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Oberhaching:Gleichgültig? Nicht die Bohne

Die Zwillinge Thomas (links) und Philipp Greulich haben vor etwas mehr als einem Jahr in Oberhaching ihre "Social Coffee Company" gegründet. Sie beliefern vorwiegend Firmenkunden.

(Foto: Evelyn van Kempen)

Die Zwillingsbrüder Thomas und Philipp Greulich aus Oberhaching verkaufen fair gehandelten Kaffee an Firmen. Jedes Kilo Crema oder Espresso hilft, Kindern in Burundi ein Mittagessen zu finanzieren - 70 000 Schüler konnten sie bislang verpflegen

Wenn Thomas Greulich schwarzen Kaffee aus der French-Press-Glaskanne einschenkt, dann ist das nicht einfach eine Mischung aus Wasser und frisch gemahlenen Bohnen, sondern ein bisschen auch aus Zeremonie und Wissenschaft. Maximal vier Minuten darf das frisch gemahlene Kaffeepulver in nicht mehr kochendem Wasser sein Aroma ungehindert von Filterpapier abgeben. Spätestens dann drückt man den Stempel auf den Kannenboden, um den Kaffeesatz vom Wasser zu trennen, sonst wird der Kaffee bitter. Thomas Greulich, Zopf über dem Undercut, weißes Hemd, herzliches Lächeln, empfiehlt, den Kaffee nicht mit Milch oder Zucker zu verfälschen, um auf den richtigen Geschmack zu kommen. Recht hat er: schokoladig. Samtig. Geht runter wie Öl. Dem Gast das Heißgetränk und Thomas Greulich das Kompliment.

Seit Ende 2017 ist Kaffee für Thomas Greulich und seinen Zwillingsbruder Philipp nicht nur liebstes Getränk, sondern auch Lebenselixier. Die 39-Jährigen vertreiben mit ihrer Firma "Bean United - The Social Coffee Company" in Oberhaching fair gehandelten Kaffee. Als Crema oder Espresso. Ganze Bohne oder gemahlen. Aus Brasilien, Guatemala und Indien. 2,50 Euro pro Kilo gehen an ein Projekt der Welthungerhilfe in Burundi. Mit dem Verkauf von einem Kilo Kaffee können zehn Schulmahlzeiten für Kinder finanziert werden. "Food for Education", Essen für Bildung, sagt Thomas Greulich, das sei der Gedanke dahinter. Denn Eltern in dem bitterarmen ostafrikanischen Staat schickten ihre Kinder häufig nur in die Schule, weil sie dort eine Mahlzeit erhielten.

Zielgruppe der "Social Coffee Company" sind Firmen, häufig Start-ups, mit sozialem Gewissen, die ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Gutes tun wollen. Aber natürlich können auch Privatleute den Kaffee der Greulich-Brüder erwerben. Eben jeder, "der einen hohen Anspruch hat und nachhaltig orientiert ist".

Das Geschäftsmodell kommt an: "Der soziale Gedanke ist ein Türöffner", bestätigt Philipp Greulich, zwei Minuten jünger als Thomas, gleiches Lächeln, weißes Hemd. "Kaffee trinkend Gutes tun", steht auf dem Tüten-Etikett, welches das Gesamtpaket in vier Worten zusammenschnürt. "Wir wollen es so einfach wie möglich machen zu helfen", sagt Thomas Greulich. Kaffee, ein Produkt für den täglichen Konsum, erschien den Zwillingen ideal. Schließlich beginnen die meisten Menschen ihren Büroalltag mit einer Tasse Kaffee. Wobei die Zwillingsbrüder in ihrem Metier Quereinsteiger sind.

"Mit Kaffee hatten wir eigentlich nichts am Hut", sagt Thomas Greulich - obwohl sie mit Koffein in ihr Berufsleben gestartet sind. Beide absolvierten ein Traineeprogramm beim Energie-Limonade-Hersteller Red Bull. Thomas Greulich blieb zunächst im Marketing des österreichischen Unternehmens, suchte später in Kommunikations- oder E-Commerce-Firmen nach Erfüllung, reiste von Event zu Event, war in Mexico, auf Mallorca, in London unterwegs, um Lifestyle zu verkaufen. "Und irgendwann fragst du dich dann nach dem Sinn." Während sein Bruder im Ausland arbeitete, bewirtschaftete Philipp Greulich das Lokal am Deininger Weiher, eröffnete in Oberhaching auf dem Gelände, auf dem Vater und Großvater einst eine Baufirma betrieben, das Co-Working-Büro "Distillery Workspace". Bis ihm der Bruder mit einer Idee kam: "Lass uns doch was gemeinsam angehen."

