Obdachlosigkeit Endstation Notunterkunft

Die Bahnhofsmission weist mit einer Schauwohnung auf das Problem hin.

(Foto: Catherina Hess)

Wegen des angespannten Immobilienmarktes sind zunehmend auch Familien von Zwangsräumungen bedroht. Im vergangenen Jahr verloren auf diese Weise 256 Erwachsene und 111 Kinder im Landkreis ihre Wohnung.

Von Mariella Kockler und Valérie Nowak

"Bis zum Tag der Zwangsräumung versuchen wir, eine Lösung zu finden. Wenn es dann doch soweit ist, fahren wir in der Früh mit einem Bus hin, um alles auszuräumen", erzählt Stefan Wallner, Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Oft meldeten sich die Betroffenen erst sehr spät - dann müsse es schnell gehen, um noch am selben Tag eine freie Unterkunft in der Gemeinde für die Menschen zu organisieren.

Akute oder drohende Wohnungslosigkeit reicht mittlerweile bis in die Mitte der Gesellschaft, das macht der Awo-Jahresbericht für 2018 erneut deutlich: "Den normalen Obdachlosen, den gibt es so gar nicht", bestätigt Wallner. Allein im vergangenen Jahr mussten im Landkreis München 367 Menschen ihre Wohnungen räumen, darunter waren 111 Kinder. Die Betroffenen landen aber nicht auf der Straße, sondern werden in Notfallunterkünfte gebracht, entweder von den Kommunen selbst oder Einrichtungen freier Träger wie die der Awo. Besonders häufig betroffen sei die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen, verstärkt auch Familien und Alleinerziehende.

Gründe sind vor allem Mietschulden (72 Prozent) sowie Eigenbedarfskündigungen (18 Prozent). "Es ist deutlich, dass es immer mehr Menschen trifft, die einen Job haben", sagt Wallner, denn im Raum München sei es leicht Arbeit zu finden, mit einer Wohnung sehe es ganz anders aus. Die Wohnungsnotfallhilfe berät in der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit (FOL) Betroffene und sucht gemeinsam mit ihnen nach Lösungen. Der Landkreis München finanziert das Angebot, das alleine hier insgesamt 2472 Einwohner, davon 591 Kinder, voriges Jahr genutzt haben, weil sie von Obdachlosigkeit bedroht waren. Die Hemmschwelle, sich in der Beratungsstelle persönlich zu melden, sei zwar oft hoch, erklärt Wallner, doch es lohnt sich: Fast 8o Prozent aller Betroffenen konnten die Mitarbeiter der Fachstelle in ihrer Wohnung halten oder ihnen eine neue vermitteln.

Besonders betroffen ist Ottobrunn

Im Landkreis München besonders betroffen sind laut Arbeiterwohlfahrt die Einwohner der Gemeinde Ottobrunn: 136 Menschen ließen sich hier 2018 von der FOL beraten. In Ottobrunn gibt es kaum Flächen, um neue Wohnungen zu bauen. Im Juli 2018 begann die Gemeinde, zwölf preisgünstige Mietwohnungen auf eigenen Grundstücken zu errichten. Nach Ottobrunn folgt die Gemeinde Haar, in der fast hundert Menschen die Hilfe der Fachstelle in Anspruch nahmen. Ebenfalls auffällig: Planegg und Taufkirchen mit 86 Betroffenen.

Mit Hilfe einer Immobilienexpertin der Fachstelle lernen Wohnungssuchende in Workshops, welche Unterlagen in Bewerbungsmappen gehören und wie sie bei Besichtigungsterminen auftreten sollten. Auch die digitale Beratung über Telefon, E-Mail, SMS und Whatsapp wird verstärkt von Betroffenen genutzt. Die Awo reagiert mit diesen neuen Angeboten auf den immer härter werdenden Immobilienmarkt im Landkreis München.

Gründung einer Stiftung Obdachlosenhilfe geplant

Doch nicht nur dort steigen die Zahlen: Laut einer Erhebung des bayerischen Sozialministeriums meldeten sich rund 61 Prozent der insgesamt 15 500 Wohnungslosen im Freistaat allein in Oberbayern. Damit ist die Region im bayernweiten Vergleich negativer Spitzenreiter. Insgesamt seien die Fälle von Wohnungslosigkeit im gesamten Freistaat im Vergleich zu 2014 um 30 Prozent gestiegen.

Die bayerische Sozialministerin Kerstin Schreyer bezeichnet das als noch "moderat, wenn man die Ereignisse in dieser Zeit bedenke". Trotzdem sei jeder wohnungslose Mensch einer zu viel, betont die Unterhachinger CSU-Politikerin. Neben Präventivmaßnahmen wie dem Wohngeld und dem sozialen Wohnungsbau seien deshalb die Gründung der Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern sowie ein Aktionsplan "Hilfe bei Obdachlosigkeit" geplant. Die Stiftung solle unter anderem Versorgungs- und Unterkunftsangebote fördern, der Aktionsplan lege seinen Fokus verstärkt auf Prävention und Beratung.

Doris Rauscher, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und Vorsitzende des Sozialausschusses, kritisierte hingegen die Tatenlosigkeit der Staatsregierung: Angesichts der steigenden Obdachlosenzahlen sei es verblüffend, dass die Fraktionen von CSU und Freien Wählern noch im Januar die Forderungen der SPD zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit abgelehnt hätten. Rauscher fordert Schreyer deshalb auf, das Thema Obdachlosigkeit ernst zu nehmen: "Wenn der Ministerin das Thema sozialer Wohnungsbau so ein Herzensanliegen ist, sollte sie ihren zuständigen Kabinettskollegen in die Pflicht nehmen", betont Rauscher.