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Neustart in den Spielstätten:Vorhang auf!

Nach Monaten des Stillstands dürfen die Kulturhäuser im Landkreis endlich wieder ihre Pforten öffnen - zur großen Freude der Mitarbeiter

Von Franziska Gerlach und Irmengard Gnau

Die Kulturschaffenden können es noch kaum glauben. Endlich, endlich ist es soweit, dass auch die Theater, Konzerthäuser, Kinos und Kleinkunstbühnen ihre Türen öffnen dürfen und Gäste in ihren Häusern empfangen. Freilich immer noch unter besonderen Bedingungen, mit Hygienekonzepten und weitaus weniger Zuschauern als zuvor. Doch der Neubeginn ist da, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor und hinter den Bühnen des Landkreises sehen ihm nach den vergangenen Monaten des Stillstands mit Vorfreude entgegen. Viele haben die erzwungenermaßen auftrittsfreie Zeit genutzt, um ihre Spielstätten technisch aufzurüsten. Und auch menschlich, so scheint es, ist manche Truppe in der Pandemie enger zusammengewachsen.

Der Bühnenmeister

Bühnenmeister Siegfried Reiner in Pullach

(Foto: Claus Schunk)

"Es ist ein bisschen wie, wenn man Monate lang am Beckenrand steht und dann schmeißt einen plötzlich jemand rein ins kalte Wasser", sagt Siegfried Reiner. Seit das Pullacher Bürgerhaus 1996 eröffnet wurde, ist Reiner dabei, er hat die Anfänge miterlebt und beinahe jede Veranstaltung begleitet, nie musste man von sich aus absagen. Dass es einmal eine Zeit geben würde, in der eine ganze Saison würde ausfallen müssen - vor Corona völlig unvorstellbar. "Wir mussten erst einmal lernen, wie es ist, dass eine Veranstaltung nicht stattfindet", sagt der Bühnenmeister. "Anfangs war das für mich und das gesamte Team der Super-GAU." Reiner und seine Kollegen nutzten die nun frei gewordene Zeit bestmöglich. Schliffen den Bühnenboden des Bürgerhauses komplett ab und strichen ihn neu, reinigten Scheinwerfer, stellten die Beleuchtung der Bühne auf stromsparende LED-Technik um. Eine Mediensteuerung für alle Veranstaltungsräume wurde eingebaut, der große Saal hat einen neuen, leistungsstarken Beamer und eine größere Leinwand erhalten. Dazwischen fanden all die Veranstaltungen, für die das Rathaus zu klein geworden war, Aufnahme, von Gemeinderatssitzungen über Parteiversammlungen bis zu den Übertrittsklassen der Grundschule. Und jetzt startet das Kulturprogramm wieder, "das geht Schlag auf Schlag", sagt Reiner. Auf einen Kabarettabend folgen kommende Woche die ersten Konzerte und Theateraufführungen, auf den Bühnenmeister warten große Aufbauten. Dass er immer noch den ganzen Tag FFP2-Maske tragen muss, erschwere die Arbeit, sagt Reiner. Doch die Vorfreude auf die Zuschauer überwiegt bei Weitem. "Ich hoffe nur", sagt Reiner, "dass es jetzt auch ein bisschen so bleibt".

Im Kartenvorverkauf

Frida Kutzner .Kartenservice

Frida Kutzner freut sich in Unterföhring auf den Neubeginn.

