Zeitgeschichte:Wo die Täter geschützt wurden

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Zeitgeschichte: Der 18. Januar ist in Haar ein Gedenktag: Dann werden am Mahnmal im Isar-Amper-Klinikum Kerzen entzündet. Aber dabei belässt man es nicht.

Der 18. Januar ist in Haar ein Gedenktag: Dann werden am Mahnmal im Isar-Amper-Klinikum Kerzen entzündet. Aber dabei belässt man es nicht.

(Foto: Claus Schunk)

Mit einer weiteren Podiumsdiskussion am Sonntag arbeitet die Haarer Klinik die Verbrechen des NS-Euthanasie-Programms auf.

Von Lydia Wünsch, Haar

Die systematische Tötung von psychisch kranken Menschen in Deutschland begann am 18. Januar 1940 in Haar. Unter der Leitung des Anstaltsdirektors und überzeugten Nationalsozialisten Hermann Pfannmüller wurden an diesem Tag 25 Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Grafeneck transportiert. Sie waren die ersten Opfer der Aktion T4. Dessen Ziel: Die Vernichtung von nach Ansicht der Nazis lebensunwertem Leben. Seit diesem Tag wurden zirka 2000 Patienten von Haar aus zunächst nach Grafeneck und später nach Hartheim deportiert und ermordet.

Bei einer Podiumsdiskussion an diesem Sonntag, 13. November, im Kleinen Theater Haar geht es dem BR-Moderator Gregor Hoppe um die Frage nach der Erinnerungskultur hinsichtlich der NS-Euthanasie. Von den Teilnehmern ist Irene Zauner-Leitner für die Pädagogik am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim in Oberösterreich verantwortlich, Thomas Stöckle leitet die Gedenkstätte Grafeneck und Peter Brieger ist Ärztlicher Direktor des Isar-Amper-Klinikums in Haar, ehemals Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar.

Zeitgeschichte: Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Peter Brieger, betont, dass die Erinnerungsarbeit Teil der Ausbildung in der Krankenpflege sein muss.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Peter Brieger, betont, dass die Erinnerungsarbeit Teil der Ausbildung in der Krankenpflege sein muss.

(Foto: Claus Schunk)

Wie Peter Brieger erzählt, fanden die Transporte zu den Tötungsanstalten zwar ein Ende, nachdem es im Herbst 1941 zu öffentlichen Protesten kam, das Morden ging dennoch weiter. Danach begann die sogenannte "wilde Euthanasie" in den Kliniken. Die Patienten wurden durch Verhungern oder Überdosierung von Medikamenten getötet. In Haar habe es zwei solche Hungerhäuser gegeben: Haus 25 und Haus 22.

Nach dem Krieg arbeiteten die Verantwortlichen einfach an der Klinik weiter

Für Brieger ist es wichtig, die Erinnerung an die NS-Verbrechen am Leben zu erhalten, denn sie präge unser heutiges Verhalten gegenüber behinderten oder benachteiligten Menschen. "Wir haben sicherlich Nachholbedarf was die Erinnerungskultur angeht", sagt er. Denn bis weit in die 70er Jahre hinein arbeitete die Tätergeneration zum großen Teil weiter in den Kliniken. Das bedeutet: Die gleichen Menschen, die während der NS-Herrschaft an der Ermordung von Patienten beteiligt waren, haben danach die Kliniken geleitet und waren in der Pflege tätig. Der Psychiater Anton von Braunmühl etwa, der während der NS-Zeit die stellvertretende Leitung des Krankenhauses innehatte und als tief in die Verbrechen verstrickt gilt, wurde ab 1946 Klinikleiter und blieb dies bis zum Jahr 1957.

Zeitgeschichte: In den Hungerhäusern in Haar wurden Patienten durch Nahrungsentzug umgebracht.

In den Hungerhäusern in Haar wurden Patienten durch Nahrungsentzug umgebracht.

(Foto: privat)

"In dieser Phase war es natürlich kaum möglich, etwas aufzuarbeiten", sagt Brieger. Dies beweise auch der Jahresbericht der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar von 1946. Er umfasst den Zeitraum 1944 bis 1946. Einschneidende Jahre, in denen unglaubliche Verbrechen verübt wurden. Doch sowohl das Kriegsende als auch die Tötungen hätten darin kaum Erwähnung gefunden, sagt Brieger. Im Grunde habe man weitergemacht, als wäre nichts geschehen gewesen. Stattdessen habe man eine Kontinuität konstruiert, die es so nie gegeben habe - und die Täter geschützt.

Und wie geht man heute mit diesen Verbrechen um? Neben Gedenkstätten, die zum Nachdenken anregen sollen, ist es Brieger wichtig, mit diesem Thema die Mitarbeiter der Klinik zu erreichen und die NS-Euthanasie zum Gegenstand der Ausbildung zu machen. "In den Pflegschulen, im Studium, in der Fortbildung: Überall soll und muss das Thema behandelt werden. Wir dürfen nicht mehr wegsehen, sondern müssen es aktuell halten."

Das Gespräch wird vom Zentrum Erinnerungskultur der Universität Regensburg im Rahmen des Publikationsprojekts "Den NS-Krankenmord erinnern" veranstaltet. Die Podiumsdiskussion findet als Sonntags-Matinee um 11 Uhr im Theatercafé des Kleinen Theaters Haar in der Casinostraße 6 statt. Der Eintritt ist frei.

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