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NS-Verbrechen:Die Opfer im Mittelpunkt

Mit zehn Erinnerungsorten und einer multimedialen Schau im Haupthaus wollen Bezirk und Isar-Amper-Klinik an die NS-"Euthanasie"-Morde erinnern. Ärztlicher Direktor sieht menschliche Psychiatrie als Auftrag.

Von Bernhard Lohr, Haar

Theodolinde Diem kommt am 9. April 1941 nach Eglfing-Haar. 20 Tage später verlässt ein Transport mit ihr und 28 weiteren Mädchen und Frauen die damalige Heil- und Pflegeanstalt in Richtung Hartheim bei Linz. In der Tötungsanstalt dort werden sie vergast. Am Freitagvormittag sitzt die hochbetagte Nichte der Ermordeten in einem Rollstuhl vor dem Haupthaus des Isar-Amper-Klinikums. Lisa Wanninger spricht über ihre Tante "Thea", die als junge Frau und voller "Sehnsucht nach Leben und Liebe" umgebracht wurde. Ihre Würde sei antastbar gewesen. Ihr Leben habe in der NS-Diktatur nichts gezählt. "Versuchen wir wenigstens ihren Namen unantastbar zu machen."

Die Rede hält Wanninger als Angehörige eines von etwa 4000 Opfern, die zwischen 1939 und 1945 von Eglfing-Haar zur Ermordung in Tötungsanstalten deportiert oder direkt in Haar durch Nahrungsentzug, mit Medikamenten oder gezielter Vernachlässigung getötet wurden. Hinter Wanninger ist an einem improvisierten Bauzaun ein Transparent angebracht, auf dem der Name ihrer Tante mit den Namen von bisher bekannten 3570 anderen Ermordeten steht. Es seien "unfassbare Verbrechen" geschehen, sagt an derselben Stelle der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). "Die Würde des Menschen ist unantastbar, heute, morgen, für immer", bekräftigt Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU).

Großformatige Transparente an einem Bauzaun erinnern an die 4000 ermordeten Psychiatriepatienten. An der Gedenkveranstaltung am Freitag nahmen Klinikchef Peter Brieger, Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Gesundheitsminister Klaus Holetschek (von links) teil.

(Foto: Claus Schunk)

Der Bezirk Oberbayern als Träger des Klinikums und das Isar-Amper-Klinikum selbst als Nachfolger der Anstalt, die während des Nationalsozialismus' unter Direktor Hermann Pfannmüller ein zentraler Ort bei der Umsetzung des "Euthanasie-Programms" war, stellen an diesem Vormittag vor geladenen Gästen ihr Konzept für Informations-, Lern- und Gedenkorte auf dem Klinikareal vor. Es ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen und konzeptioneller Arbeit, mit dem Ziel, sich der grausamen Vergangenheit zu stellen. Die Erinnerung soll wach bleiben und fortdauerndes Lernen ermöglicht werden.

Orte des Verbrechens werden sichtbar

"Liebe Frau Wanninger", begrüßt Peter Brieger, Ärztlicher Direktor des Klinikums, gleich zu Beginn die Nichte der wahrscheinlich am 29. April 1941 ermordeten Theodolinde Diem. Brieger leitet einen historischen Arbeitskreis und trifft sich regelmäßig mit Angehörigen der Opfer. Er kündigt an: "Wir machen die Orte der Verbrechen in diesem Krankenhaus kenntlich. Wir informieren die Menschen, die hier leben, arbeiten oder ausgebildet werden, oder die einfach nur Interesse daran haben, was hier geschehen ist."

Man fühle sich einer "menschlichen Psychiatrie" verpflichtet, "die sich den Themen Zwang, Gewalt und Stigma stellt".

Dass das lange anders war, zeigt alleine die Tatsache, dass erst 75 Jahre nach Ende der Schreckensherrschaft einigermaßen gesicherte Zahlen zu den Patienten genannt werden können, die in Eglfing-Haar direkt getötet oder von dort in den Tod geschickt wurden. Etwa 4000 waren es, von denen 2018 in Anstalten wie Hartheim oder Grafeneck in Baden-Württemberg deportiert wurden. 332 Kinder und Jugendliche wurden in der Kinderfachabteilung im heutigen Areal Jugendstilpark durch Medikamente ermordet.

Persönliche Erinnerung: Lisa Wanninger spricht auf der Gedenkveranstaltung über ihre ermordete Tante Theodolinde Diem.

(Foto: Claus Schunk)

Bis in die Achtzigerjahre wurde darüber in der Klinik und in Haar weitgehend geschwiegen. Klaus Rückert war damals Krankenhauspfarrer. Er berichtete am Freitag davon, wie er bei manchen Ärzten und Pflegern auf eine Mauer des Schweigens stieß. Als er sich 1986 dafür einsetzte, auf dem sogenannten Kriegerdenkmal in Haar auch der Euthanasie-Opfer zu gedenken, hätten sich manche Gemeinderäte "in ihrem Stolz als Deutsche" angegriffen gefühlt. Vereine hätten erklärt, keine Fahnenabordnung mehr zum Totengedenken abzustellen. Doch es kam etwas in Bewegung. Seit 1990 gibt es an der evangelischen Kapelle ein Mahnmal für die "Euthanasie"-Opfer. Wobei der etwas verstecke Ort wie die dazugehörige Bronzeskulptur aus Sicht von Ausstellungsmacher Winfried Helm auch nur wieder für einen Versuch einer Verdrängung stehen. Die Verlockung sei groß, Dinge in Bronze zu gießen, um sie loszuwerden. Das solle genau jetzt nicht wieder geschehen.

Ein unfertiges Mahnmal

"Wir sollten auf Offenheit und Veränderbarkeit setzen." Auf ein unfertiges Mahnmal, An zehn Stellen auf dem Klinikgelände und im Wohngebiet Jugendstilpark sollen Tatorte erkennbar werden, wie am Friedhof, an den ehemaligen Hungerhäusern und am einstigen Bahnanschluss, wo Patienten zu den Tötungsanstalten verladen wurden. Im Foyer des Hauptgebäudes der Klinik wird eine multimediale Zeitleiste die Geschichte der Psychiatrie in Eglfing-Haar aufzeigen. Das bestehende Mahnmal wird zum zentralen Gedenkort.

© SZ vom 15.05.2021
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