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Unterföhring:Neustart für die Musikschule

Der Geschäftsführer des bayerischen Dachverbands, Wolfgang Greth aus Unterhaching, soll die in Schieflage geratene Unterföhringer Einrichtung professionalisieren.

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Die Unterföhringer Musikschule ist erst 2019 in das neue gemeinsame Haus mit der Volkshochschule gezogen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Als in der Juni-Sitzung des Gemeinderats bekannt wurde, dass die Unterföhringer Musikschule so gut wie pleite ist, formulierte Zweiter Bürgermeister Manuel Prieler von der Parteifreien Wählerschaft (PWU) drastisch, dass für die Rettung der Einrichtung "jeder Stein umgedreht werden muss". Genau dies soll nun geschehen. Die Lokalpolitiker haben sich in ihrer jüngsten Zusammenkunft einstimmig darauf geeinigt, dass Wolfgang Greth, Geschäftsführer des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen, dem arg in finanzielle Schieflage geratenen Institut den Weg in eine tragfähige Zukunft ebnen soll.

Greth ist seit 30 Jahren Leiter der erfolgreichen Musikschule in Unterhaching mit ihren mehr als 2500 Schülern und seit 2012 Geschäftsführer des Verbandes und Leiter der Beratungsstelle für das Musikschulwesen. In dieser Funktion wird er zusammen mit dem örtlichen Trägerverein versuchen, die Unterföhringer Musikschule zu retten. Bis Oktober muss nach dem Beschluss des Gemeinderats ein belastbares Konzept vorliegen, wie es weitergehen kann, von Januar nächsten Jahres an wird die Musikschule dann - wenn alles gut geht - auf "professionellen Beinen" stehen, wie Greth der SZ sagte.

Bis dahin ist nach Auskunft des Experten noch eine ganze Menge zu tun. Er warte nun darauf, dass ihm die Musikschule alle Unterlagen wie Abrechnungen und Verträge zur Verfügung stelle. Nach eingehender Prüfung durch den Musikschulverband könne das Unterföhringer Institut einen Antrag stellen, um als Mitglied aufgenommen zu werden, und muss zu diesem Zweck zahlreiche Vorgaben erfüllen.

Dritter Bürgermeister Johannes Mecke von den Grünen ist auch Vorsitzender des Musikschulvereins. An dieser Doppelrolle gibt es Kritik.

(Foto: Robert Haas)

Die bayerische Musikschulverordnung sieht Greths Worten zufolge vor, dass ein Institut einen musikpädagogischen Leiter und fest angestelltes Lehrpersonal hat, also keine Honorarkräfte beschäftigt. So soll ausgeschlossen werden, dass diese als scheinselbständig gelten könnten. Überdies braucht es ein gutes und vielfältiges Angebot an Instrumentalkursen sowie Ensemblefächer für zum Beispiel Chöre, Orchester oder Kammermusikgruppen. Auch die soziale Komponente ist in der Musikschulverordnung fest verankert: So müssen sich auch weniger betuchte Familien für ihre Kinder den Besuch von Musikunterricht leisten können, Geschwisterermäßigungen eingeschlossen.

Ist die Aufnahme geglückt, werden die Anforderungen nicht weniger: Es braucht einen jährlichen Haushaltsplan, eine lückenlose Aufstellung der Einnahmen und Ausgaben. Beides wird vom Verband dezidiert kontrolliert. Schulen, die Mitglied im Musikschulverband Bayern und damit auch gleichzeitig im deutschen Pendant werden können, müssen zudem bereits zuvor einen belastbaren Haushalt ausarbeiten, eine Satzung haben sowie eine schlüssige Schul- und Entgeltordnung vorlegen können.

All das soll in den nächsten Wochen für die Unterföhringer Einrichtung erstellt werden, ehe über eine Mitgliedschaft entschieden wird. Das Reglement ist nach Angaben von Greth deswegen so streng, weil der Verband seine Mitglieder mit Zuschüssen des Freistaats unterstützt. Gerade in der Corona-Krise, als den meisten Instituten wegen des Lockdowns die Einnahmen wegbrachen oder diese nur in sehr abgespeckter Form eingingen, sei das für viele überlebenswichtig gewesen.

