Oberhaching Feingeist mit Faible für Kalauer

Für Busreisen noch nicht beige genug: Der Kabarettist Jochen Malmsheimer bei seinem Auftritt in Oberhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Jochen Malmsheimer spielt mit der Sprache und dem Publikum

Von Udo Watter, Oberhaching

Es war klar: Dieser kräftige, bärtige Kerl, der sich da auf der Bühne präsentiert, dieser Bär von einem Mann und der Reisebus würden keine symbiotische Beziehung eingehen. Jochen Malmsheimer, von seiner Frau zu einer Busreise nach Venedig gezwungen, hat einen zu mächtigen Körperbau, um es sich in diesem, für "japanische Touristen und Schüler" raumkonzipierten Vehikel angenehm einzurichten. Zwölf Stunden Fahrt warten auf ihn, und er, der den Menschen an sich oft als "Heimsuchung" empfindet, wird dieser Spezies nun im Plural begegnen. Er fühlt sich nach wenigen Metern schon beengt, geht nach allen Seiten auf "wie ein Ofenkäse" und seine Knie schmerzen grässlich.

Nur gut, dass Malmsheimer mental stark ist: Er wendet einfach "die partielle Anästhesie an", blendet also die untere Hälfte seines Körpers aus, und zieht einen Vergleich zur Tierwelt, wo Echsen auch ihren Schwanz abwerfen können: "So weit bin ich noch nicht." Das langsam anschwellende Gekicher im Oberhachinger Bürgersaal quittiert der Kabarettist mit strengem Blick. Was der bedeutet? Wer hier sexuelle Zweideutigkeit wittert, den kann man intellektuell wohl nur bemitleiden. "Aber gut, ich habe auf dem Ortsschild hier ja auch nicht 'Universitätsstadt' gelesen", frotzelt der in Bochum aufgewachsene Westfale.

Der vielfach prämierte Künstler - 2018 gewann er den Deutschen Kabarettpreis (Hauptpreis) - war zum ersten Mal in Oberhaching zu Gast (und einen Tag später in Unterschleißheim) und präsentierte dort sein Programm "Dogensuppe Herzogin - Austopf mit Einlage". Dass der 57-Jährige seine Zuhörer ("Die tausendäugige Bestie Publikum") natürlich nicht für minderbemittelt hält, ist trotz diverser Spötteleien - "Sie müssen nicht jedes Mal in die Hände patschen, wenn sie was verstanden haben" - klar. Er nimmt es mit auf seine Busreise, lässt es farbig teilhaben an seinen Erfahrungen und Beobachtungen. Die sind oft ganz alltäglich und trivial, nehmen aber unter der Sprachgewalt und poetischen Bosheit Malmsheimers, der ja eigentlich noch "nicht beige genug für eine Busreise" ist, Erkenntnis und Zwerchfell befeuernde Wirkung an ("durch die Ehe an Atmung im Gleichtakt geübt"). Stark, wie er die modische Schlamm- und Mulchfarbigkeit der Senioren aufs Korn nimmt oder die junge Generation "Glotz auf die Hand" (alias die "Heranwichsenden") - und wie er temporeiche Wortspiele mit Städtenamen, die sie passieren, ablässt ("Da kann man nichts aachen. Jetzt bin ich auf Olpe sieben").

Malmsheimer ist trotz seiner Kalauerfreudigkeit und seines Faibles für olfaktorische Phänomene wie Darmwinde ein Feingeist. Einer, der in seinen humoristischen Beobachtungen nachdenkliche Töne einflicht und leidenschaftliche Plädoyers für Bildung und Herzensbildung hält. Er kämpft an gegen "geistferne Zeiten", gegen jugendliche Sprachverarmung, gegen "hohe Arschlochdichten", zermalmsheimert verbal Rechtsausleger wie Björn Höcke ("mentaler Klostein") und hofft - ja wirklich! - auf die große, heilende Kraft der Literatur.

In der zweiten Hälfte der Busreise begegnen ihm, dem von "der Geräuschmelange" im Bus sowie Kartoffelsalat benebelten Malmsheimer in Traumsequenzen die literarischen Helden seiner Jugend: Von Long John Silver über Robin Hood und Jim Knopf bis zu Winnetou und dessen Drillingsbrüder Winneone und Winnethree, aber auch Martin Luther und ein venezianischer Doge tauchen auf. Das führt zu manch durchgeknalltem Dialog und Malmsheimer zeigt hier wieder seine Meisterschaft in der Sprachdiktion bei gleichzeitiger Klangfarbenvielfalt. Mit einem grandiosen Sprachspiel verabschiedet er sich und bedankt sich für die begeisterte Resonanz in der Nicht-Universitätsstadt: "Es war mir ein inneres Fußbad."