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Oberhaching:Ohne Druck, aber mit Konkurrenz

Oberhaching, integrativer Betrieb Hortus GmbH, Gartenbau, Informationswochen der Integrationsunternehmen

Mitarbeiter von Hortus pflegen den Friedhof in Taufkirchen - noch, denn im nächsten Jahr übernimmt ein anderes Unternehmen diese Aufgabe.

(Foto: Angelika Bardehle)

Bei Hortus arbeiten Behinderte im Gartenbau. Um Aufträge muss der Betrieb kämpfen.

Von Anna Hordych, Oberhaching

Integration oder Inklusion zu versprechen, ist oft um vieles leichter, als diese tatsächlich umzusetzen. Das Integrationsunternehmen Hortus versucht seit den späten Achtzigerjahren, Menschen mit psychischer Behinderung in den Arbeitsmarkt einzubinden. Rückblickend steht die Gründung des Betriebs symbolisch für seine Zeit: "Das Konzept der ,Klinik' wurde damals radikal in Frage gestellt", erzählt Anne Böhm-Volkmann, die seit rund zwanzig Jahren im Vereinsvorstand für berufliche Integration tätig ist. "Ziel war es, raus zu gehen, diese Menschen in einen Alltag einzubinden, und alternative Arbeitsplätze zu schaffen."

Also rief der Verein den Betrieb Hortus ins Leben, ein Unternehmen für Landschafts- und Gartenbau. Die Pflege und Gestaltung von Grünflächen habe sich als Berufsfeld angeboten, sagt Böhm-Volkmann: "Sie geschieht draußen in der Natur, man arbeitet mit Erde, Pflanzen und steht dabei nicht unter akutem Zeitdruck."

Auch Andreas Lotte, SPD-Landtagsabgeordneter aus München, der seit einigen Jahren ebenfalls im Vorstand des Vereins tätig ist, sieht in jenen Facetten der Gartenarbeit eine große Chance: "Hortus zeigt, wie ein Betrieb Menschen wirksam integrieren kann - von Vorteil ist, dass es hier nicht in erster Linie um Schnelligkeit gehen muss."

Ermäßigter Umsatzsteuersatz hilft bei städtischen Ausschreibungen wenig

Lotte besucht am Mittwochvormittag gemeinsam mit seiner Neubiberger Fraktionskollegin Natascha Kohnen das Integrationsunternehmen. Spätestens seit Horst Seehofer 2013 die Barrierefreiheit für Bayern proklamiert habe, "ist die Einbindung von Menschen mit Behinderungen natürlich in aller Munde und allgemeines Ziel", sagt Kohnen. Gleichzeitig gibt sie zu Bedenken, dass im Hinblick auf die Inklusion noch viel Organisation ausstehe, die auf politischer Ebene verhandelt werden müsse. So auch im Hinblick auf das Vergaberecht für Aufträge; denn es mag sein, dass es im Gartenbau nicht zwingend um Zeit geht, aber wie überall sonst auch legen die Auftraggeber selbstverständlich viel Wert aufs Geld.

Oberhaching, integrativer Betrieb Hortus GmbH, Gartenbau, Informationswochen der Integrationsunternehmen

Anne Böhm-Volkmann und Andreas Lotte engagieren sich im Vorstand des Trägervereins.

(Foto: Angelika Bardehle)

Um die Nachteile gegenüber anderen Unternehmen auszugleichen, existiert seit einem Jahrzehnt neben der GmbH der gemeinnützige Betrieb Hortus. Dieser Zweckbetrieb profitiert von einer Umsatzsteuer von nur sieben Prozent, die es ihm erlaubt, trotz größeren Zeit- und Energieaufwands auf dem freien Markt konkurrenzfähig zu bleiben. "Dabei stellt der niedrige Steuersatz keinen Nachteil für die Konkurrenz-Unternehmen dar", macht Sandra Ramming, Leiterin von Hortus, deutlich.

Andererseits hilft er Hortus zum Teil nicht, denn der Zweckbetrieb Hortus hat schwer damit zu kämpfen, dass beispielsweise die Stadt München bei der Ausschreibung ihrer Aufträge so rechnet, dass Hortus merklich schlechter abschneidet. Eigentlich müsse hier eine spezielle Klausel des Vergaberechts greifen, die berücksichtigt, ob ein Unternehmen besondere soziale oder ökologische Kriterien erfülle, berichtet Böhm-Volkman, "doch bislang scheitert es an der Umsetzung dieser Regelungen. Abgesehen von Taufkirchen und Oberhaching ist von diesen Boni in anderen Gemeinden nichts zu spüren."

In Taufkirchen hat Hortus in diesem Jahr eine Zusage für die Gartenpflege in der gesamten Gemeinde erhalten. Ein Großauftrag, der für den Erhalt einer 36-köpfigen Firma essenziell ist. Gleichzeitig hat das Unternehmen aber den Verlust des Auftrages für den Taufkirchner Friedhofs zu beklagen. Nach vier Jahren, in der die Firma die Grundstückspflege erledigte, muss Hortus das Gelände mit Beginn des Jahres 2017 an einen Konkurrenten abgeben.

© SZ vom 06.10.2016/hilb
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