PremiereGroße Oper im kleinen Weiler

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Aus der Maschinenhalle in Ödenpullach wird ein Opernhaus. Schauplatz der Handlung: Sevilla.
Aus der Maschinenhalle in Ödenpullach wird ein Opernhaus. Schauplatz der Handlung: Sevilla. (Foto: Sebastian Gabriel)

Die halbe Gemeinde macht mit: Mit ihrer neuen Eigenproduktion „Carmen“ wagen sich die Oberhachinger unter Regisseurin Ricarda Geary an ein so beliebtes wie anspruchsvolles Werk: ein schönes Beispiel für die Realisierung eines kulturellen Großprojekts auf dem Land.

Von Udo Watter, Oberhaching

Der Hall in der Halle war offenbar beeindruckend. „Was für eine Akustik!“, rief Ricarda Geary aus, als sie die Maschinenhalle in Ödenpullach vor etlichen Jahren das erste Mal betrat und mit ihrer Singstimme den Raum gleich mal auf musikalische Veranstaltungstauglichkeit testete. Wie die Musiklehrerin darüber stante pede ins Schwärmen geriet, das erzählt Martin Schmid beim Blick hinter die Kulissen der neuen Oberhachinger Opern-Produktion, zu der das örtliche Kulturamt geladen hatte. Schmid ist Landwirt und Hausherr in dieser Halle, in der normalerweise Landmaschinen stehen und Hackschnitzelberge lagern. Jetzt mutet sie wie ein verwandelter Kulturtempel in Holz an, mit großer Bühne und Kulissen, zahlreichen Sitzreihen und Lichtanlage. Bald wird hier die berühmte Arie „Habanera“ respektive „L’amour est un oiseau rebelle“ (Die Liebe ist wie ein wilder Vogel)  erklingen, Georges Bizets „Carmen“ steht auf dem Programm. Die Premiere ist am 5. Juli (Beginn 19 Uhr), es ist die mittlerweile siebte Inszenierung in der Reihe der Eigenproduktionen, die 2012 mit Mozarts „Zauberflöte“ ihren Anfang nahm.

Geary, die ihre Freude an der Musik und der Gestaltung besonderer musikalisch-theatralischer Ereignisse auch jenseits des schulischen Kosmos verwirklicht und dafür nicht zuletzt mit einem SZ-Tassilo-Kulturpreis ausgezeichnet wurde, hat die Gabe, dafür auch regelmäßig viele Menschen zu begeistern. Die Familie Schmid räumt jedenfalls ihre Maschinenhalle seit knapp 15 Jahren immer wieder, um dort – in dem kleinen zur Gemeinde Oberhaching gehörenden Weiler Ödenpullach – die Aufführung einer der inzwischen schon renommierten „Oberhachinger Scheunenopern“ zu ermöglichen.

Neben der „Zauberflöte“ gehörte dazu in den vergangenen Jahren  „Die Fledermaus“, „Der Freischütz“ oder „Die Entführung aus dem Serail“ und zuletzt 2022 eine zweite Auflage der „Zauberflöte“. Mit Georges Bizets „Carmen“, der weltweit vermutlich beliebtesten und meist gespielten Oper überhaupt, ist dieses Jahr ein Werk auf dem Spielplan, das vielleicht noch einen Tick anspruchsvoller ist für die große Gruppe von Aufführenden, die im Wesentlichen aus der Gemeinde kommen und keinen professionellen Hintergrund haben.

Es ist gleichsam ein Leuchtturmprojekt, unter dem gern zitierten Label „Ein Ort im Opernfieber“ singen und spielen Mitglieder des Kammerorchesters und des Kammerchors Oberhaching sowie der Chor des örtlichen Gymnasiums gemeinsam mit professionellen Solistinnen und Solisten.

Ein Trio, das der Premiere entgegenfiebert: Regisseurin Ricarda Geary, Hausherr Martin Schmid und die Oberhachinger Kulturamtsleiterin Andrea Schick (von links) freuen sich auf „Carmen“ in der Maschinenhalle Ödenpullach.
Ein Trio, das der Premiere entgegenfiebert: Regisseurin Ricarda Geary, Hausherr Martin Schmid und die Oberhachinger Kulturamtsleiterin Andrea Schick (von links) freuen sich auf „Carmen“ in der Maschinenhalle Ödenpullach. (Foto: Sebastian Gabriel)

„Ich war erst zögerlich, weil Carmen doch gewisse Schwierigkeiten birgt“, sagt Geary, die für die Regie verantwortlich zeichnet und die mitwirkenden Oberhachinger Kammer-Ensembles gegründet hat. Bizets Oper in Ödenpullach aufzuführen, entsprang dem Wunsch von Profi-Violinist Florian Simons, der auch Mitglied bei den Münchnern Symphonikern ist. Geary, die aus einer Musikerfamilie kommt und der künstlerische Herausforderungen nicht fremd sind, ließ sich darauf ein.

