Oberhaching Laptops in Lederhosen

Birgit Meier und Jürgen Holdenried sorgen in ihrer "Werkstatt-Landglück" in Oberhaching für materielle Überraschungen. Sie machen Hirschgeweihe zu Stuhllehnen und Neoprenanzüge zu Taschen

Von Iris Hilberth, Oberhaching

Wenn der Städter sein Landglück sucht, dann stellt er sich mitunter eine oberbayerische Bilderbuchlandschaft mit viel Grün, mit traditionellem Gasthof und Kirche in der Mitte des Dorfes, mit Maibaum und alten Höfen vor. In etwa so wie in Marcus H. Rosenmüllers Kinoerfolg "Wer früher stirbt ist länger tot" oder bei "Sommer in Orange". Auch die Drehorte der Fernsehserie Forsthaus Falkenau mögen so manche Stadtflucht beschleunigt haben. Bekanntlich gibt es den "Kandlerwirt", der in all diesen Verfilmungen das Oberbayernbild der Zuschauer verfestigte, nebst Kuhstall und gegenüberliegender Filialkirche Mariä Geburt tatsächlich, und es sieht dort am Marienplatz von Oberbiberg auch noch genauso aus wie im Film. Nur der Stall wird seit drei Jahren nicht mehr genutzt. Der Kandlerwirt hat die Milchwirtschaft aufgegeben. Etwa zwei Jahre lang hat das Gewölbe mit den alten Holztoren und den schmiedeeisernen Fenstern leer gestanden. Seit einem Dreivierteljahr haben nun Birgit Meier und Jürgen Holdenried hier ihr Landglück gefunden - es nennt sich "Werkstatt-Landglück".

Wer einen Faible für ungewöhnliche Möbelstücke, für Wohnaccessoires und vor allem für Dekoelemente hat, dem gehen nach den Betreten dieses Ladens die Augen über. Hier gibt es Dinge, die es ganz bestimmt anderswo nicht gibt, liebevoll mit vielen Details gestaltet, garantiert handgefertigt und Unikate. Spätestens auf den zweiten Blick erkennt der Besucher alte Funktionen von Dingen, denen hier eine neue Aufgabe zuteil wurde und die somit ein Art Wiedergeburt erleben. Der Kreativität, die erlaubt, Alltagsgegenstände einmal ganz neu zu denken, sind hier keine Grenzen gesetzt. Es geht um Recycling, vor allem aber um Ideenreichtum.

Da ist der neu gepolsterte Sessel, dessen Armlehnen aus alten Hirschgeweihen kreiert wurden, die einst einmal irgendwo eine Wand zieren sollten. Oder die ehemaligen Lederhosen, die zur Laptoptasche unfunktioniert wurden. Auch das runde Bett ist ein echter Hingucker. Bevor Holdenried es in die Hände bekam, war es mal ein Tisch, wobei der Tisch daneben in seinem früheren Leben dem Bauern als Heckklappe seines Traktors diente. Auch die ehemaligen Getreidesäcke, die jetzt als Sitzfläche von Liegestühlen zum Entspannen einladen, die I-Pad-Hüllen aus Kuhfell und die vielen selbstgenähten Kissen machen sicher manchem Lust auf eine Umgestaltung zu Hause.

Viel Filz und Walk, Leinen und Holz sind bei den Dingen im "Werkstatt-Landglück" verarbeitet worden. "Wir legen Wert auf natürliche Materialien", sagt Birgit Meier, Polyester werde man bei ihnen nicht finden. Meier ist gelernte Schneiderin, Schnittdirektrice und Stylistin. 18 Jahre lang führte sie ihre kleine Schneiderei "Nähwerkstatt" in Schwabing. Doch es zog sie und ihren Partner Jürgen Holdenried, einen gelernte Dekorateur und Innenausstatter, hinaus aufs Land. Sie wohnten bereits in Oberbiberg, da kam ihnen die Idee mit dem Laden, "eher eine Werkstatt" schwebte ihnen vor. Michael Kandler habe ihnen dann beim Kesselfleischessen seinen ehemaligen Kuhstall angeboten. Er hatte sich schon länger hier einen Laden, vielleicht auch eine Künstlerwerkstatt, vorgestellt. Etwas, das den Platz lebendig hält. Die ursprüngliche Idee der Oberbiberger, beim Kandler einen Dorfladen als Genossenschaftsmodell zu etablieren, war nicht weiter verfolgt worden, nachdem klar geworden war, dass ein solches Projekt offenbar nicht kostendeckend betrieben werden kann.

Nun mochte sich in Oberbiberg aber keiner vorstellen, dass irgendein x-beliebiges Geschäft in diesen altehrwürdigen, mehr als hundert Jahre alten Kuhstall einziehen würde. "Etwas Nettes für das Dorf sollte es schon sein, wir wollten etwas für den Ort schaffen, von dem die Leute sagten: Das passt in den alten Stall", erklärt Meier. Es sollte ein Laden werden, der den dörflichen Charakter Oberbibergs widerspiegelt. "Wir haben eine Affinität zu alten Sachen", erklärt Holdenried. "Wir wollen alten Möbeln neues Leben einhauchen." Es sei eine Leidenschaft, "da geht mir das Herz auf", sagt er. Ein reines Antiquitätengeschäft aber wollten sie nicht. Vielmehr sollte dieses Werkstattglück auch seinem Anspruch an Gestaltung gerecht werden, den er auch bei seinen Projekten in Hotels, Restaurants und auf Messen hat, wo er die Innenausstattung vom Konzept bis zur Umsetzung verantwortet.

Die alten Sachen findet er hauptsächlich in Kleinanzeigen, vor allem in Norddeutschland und in Holland wird noch vieles angeboten, das seinen Vorstellungen entspricht. Die Auswahl in Bayern hingegen sei eher begrenzt. "Die Dinge sind meist sehr bäuerlich und sehr teuer", sagt er. Hin und wieder kämen aber auch Kunden mit eigenen alten Dingen auf die beiden zu, mit der Bitte, daraus doch etwas Neues zu gestalten. An den alten Neoprenanzug kann sich Birgit Meier noch gut erinnern, der für den Wassersport zwar ausgedient hatte, doch dem Besitzer recht am Herzen lang. Jetzt lebt er als Laptophülle weiter.

Die Ledertaschen, die bunten Kissen, die Truhe mit dem Kuhfell, die bunten Hundebetten - in jeder Ecke gibt es noch etwas Neues zu entdecken, und alles ist liebevoll auf diesen etwa 230 Quadratmetern drapiert, deren Herzstück der Arbeitsbereich mit den Nähmaschinen bildet. Dass die Dekoration von Profis stammt, ist offensichtlich. Auch Birgit Meier ist in diesem Bereich sehr erfahren, gestaltet sie doch regelmäßig für die Zeitschrift "Landidee" die Dekorationen der Fotostrecken in der Rubrik Wohnen. Solche Wohnideen findet man in der Werkstatt-Landglück jede Menge. "Wir wollen hier viel zeigen", sagt Holdenried, "die Leute sollen stöbern können."

Werkstatt-Landglück, Oberhaching, Ortsteil Oberbiberg, im Gasthof Kandler, Marienplatz 1. Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag von 14 bis 19 Uhr ; Samstag von 11 bis 15 Uhr, außerdem sonntags fast immer um die Mittagszeit, während der Kandler-Wirt geöffnet hat.