NovemberrevolutionHundert Gewehre für den Fototermin

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Während in Unterhaching und Perlach Arbeiterräte gegründet und Revolutionäre zur Erschießung verschleppt wurden, kam die 1918 gegründete Einwohnerwehr von Taufkirchen nie zum Einsatz.

Von Patrik Stäbler, Taufkirchen

Immerhin ein Foto gibt es von ihnen. Gut zwei Dutzend Männer in Anzügen sind darauf zu sehen, alle tragen Hut, viele Schnauzer, und in den ersten Reihen halten einige stolz ein Gewehr. Das also ist die Einwohnerwehr Taufkirchen, gegründet vor 100 Jahren, im November 1918. Seinerzeit hatten Oppositionelle um den Sozialdemokraten Kurt Eisner gerade den Umsturz in Bayern betrieben: In der Nacht zum 8. November erklärten sie die Monarchie der Wittelsbacher für beendet und riefen den Freistaat Bayern aus.

Diese friedliche Revolution, die später zu viel Blutvergießen führte, hatte ihre Keimzelle in München, doch die Geschehnisse schwappten auch ins Umland hinaus - etwa nach Taufkirchen. Dort rief Bürgermeister Johann Kameter am 17. November eine Gemeindeversammlung ein, bei der eine Bürgerwehr gegründet wurde, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Für diese bat Kameter zwei Tage später in einem Brief ans Bezirksamt um hundert Gewehre plus Munition. "Und dann geschah...", beginnt Dietrich Grund, ehe er eine kurze Pause macht.

Der Heimatforscher aus Taufkirchen lässt seinen Blick durch die Reihen der etwa 20 Besucher schweifen, die zu seinem Vortrag über die "Revolution im Hachinger Tal" in die Volkshochschule gekommen sind. Dann fährt er fort: "... nichts." Zumindest sei nichts weiteres bekannt. "Wahrscheinlich war die Hauptaktivität der Bürgerwehr, sich zu diesem Foto zusammenzustellen", vermutet Grund. Denn mit Blick auf die Nachbarorte im Hachinger Tal seien die "revolutionären Aktivitäten" in Taufkirchen am geringsten gewesen, sagt Grund - worauf eine Besucherin halblaut murmelt: "Ach, das war schon damals so."

Etwas anders sah es in Perlach und Unterhaching aus, wo in den Revolutionswirren sogar 15 Menschen starben. Die Hintergründe hierzu hat Dietrich Grund in mühseliger Kleinarbeit zusammengetragen. In Gemeindearchiven und im Staatsarchiv hat der 76-Jährige recherchiert, dazu mit Nachkommen von Betroffenen gesprochen. Grund hat bereits eine Chronik Taufkirchens und ein Buch über Ritter Hilprant verfasst. Was ihn an der Novemberrevolution so fasziniere? "Ich habe als Betriebsratsvorsitzender vor dreißig Jahren an einer Geschichtswerkstatt teilgenommen", erzählt der Bauingenieur im Ruhestand. "Damals haben wir die Revolution zwei Tage lang durchgenommen, und irgendwie ist das hängen geblieben."

Bei seinem Vortrag in Taufkirchen hat Dietrich Grund jedenfalls ein dankbares Publikum, das größtenteils ebenso geschichtsinteressiert ist wie er. Und so entspinnt sich eine rege Diskussion, etwa um die Rolle von Josef Prenn, dem ersten Bürgermeister von Unterhaching nach der Kommunalwahl im Juni 1919. Der habe zu Beginn seiner Amtszeit einen Bericht über die Geschehnisse im Ort verfasst und darin dem im Februar gegründeten Arbeiter- und Bauernrat Terror unterstellt, berichtet Grund.

Dabei würden die Unterlagen im Gemeindearchiv nahelegen, dass der Rat sich zum Wohle der Bevölkerung eingesetzt habe, etwa bei der Lebensmittelversorgung und der Arbeitsbeschaffung. Und dennoch habe ihn Prenn in ein schlechtes Licht gerückt und obendrein die Hinrichtung vierer Rädelsführer im Mai 1919 verharmlost, so Grund. Hintergrund war der sich zuspitzende Machtkampf nach der Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar; so kam es vielerorts zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Roten Armee, die die Räterepublik verteidigen wollte, und den regierungstreuen Weißen Truppen - auch in Unterhaching. Dort fiel das Freikorps Liftl ein und "verschleppte vier Leute nach Stadelheim", erzählt Grund. Diese seien "ohne viel Federlesens erschossen worden".

Tote gab es auch im damals selbständigen Perlach, wo sich im Februar 1919 ein achtköpfiger Arbeiterrat gegründet hatte. Drei Monate später rückte das Freikorps Lützow in der Gemeinde ein und verschleppte zwölf Männer nach München, wo sie im Garten des Hofbräukellers erschossen wurden. Dort findet sich heute eine Gedenktafel; zudem erinnert eine Inschrift am Perlacher Kriegerdenkmal an die Opfer.

Insgesamt jedoch hielten sich die revolutionären Umtriebe im Hachinger Tal in Grenzen, was zum einen daran lag, dass es dort seinerzeit keine Industriebetriebe und somit auch keine größere Arbeiterschaft gab. Zum anderen hätten viele Menschen so kurz nach dem Krieg alle Hände voll zu tun gehabt, ihr tägliches Leben zu stemmen oder schlicht zu überleben, gibt Dietrich Grund zu bedenken. "Die hatten einfach keine Zeit für die Revolution."

© SZ vom 09.11.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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