„Ein hochromantisches Stück“, sagt sie über das Werk, das in Sevilla spielt und das mit der schönen, in früheren Zeiten gern als „Zigeunerin“ bezeichneten Carmen eine Protagonistin hat, die Freiheit, Leidenschaft und Selbstbestimmtheit verkörpert. Ob diese ihrer Zeit voraus war? Sie gilt als starke Frau, mit der man emanzipatorische, ja feministische Aspekte verbindet, sie ist aber auch eine tragische Figur, die an ihrer Unbeugsamkeit scheitert. Vielleicht letztlich auch ein Opfer patriarchaler Herrschaft.

Mozarts Zauberflöte in der Scheune: Ein Bild von der Premiere 2022. 
Mozarts Zauberflöte in der Scheune: Ein Bild von der Premiere 2022.  (Foto: Claus Schunk)

„Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht“, schwärmte einst Nietzsche über Bizets Komposition.  Ob Andrea Schick, seit Herbst 2024 Oberhachings Kulturamtsleiterin, während der Vorbereitungsphasen ins Schwitzen geraten ist? Immerhin ist es für sie ja das erste Mal, bei der Organisation eines solchen Großprojekts mitzuwirken – auch wenn sie von der Erfahrung der einheimischen ,Veteranen‘ profitiert. „Die Infrastruktur ist ja erprobt“, sagt sie, und auch gewisse Abläufe mit dem Landratsamt, mit dem Ordnungsamt, die Kooperation mit der Feuerwehr und dem BRK seien eingespielt.

Arbeitsintensiv ist das Ganze im Vorfeld aber dennoch: Von der Umsetzung des Sicherheitskonzepts über den Bestuhlungsplan („Was passiert im Falle einer Evakuierung?“) über das Ticketing bis zur Werbung. „Das sind alles Geschichten, die weit weg von der Kunst sind“, erklärt Schick. Indes überwiegen bei ihr Vorfreude und Stolz auf die Helferinnen und Unterstützer aus der Gemeinde: „Was toll ist: dass wahnsinnig viel Ehrenamt drin ist.“

Die Nachfrage ist riesig, es gibt eine offene Generalprobe

Eine, die schon seit Anbeginn dabei war und diesmal voraussichtlich noch ein letztes Mal einsprang, ist Uta Nussbaum. Gemeinsam mit drei Kolleginnen ist sie für die Kostüme verantwortlich. Die gelernte Schneiderin, die als Direktrice gearbeitet hat, kann zwar aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr ganz so filigran nähen, aber sie weiß, was gefragt ist: „Ich habe die Fantasie“, erklärt Nussbaum. Das von ihr konzipierte Kleid für Carmen sei jedenfalls gut angekommen: „Die beiden Sängerinnen haben gesagt: ,So ein schönes Kostüm‘.“

Die Titelrolle wird tatsächlich von zwei Mezzosopranistinnen übernommen: am 5., 9., und 11. Juli von Ilme Stahnke, am 12. und 13. Juli von Florence Losseau. Den verliebten und eifersüchtigen Sergeant Don José verkörpert der Tenor Bernhard Berchtold.  Alle fünf Vorstellungen sind mehr oder weniger ausverkauft. „Die Nachfrage ist riesig“, sagt Schick.

Kostümbildnerin Uta Nussbaum ist eine der vielen Oberhachingerinnen, die bei der Realisation der Oper mitwirken.
Kostümbildnerin Uta Nussbaum ist eine der vielen Oberhachingerinnen, die bei der Realisation der Oper mitwirken. (Foto: Sebastian Gabriel)

Restkarten sind diese Woche noch im Angebot und an diesem Freitag gibt es zudem eine offene Generalprobe, zu der knapp 200 Besucher zugelassen werden. Tickets sind ab 18.15 Uhr an der Abendkasse erhältlich, die Aufführung beginnt um 19 Uhr. Insgesamt bietet die Maschinenhalle Platz für 409 Zuschauer. Dazu kommen die rund 150 Mitwirkenden, die sich über die Chöre und Orchester verteilen, Menschen, die für Lichttechnik, Logistik, Maske oder Requisiten verantwortlich sind. Am Bühnenbild wirkt neben Barbara Gehlen auch Harald Beckenlehner mit, der Erfahrung als Bühnenbauer am Münchner Residenztheater hat. Überdies sind unter den Musikern einige, die einen professionellen Hintergrund haben, die musikalische Gesamtleitung hat der Dirigent Martin Wutz.

Es dürfte also wieder ein sinnliches Gesamterlebnis werden, großes Musikdrama im kleinen Weiler, vielleicht sogar erneut ähnlich aufwühlend wie beim letzten Mal im Juli 2022, als nach der Premiere der „Zauberflöte“ die SZ titelte: „Die Scheune bebt.“

Die Premiere von „Carmen“ findet am Samstag, 5. Juli, Beginn 19 Uhr, statt. Weitere Aufführungstermine: Mittwoch, 9. Juli, 19 Uhr, Freitag, 11. Juli, 19 Uhr, Samstag, 12. Juli, 19 Uhr und Sonntag, 13. Juli, 17 Uhr. 

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