehn Kilometer pro Stunde erlaubt.
Die Gemeinde hat inzwischen reagiert und drei Bodenschwellen am Biergarten Kugler-Alm installiert, um die schnellen Radler auszubremsen. Zwar hätte der Bauhof weitere solcher Speedbreaker im Lager stehen, doch erst einmal will es Oberhaching laut Schelle bei den drei Tempostoppern belassen und beobachten, ob das etwas bringt. Denn auch wenn die Rennradler viele in Oberhaching nerven: Die Gemeinde ist schließlich auch eine radfahrfreundliche Kommune und gerade erst wieder als solche rezertifiziert worden. Der Bürgermeister betont ausdrücklich: „Radfahren ist eine Super-Mobilität und ein toller Sport.“

Am Nadelöhr Kugler-Alm allerdings ist die Gemeinde inzwischen etwas ratlos, Schelle spricht gar von „Hilflosigkeit“ und „Verzweiflung“. Aber weil der Oberhachinger Bürgermeister kein Typ ist, der so etwas sagt, weil er tatsächlich nicht mehr weiterweiß, sondern nur um die Dringlichkeit des Problems zu unterstreichen, hat er längst eine andere Lösung ins Auge gefasst: den Blitzer.
Noch gibt es den nicht für Fahrradfahrer. Nicht etwa, weil die ja keine Nummernschilder haben und somit einfach unerkannt davonradeln können, auch wenn die Geschwindigkeitsmessanlage ein Foto gemacht hat. Man könnte ja ein paar Meter weiter den rasenden Radler durch eine Polizeistreife stoppen lassen. Technisch würde das alles längst funktionieren, sagt Schelle. Allerdings sind die Blitzer aktuell nur für Kraftfahrzeuge zugelassen.

Laut Schelle prüft nun die dafür zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTC), ob und wie diese Geräte für Radfahrer zugelassen werden können, sodass die Bilder gerichtsfest verwertbar sind. Wenn das System komme, werde man das ausprobieren, sagt Schelle. Seine Amtskollegen im Oberland, die alle von ähnlichen Problemen mit Rennradfahrern berichteten, seien auch interessiert, sagt der Oberhachinger Bürgermeister: „Die Nachfrage ist schon da.“
Und welche Strafen drohen dann, wenn der Rennradler mit 52 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, wenn nur zehn erlaubt sind? Ein Bußgeld auf jeden Fall, möglicherweise auch der Führerscheinentzug, sollte er einen haben, schätzt der Bürgermeister. Im amtlichen Bußgeldkatalog ist dies nicht konkret aufgelistet. Dort steht aber zum Beispiel, dass Fahren ohne Klingel – und viele Rennradler sparen sich das Gewicht – 15 Euro kostet, ohne Licht gar 25 Euro. Beim Befahren einer freigegebenen Fußgängerzone oder eines Gehwegs mit mehr als Schrittgeschwindigkeit sind 30 Euro fällig, wenn man dabei andere gefährdet. Fußgängerzone Kugler-Alm also? Bürgermeister Schelle hat, mittlerweile sichtlich genervt, aber einen ganz anderen Vorschlag gegen rücksichtslose Radler, die viel zu schnell sind: einfach mal das Fahrrad konfiszieren.