(Foto: Catherina Hess)

Ihr Telefon klingelt, das schon. Aber nicht so häufig wie in den Zeiten vor Corona. "Die Leute sind noch etwas zögerlich", sagt Frieda Kutzner, eine von drei Teilzeitkräften, die im Bürgerhaus Unterföhring den Kartenvorverkauf betreuen. Dafür haben die Anrufer nun mehr Fragen als sonst: Muss ich meinen Impfpass mitbringen? Gibt es eine Pause? Und: Muss ich die Maske auch am Platz tragen? An schrägen Tischreihen bietet der große Saal des Bürgerhauses Unterföhring statt 609 nun 96 Gästen Platz. "Wir nennen das Fischgrätbestuhlung", erklärt Kutzner, so könnten die erforderlichen Abstände eingehalten werden. Der Kabarettist Holger Paetz war am Mittwoch nach mehr als einem halben Jahr der erste Künstler, der dort wieder vor Publikum auftreten durfte - zugleich wurde die Veranstaltung im Livestream übertragen. Däumchen gedreht hat Kutzner in den vergangenen Monaten freilich nicht: Sie verschickte E-Mails, um die Leute darüber zu informieren, dass diese oder jene Aufführung nicht wie geplant stattfinden kann, und da nicht alle über einen E-Mai-Zugang verfügen, griff sie auch immer wieder zum Telefonhörer. Tat sich dann einer mit der Übertragung des Livestreams schwer, erläuterte Kutzner Schritt für Schritt, wie sich eine Kulturveranstaltung online verfolgen lässt. Dass nun wieder Leben einzieht ins Bürgerhaus, muss sich gut anfühlen für die Unterföhringerin, die über sich selbst sagt, den Kontakt zu den Menschen zu lieben - auch wenn der ganz große Ansturm auf die Kultur bislang ausgeblieben ist. Kutzner kann das nachvollziehen: Vermutlich müsse es sich erst herumsprechen, dass nun wieder Theaterbesuche und Kabarettabende möglich sind. Und dann werde das schon.

Der Konzeptmanager

Kulturmanager Max Horch im Theater im Römerhof.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kulturschaffende sind bekannt dafür, für ihre Sache zu brennen. "Doch dieses Feuer über sieben Monate hinweg am Lodern zu halten, ist ziemlich schwierig", sagt Max Horch, der bei der Stadt Garching als Projekt- und Konzeptmanager für die Kultur zuständig ist. Die Hände in den Schoß gelegt hat er während dieser Zeit freilich nicht, im Gegenteil: Da man in Garching für jeden der vergangenen Monate ein komplettes Kulturprogramm geplant hatte, immer in der Hoffnung, dass die Infektionszahlen sinken, mussten auch dementsprechend viele Veranstaltungen verlegt werden. Außerdem kümmerte sich Horch darum, dass die Stadtratssitzungen unter Einhaltung der Hygienevorschriften stattfinden konnten. Dass es nun bald wieder losgeht mit Kabarett, Theater und Konzerten, freut ihn natürlich "unheimlich", wie er sagt. Er hat Theaterwissenschaften studiert und vermutlich nicht damit gerechnet, sich beruflich einmal mit Aerosolbelastungen und Ansteckungsrisiken befassen zu müssen. Aber das sei ja vielen so gegangen. Etliche der Garchinger Kulturveranstaltungen werden diesen Sommer im "Theatron", der Freilichtbühne des Theaters im Römerhof, stattfinden; mit zusätzlichen Bierbänken und Podesten soll "die maximale Auslastung" erreicht werden, inklusive Abstandsregelung von 1,50 Metern, versteht sich. Am 15. Juli wird sich dort zum Beispiel die Kabarettistin und Liedermacherin Sarah Hakenberg mit der Unsinnigkeit von Kreuzfahrten und verrückt gewordenen Müttern auseinandersetzen - und dabei hoffentlich gleich ein ganzes Feuerwerk an Lachern zünden. Bislang sind 70 Prozent der Karten verkauft. "Das werden wir diesen Monat noch mal bewerben", sagt Horch.

Die Organisatorin

Neubibergs Kulturamtsleiterin Andrea Braun.

