NS-Diktatur:Berührende Begegnung mit Sophie Scholl

NS-Diktatur: Erste Besucher kommen am Montag zur Weiße-Rose-Ausstellung ins Bürgerhaus.

Erste Besucher kommen am Montag zur Weiße-Rose-Ausstellung ins Bürgerhaus.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Aus Anlass des 100. Geburtstags von Sophie Scholl kann man sich in einer Ausstellung in Straßlach den mutigen Widerstandskämpfern um die Weiße Rose annähern. Ein Forum zur politischen Bildung ist geplant.

Von Claudia Wessel, Straßlach-Dingharting

"Sie wollen eigentlich gar nicht hören. Denn ihr Herz hängt an so vielen kleinen Dingen, die sie nicht fahren lassen wollen." Als Sophie Scholl diese Worte sagte, meinte sie in dem Moment nicht all die Menschen, die das nationalsozialistische Regime widerstandslos hinnahmen, sondern sie sprach von Konzertbesuchern. Doch zeigten diese Sätze bereits, wie sie sich in die Motive ihrer Mitmenschen einfühlte. Allein deshalb ist es eines der Zitate, die einen beim Rundgang durch die Ausstellung "Die Weiße Rose. Gesichter einer Freundschaft" im Straßlacher Bürgerhaus sofort in ihren Bann ziehen.

Denn die vielen sehr privaten Aussagen von Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber aus Briefen, Tagebüchern und überliefert von Freunden zeigen den Gerechtigkeitssinn der Widerstandskämpfer, für den sie letztlich ihre Leben riskierten und opferten.

NS-Diktatur: Bürgermeister Hans Sienerth erzählt bei der Eröffnung eine bewegende Anekdote, die zeigt, mit wie viel Courage die jungen Widerstandskämpfer dem NS-Regime die Stirn boten.

Bürgermeister Hans Sienerth erzählt bei der Eröffnung eine bewegende Anekdote, die zeigt, mit wie viel Courage die jungen Widerstandskämpfer dem NS-Regime die Stirn boten.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die Ausstellung im neuen "Geschwister-Scholl-Forum" hätte eigentlich am 9. Mai pünktlich zu Sophie Scholls 100. Geburtstag eröffnet werden sollen. "Doch da war ja mal wieder Lockdown", wie Bürgermeister Hans Sienerth in seiner Ansprache sagte. Daher gab es seinerzeit nur Videobotschaften, die man auf der Homepage der Gemeinde anschauen kann. Am Montagnachmittag aber fand endlich eine wahrhaftige Vernissage statt. "Mit Häppchen und Sekt", so Sienerth, "wir dürfen ja wieder." Zwar hatte sich nur ein kleiner Kreis an Gemeinderäten versammelt, diesen aber war Sienerth umso dankbarer. Selbstverständlich fehlte Herbert Mack nicht. Schließlich war es der ehemalige CSU-Gemeinderat gewesen, der schon vor Jahren die Idee hatte, das Gedenken an die Geschwister Scholl in der Gemeinde zu verewigen.

Ein Geschwister-Scholl-Forum

Sein Vorschlag war es gewesen, eine Straße nach ihnen zu benennen. Sienerth konnte ihn umstimmen, sodass nun das Geschwister-Scholl-Forum als Ort der politischen Bildung gegründet wurde. Ein Arbeitskreis ist dabei, Veranstaltungen zu planen, die von Januar 2022 an stattfinden sollen. Auch der Rektorin der Grundschule, Susanne Kirchhof, war es wichtig, anwesend zu sein. Denn die Ausstellung soll von vielen Schülern im Rahmen des Unterrichts besucht werden.

Einen Monat lang werden nun die Tafeln im Foyer und im ersten Stock im Bürgerhaus stehen. Man findet auf ihnen in groben Zügen die Lebensgeschichten der Freunde, die gemeinsam etwas gegen das Hitler-Regime tun wollten und "Flugblätter der Weissen Rose" drucken ließen, verschickten und verteilten. Und vor allem findet man viele ans Herz gehende Ausschnitte aus Briefen und Tagebüchern. So etwa berichtet ein Bernhard Knoop im Jahr 1983 über Christoph Probst, den er persönlich kannte: "Er geriet in tiefe Erregung, wenn von den Euthanasie-Programmen die Rede war, von den auf Dauer doch nicht geheimhaltbaren Massenmorden an Geisteskranken und Behinderten; er empörte sich über den öffentlich zu tragenden gelben Judenstern."

Man kann die Abschiedsbriefe der Todgeweihten kurz vor ihrer Hinrichtung lesen, in denen etwa Alexander Schmorell "die innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat" höher bewertet als sein Leben. Man erfährt, dass Alexander Schmorell und Lilo Ramdohr gemeinsam den Stadtstreicher Alois Pitzinger zeichneten. Und dass er es war, der sie später denunzierte.

Rührend ist auch, dass Sophie Scholl sich mit einer Flöte vor das Gefängnis stellte, in dem ihr Vater für vier Monate einsaß, weil er Hitler als "große Gottesgeißel" bezeichnet hatte, weshalb ihn eine Angestellte anschwärzte. Sophie spielte das Lied "Die Gedanken sind frei" für ihren Vater.

Auch Hans Sienerth erzählte etwas sehr Berührendes von Sophie Scholl. "Als sie festgenommen wurde, versuchte der Polizeibeamte ihr zu sagen, dass sie ja als Mädel doch sicher gar nicht wusste, was die Männer da alles in ihren Flugblättern geschrieben hatten." Doch Sophie nahm dieses Angebot zwischen den Zeilen nicht an, sondern betonte, dass ihr sehr wohl bewusst sei, was auf den Flugblättern gestanden habe. Sie war nicht so, wie Hitler sich die Jugend wünschte, der sagte: "Die dressieren wir schon von ganz klein an." Die Geschwister Scholl und ihre Freunde ließen sich nicht dressieren.

© SZ vom 22.06.2021/belo
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