Oberhaching:Hommage an Satchmo, Duke und Bix

Das Bernd Lhotzky Trio und Peter Veit begeistern das Publikum mit einem Mix aus Konzert und Lesung, der die Größen des klassischen Jazz würdigt. Zudem verabschiedet sich an dem Abend die frühere Kulturamtsleiterin Eva Hofmann

Von Udo Watter, Oberhaching

Einem amerikanischem Präsidenten Abführmittel als Diäthilfe vorzuschlagen, dazu gehört schon Chuzpe, und dann auch noch dem strengen "Ike" Eisenhower, der im Zweiten Weltkrieg Oberbefehlshaber der alliierten Truppen war. Aber wer konnte Louis Armstrong schon böse sein? Der geniale Jazztrompeter aus New Orleans hatte ein skurriles Faible für Abführmittel, das schon in seiner Kindheit durch seine Mutter mit ihrem selbst gebrautem Gemisch für die ganze Familie befeuert wurde: "O Gott - wir rannten zur Toilette", erinnerte sich Armstrong, der später den Spitznamen "Satchmo" bekommen sollte.

Flankiert vom Geschmunzel aus dem Publikum liest Peter Veit, Sprecher beim Bayerischen Rundfunk, diese und weitere Anekdoten aus dem Leben des wohl berühmtesten Trompeters der Jazzgeschichte. Der nahm nicht nur obsessiv Abführmittel, sondern machte auch noch (unbezahlte) Werbung dafür, wie man im Oberhachinger Bürgersaal erfährt. "Lose Weight the Satchmo way" wurde sein Credo und es gibt Bilder, auf denen er auf dem Klo sitzt, dazu der Satz: "Leave it all behind you". Humor hatte der Mann.

Ja, zahlreiche Größen des Jazz pflegten Passionen, die sich über ihre Musikleidenschaften hinaus erstreckten und sie waren auch darin extrem: Bix Beiderbecke und sein unheilvoller Drang zum Alkohol, Duke Ellington, der beim Essen zur Völlerei neigte, oder auch Cole Porter, der einen kostspieligen Lebensstil pflegte, - man erfährt an diesem Abend in Oberhaching vieles aus dem Munde von Peter Veit. Geschrieben hat diese Texte freilich Eva Hofmann, die langjährige Kulturamtsleiterin der Gemeinde, die sich mit diesem so vergnüglichem wie informativen essayistischen Feuerwerk offiziell verabschiedete.

Oberhaching: Unangestrengte Lässigkeit, die hoher Virtuosität und Kongenialität im Zusammenspiel entspringt: Pianist Bernd Lhotzky, Saxofonist Claus Koch und Schlagzeuger Oliver Mewes (von links) beherrschen den klassischen Jazz und sind Meister der Improvisation.

Unangestrengte Lässigkeit, die hoher Virtuosität und Kongenialität im Zusammenspiel entspringt: Pianist Bernd Lhotzky, Saxofonist Claus Koch und Schlagzeuger Oliver Mewes (von links) beherrschen den klassischen Jazz und sind Meister der Improvisation.

(Foto: Claus Schunk)

Natürlich war der Abend "Jazz it up!", der am Donnerstag in zwei Auflagen inszeniert wurde, auch von swingenden und groovenden Rhythmen geprägt: Das Bernd Lhotzky Trio zitierte Klassiker von Armstrong, Ellington, Porter, Fats Waller, Irving Berlin oder George Gershwin, um sie dann in rasanten, raffinierten oder ruhigen Improvisationen auszugestalten. Zum Auftakt erklang "How high the Moon", und auch wenn der Saal wegen bekannter Einschränkungen nicht voll besetzt war und am Sitzplatz Maskenpflicht bestand, setzte dieser Jazzstandard quasi gleich zu Beginn den Standard: Die drei Musiker - Pianist Bernd Lhotzky, Saxofonist Claus Koch und Schlagzeuger Oliver Mewes - entfalten diese unangestrengt anmutende Lässigkeit, die aus hoher Virtuosität und Kongenialität im Zusammenspiel geboren ist.