Die "Distillery" ist auch Sitz von Bean United: Sechs Arbeitsplätze zwischen Eierkartons, Computermonitoren, Kühlschrank und Espressomaschine. Versteht sich von selbst, welcher Kaffee hier ausgeschenkt wird. Neben Thomas und Philipp Greulich arbeiten hier andere Start-up-Gründer. Einer entwickelt Skibindungen. Ein anderer versucht sich im Stand-up-Paddling-Geschäft.

Untergebracht ist das Büro in einem in die Jahre gekommenen Haus - Bescheidenheit gehört zum Selbstverständnis der Greulich-Zwillinge. Geld für Marketing geben sie nicht aus, online bewerben sie ihren Kaffee selbst. Die Kosten gering zu halten, ist aber auch unternehmerische Notwendigkeit, denn noch verdienen die beiden nicht wirklich an Bean United. "Das erste Jahr muss man sich durchbeißen, wenn man alles ohne externes Geld stemmt", sagt Philipp Greulich. Sein Bruder habe aber alles durchgerechnet, sagt Thomas Greulich: "Es geht in die richtige Richtung, ich habe ein gutes Gefühl."

So ist es Philipp Greulich, der die Finanzen im Blick hat, während Thomas Greulich rausgeht und sich um die Akquise neuer Kunden kümmert. "Ich bin immer unterwegs und Philipp hält alles zusammen", sagt er. Etwa 50 kleinere Firmen mit bis zu 100 Mitarbeitern versorgen die Zwillinge inzwischen mit Kaffee, größere Betriebe sollen folgen. Und auch das soziale Engagement lässt sich in Zahlen fassen: 70 000 Schulessen haben die Greulich-Zwillinge bislang finanziert.

"Noch nie habe ich mit jemandem zusammengearbeitet, wo es so flutscht", sagt Thomas Greulich. Das liegt sicher auch an dem besonderen persönlichen Draht, den man Zwillingen gemeinhin nachsagt. "Wir verstehen uns blind", sagt auch Thomas Greulich. Was nicht heißt, dass beide immer einer Meinung sind. Aber "wenn ich was vorschlage, weiß ich schon vorher, wie Philipp reagiert", sagt Thomas.

Einig sind sich die beiden auf jeden Fall in der grundsätzlichen Unternehmensführung. Transparenz ist eines der Schlüsselbegriffe bei Bean United. Deshalb haben sie sich auch für das Burundi-Projekt und die Welthungerhilfe als Partner für ihr soziales Engagement entschieden. Sie hätten viele NGOs (aus dem Englischen: Non-governmental organization, Nichtregierungsorganisation) angeschaut oder "gescreent", wie Thomas Greulich sagt. Sie hätten Interviews geführt und nach der größten Transparenz gefiltert. Bei der Welthungerhilfe seien sie geblieben, weil es direkte Ansprechpartner vor Ort gebe, man die Projekte besuchen kann - und nicht zuletzt die Administration im überschaubaren Bereich bleibe. "Bei der Welthungerhilfe werden circa 92 Prozent für das jeweilige Sozialprojekt eingesetzt, nur ein relativ kleiner Teil geht in die Verwaltung", hat Philipp Greulich recherchiert. Sein Bruder Thomas wird in diesem Frühjahr nach Burundi fliegen, um sich an Ort und Stelle ein Bild von der Hilfe zu machen. Die Reise geht aber auch nach Brasilien und Guatemala, wo er den Kaffeebauern der Garmischer Rösterei einen Besuch abstatten will. "Ich werde sehen, wie die Leute leben und pflücken", sagt er.

Auch privat hat ihre Firma die Zwillinge verändert. "Wir sind nicht perfekt", sagt Thomas Greulich zwar. "Aber wir tun etwas Gutes. Und den Rest versuchen wir besser zu machen." Heißt zum Beispiel: Billiges Fleisch gibt es nicht mehr, aber ein Döner zwischendurch darf dennoch sein. Schließlich müsse man nicht alles immer gleich radikal verändern. Philipp Greulich stellt fest, dass er mehr auf Verpackungen achtet und lieber eigene Behälter mit zum Einkaufen nimmt - oder für das mitgebrachte Mittagessen. Thomas Greulich läuft zu seinem Kleinwagen, holt zwei Glasbehälter mit vorgekochten Spaghetti mit Tomatensauce heraus und ruft: "Damit ihr seht, dass wir es ernst meinen." Und zum Nachtisch gibt es: Kaffee.