Wolfgang Greth ist Geschäftsführer des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen, Leiter der Beratungsstelle für das Musikschulwesen und Chef der Unterhachinger Musikschule.

(Foto: Claus Schunk)

Die Unterföhringer Musikschule hat davon nicht profitieren können, weil sie dem Verband nicht angehörte. Wegen dieser Einnahmeausfälle, aber nicht nur deswegen stand die Einrichtung kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Nach Angaben aus dem Rathaus beträgt das Defizit hochgerechnet auf das laufende Jahr knapp 168 000 Euro.

Aufaddiert hat sich das Minus nach Angaben der Musikschule durch Einnahmeausfälle wegen der Pandemie und weil coronabedingt keine musikalische Früherziehung habe stattfinden können. Nach einer Betriebsprüfung der Jahre 2016 bis 2019 muss die Schule zudem allein 31 000 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen für ihre Dozenten nachzahlen. Diese wurden zwar vertraglich wie selbständige Auftragnehmer behandelt, waren aber offensichtlich wie Arbeitnehmer tätig. Das Gesetz spricht in solchen Fällen von Scheinselbstständigkeit.

Im Juni hatte sich der Unterföhringer Gemeinderat mehrheitlich darauf geeinigt, der Musikschule mit Zuschüssen für die Monate Juni, Juli, August und September aus der Patsche zu helfen. Im Raum steht laut Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU) eine Summe von mehr als 80 000 Euro. Zunächst war die Rede von einem Darlehen in Höhe von 168 000 Euro gewesen, das in einen Zuschuss umgewandelt werden sollte, wenn es rechtlich möglich ist.

Dass die Gemeinde das komplette Minus ausgleicht, wie zunächst der Eindruck entstand, werde nicht der Fall sein, versicherte Kemmelmeyer damals der SZ. Für den Rest müsse die Musikschule selbst aufkommen, sagte er. Die Zuschüsse sollen monatlich fließen; und ein Steuerberater muss eine monatliche Aufstellung liefern, die von einem Sachverständigen geprüft wird.

"Ich tue so, als ob es die Musikschule noch gar nicht gegeben hätte."

Verbandschef Wolfgang Greth weiß von den Problemen der Unterföhringer Einrichtung. Er aber werde nicht nach hinten, sondern nur nach vorne schauen, betonte er: "Ich tue so, als ob es die Musikschule noch gar nicht gegeben hätte." Es gehe um die künftige rechtssichere Ausrichtung und ein schlüssiges Konzept für den Fortbestand. Im Laufe seiner Zeit als Berater hat Greth bereits elf Musikschulen professionalisiert. Für ihn sei es in der Vorabunterrichtung zur jüngsten Gemeinderatssitzung spürbar gewesen, "dass Unterföhring zu seiner Musikschule steht".

Dass solche Bildungseinrichtungen immer ein Zuschussgeschäft sind, ist laut Greth nicht von der Hand zu weisen. Kultur kostet. Seiner Erfahrung nach hat "jede vernünftig aufgestellte Musikschule ein Defizit, das von der jeweiligen Kommune ausgeglichen wird". Nicht nur im Landkreis München, sondern in ganz Bayern und Deutschland. Finanziert werden die Einrichtungen zu je 40 Prozent über Elterngebühren und kommunale Zuwendungen, 15 Prozent kommen vom Land und fünf Prozent würden über Spenden oder Veranstaltungen generiert, so Greth.

Dass Musikschulen als eingetragener Verein organisiert sind, sei üblich, weiß Greth, der für 220 Einrichtungen in mehr als tausend Kommunen im Freistaat zuständig ist. Daran muss sich womöglich auch in Unterföhring nichts ändern. Ob allerdings Dritter Bürgermeister Johannes Mecke (Grüne) weiterhin das Amt des Vereinsvorsitzenden innehaben kann, ist zumindest bei einigen im Gemeinderat umstritten.

Der eine oder die andere aus CSU, SPD und FDP sieht die persönlichen Verquickungen durchaus als zumindest teilweise ursächlich für die enorme Finanzmisere der Musikschule. Dass diese mindestens bis September durch Steuergeld über Wasser gehalten wird, beschäftigt dem Vernehmen nach bereits die Rechtsaufsicht im Landratsamt.

© SZ vom 22.07.2021
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