Kurz darauf folgt "At The Jazz Band Ball", das in seiner eleganten Rhythmik mitreißt. Nick LaRocca, der diesen Standard komponiert hat, war als Kornettist Mitglied der "Original Dixieland Jass Band", die als Pionierin dieser amerikanischsten aller Musikrichtungen gilt. Mitte 1917 änderte sich ihre Schreibweise von Jass in Jazz - offenbar auch, weil diverse Kindsköpfe immer wieder auf Plakaten oder an Mauern das "J" weggerubbelt hatten: übrig blieb dann "ass band", zu Deutsch: "Arschband".

Wer es noch nicht wusste, erfährt an diesem Abend zudem, dass das Wort Jazz/Jas(s) anrüchig war, ursprünglich einen Bezug zur Halbwelt hatte - Parfüms aus New Orleans basierten auf Jasmin-Öl. Der Ruf "Jazz it up!" soll erstmals bei einem Konzert 1916 in einer Chicagoer Bar aus dem Mundes eines Betrunkenen gekommen sein. Schön, wie Veit solche Geschichten vorträgt, wie er Pointen setzt, den subtilen Humor der Verfasserin Eva Hofmann versiert überträgt.

Oberhaching: Bescheiden und eigentlich fotoscheu: Eva Hofmann.

Bescheiden und eigentlich fotoscheu: Eva Hofmann.

(Foto: Claus Schunk)

Man erfährt weiter, wie Bix Beiderbecke, dessen Kornettspiel nicht zuletzt von einem Stiftzahn abhing, einmal einen Piloten rekrutiert, um noch rechtzeitig zu einem Konzert zu kommen, diesen aber während des Fluges so mit Schnaps abfüllt, dass der nach geglückter Landung einfach umkippt. Oder wie Duke Ellington, eine geradezu aristokratische Erscheinung, die allerdings zur Rundlichkeit tendierte, seine Haferflocken-Diät durchzog: Nicht allzu lange nämlich, und dann schaufelte der Mann, der als Pianist und Bandleader zur Legende wurde, alles mögliche in sich rein - von Steaks über Eier mit Speck bis zu üppigen, selbst kreierten Desserts und am Ende wieder Haferflocken. Dass auch der großartige Stride-Pianist Fats Waller kein handtuchschmaler Musiker war, erschließt sich aus seinem Spitznamen, besonders saubere Klamotten hat er wohl auch nicht immer angehabt.

Fats Waller hat aber auch kluge Sätze gesagt wie "Das macht so viel Spaß, dass es wohl illegal sein muss." Er ist einer der großen Stride-Pianisten, auf die Bernd Lhotzky mit Respekt blickt. Von ihm erklingt an diesem Abend "Ain't Misbehavin'". Noch mehr verehrt der in Oberhaching aufgewachsene Lhotzky, der den traditionellen Harlem Stride Stil beherrscht, eine andere Legende am Flügel: Willie "The Lion" Smith. Ihm zollt er mit dem Stück "Lion's Steps" seinen besonderen Tribut. Lhotzky, der einen angemessen harten Anschlag genau so drauf hat, wie er leichthändig über die Tasten zu abenteuern versteht und balladenartige Klangfarbigkeit entfalten kann, harmoniert großartig mit seinen musikalischen Partnern. Saxofonist Claus Koch, der einen sinnlich-nuancierten Sound pflegt, und Schlagzeuger Oliver Mewes, der für mitreißenden Drive verantwortlich zeichnet, aber auch unaufdringlich-suggestive Dynamikwechsel beherrscht, sind unzweifelhaft Könner ihres Fachs. Und großartig ist auch das Programm, das die drei bieten, besonders schön etwa die rumba-artige Version von Cole Porters "Night and Day".

Am Ende wurde aus der Hommage an die Jazz-Granden noch eine Verneigung vor der scheidenden Eva Hofmann. "Niemand weiß, wie sie aussieht, weil sie so bescheiden ist", sagte Lhotzky verschmitzt, "aber ich zeige sie Ihnen jetzt". Die auf die Bühne gebetene Hofmann revanchierte sich: "Was für ein Glück, dass wir ihn haben" sagte sie über Lhotzky, "er steht für das spezifische Oberhaching-Gefühl".

© SZ vom 17.07.2021
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