(Foto: Claus Schunk)

Etwas nervös war Andrea Braun dann doch, als sie am vergangenen Mittwoch nach sieben Monaten pandemiebedingter Veranstaltungspause wieder in der Aula der Grundschule Neubiberg das Publikum begrüßte. "Ich war ein bisschen aus der Übung. Aber es lief alles wunderbar", sagt die Kulturamtsleiterin der Gemeinde Neubiberg, die in den vergangenen Monaten mit ihren Kollegen auch Impftage für Senioren sowie Fahr- und Einkaufsdienste organisiert hat. Das Konzert des Pianoduos Ani und Nia Sulkhanishvili sei toll gewesen, die Zwillingsschwestern spielten Beethoven, Smetana, Dvořák, und hätten dabei "wie eine Einheit" geklungen. Da die Inzidenz im Landkreis München unter 50 liegt, entfiel für die Veranstaltung die Testpflicht. Trotzdem erfordert so ein Konzert eine Reihe an Hygienemaßnahmen: Desinfizieren, lüften, Maske am Platz, Abstände - und das obligatorische Gläschen Wein war in der Pause auch nicht zu haben. Trotz Einschränkungen, so konnte Braun beobachten, hätten die Gäste den Abend genossen, die Musik, die sozialen Kontakte, das Gefühl, endlich mal wieder unter Menschen zu sein. "Kleine Freiheiten", für die man dankbar sei. Normalerweise sei der Sommer ja "ein No-go für jeden Kulturveranstalter", erläutert Braun, zumal, wenn auch noch eine Fußball-EM ansteht. Doch der Berg an verschobenen Veranstaltungen will abgebaut werden. Und ihres Erachtens nach sind die Leute "ganz wild" auf Kultur. Sogar an Märkte traut sich die Gemeinde Neubiberg heran, die als Großveranstaltungen eine Sondergenehmigung vom Landratsamt erfordern: Am 18. Juni findet der Basar "Ladies Night" statt. Mit Voranmeldung und Einbahnstraßen, um die Besucher durch die Aula der Grundschule Neubiberg zu leiten.

Der Veranstaltungstechniker

Josef Hagn im Wolf-Ferrari-Haus.

(Foto: Claus Schunk)

Josef Hagn kann kaum erwarten, wieder auf seiner Bühne im Wolf-Ferrari-Haus zu stehen. "Wir freuen uns alle darauf, dass wir endlich wieder richtig loslegen dürfen", sagt er. Obgleich ihn wohl kaum ein Zuschauer je zu Gesicht bekommt, ohne Hagn und seine Kollegen von der Veranstaltungstechnik bliebe der Vorhang im Ottobrunner Kulturhaus wohl zu. Seit 36 Jahren ist Hagn "im Geschäft", wie er sagt, ist dafür verantwortlich, die Schauspieler und Musiker auf der Bühne ins rechte Licht zu setzen und ihren Stimmen und Instrumenten Klang zu verleihen. In den vergangenen Monaten, als das Wolf-Ferrari-Haus durch die Pandemiebestimmungen ausgebremst war, habe er erst realisiert, wie sehr ihm der Theaterbetrieb abgehe, sagt Hagn. "Die Aufregung, die Spannung, das hat schon gefehlt", sagt er. Wenn man abends bei einer Vorstellung links oder rechts seitlich auf der Bühne steht und mitfiebert mit den Schauspielern in der Mitte, ihre Nervosität spürt. "Das ist schon ein besonderes Gefühlt", sagt Hagn. Dabei ist der gelernte Elektromeister eher zufällig zum Theater gekommen, blieb dann aber und spezialisierte sich auf Kultur- und Veranstaltungstechnik. In den vergangenen Monaten hat er mit seinen Kollegen die Bühnentechnik des Wolf-Ferrari-Hauses auf Vordermann gebracht, den Regieraum umgebaut und auf digitale Technik umgerüstet. Da keine Veranstaltungen stattfinden konnten, konnte man das ohne Fremdfirmen erledigen. Außerdem hat Hagn Zeit gefunden, wieder neue Bühnenbilder für die Ottobrunner Konzerte zu entwerfen - eine Tradition, auf deren Fortsetzung viele Zuschauer warten.

© SZ vom 12.06.2021
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