Eine Straße nach einer Persönlichkeit zu benennen, kann gründlich daneben gehen. Nämlich dann, wenn sich hinterher herausstellt, dass sich der Namensgeber nicht nur um die Kommune verdient gemacht hat, sondern auch eine dunkle Seite hat. So ergeht es gerade den Neuriedern. Gemeindearchivar Reinhard Lampe hat sich dran gemacht, der Nazi-Vergangenheit des Ortes nachzuspüren und hat vor allem die Personen überprüft, nach denen Straßen im Gemeindegebiet benannt wurden. Er ist fündig geworden: Der ehemalige Bürgermeister Joseph Kaiser, der einstige Rektor der Volksschule, Rudolf Kammerbauer, sowie der Psychiater Ernst Rehm gelten nach Recherchen des Archivars als belastet. Auch bei Fritz Baumgartner, ehemaliger Bürgermeister und 20 Jahre lang SPD-Gemeinderat, hat Lampe eine Karriere im NS-Regime aufgedeckt. Eine Straße wurde nach Baumgartner aber nicht benannt.
Reinhard Lampe ist eigentlich Mathematiker. Aber als er 2014 das Gemeindearchiv übernahm, wurde er zum Hobbyhistoriker. Jahrelang hat er sich mit dem Psychiater Ernst Rehm beschäftigt, nach dem die Dr.-Rehm-Straße in Neuried benannt ist. Rehm hatte Lampe zufolge umfangreichen Grundbesitz in Neuried und leitete eine psychiatrische Privatklinik in München, die Kuranstalt Neufriedenheim im heutigen Stadtbezirk Sendling-Westpark. Erst im hohen Alter von 75 Jahren trat Rehm in die NSDAP ein, hat Lampe recherchiert. Ab da soll er ein überzeugter Nazi gewesen sein. Lampe hat seine Recherche zu einem Buch, das im vergangenen Jahr erschienen ist (Reinhard Lampe, Moritz Bendit und die Kuranstalt Neufriedenheim, Verlag De Gruyter Oldenbourg) zusammengefasst. Darin erzählt er die Geschichte der Anstalt entlang der Lebensgeschichte des jüdischen Patienten Moritz Bendit und des Psychiaters Rehm.

Wie viele frühere Nazis verstecken sich da wohl noch in der Ortsgeschichte?, fragte sich Lampe und ging auf Suche. Seine Hauptquelle sei das Bundesarchiv in Berlin gewesen, das eine Mitgliederkartei der NSDAP führe, berichtet er im Gespräch mit der SZ. So stieß er auf Joseph Kaiser, ehemaliger Oberlehrer und Neurieder Bürgermeister von 1919 bis 1945. Kaiser war NSDAP-Mitglied, aber viel mehr fand Lampe nicht zu ihm heraus.

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Rudolf Kammerbauer sei hingegen ein „Treffer“ gewesen. Kammerbauer war von 1960 bis 1970 Rektor der Neurieder Volksschule und von 1972 bis 1978 Zweiter Bürgermeister, davor war er Gemeinderat. Er spielte in der Pfarrkirche Sankt Nikolaus die Kirchenorgel und war 20 Jahre lang Vorsitzender des Neurieder Gartenbauvereins. Der Lehrer war 1933 in die NSDAP eingetreten und hatte vor allem als Propaganda- und Schulungsleiter der Partei fungiert, hat Lampe herausgefunden. Kammerbauers Vergangenheit als „aktiver Nationalsozialist“ sei in Neuried nicht bekannt gewesen. Im Juni 1934 soll Kammerbauer in Uniform zusammen mit einer kleinen Gruppe von SA-Männern zu einer Hochzeit gekommen sein und einen jüdischen Gast aufgefordert haben, die Feier zu verlassen, ist in Lampes Ausführungen zu lesen, die auf der Gemeinde-Homepage unter der Rubrik „Archiv“ zu finden sind.
Fritz Baumgartner ist der Name auf Lampes Liste, der Neurieder am meisten irritieren dürfte, denn viele werden ihn noch gekannt haben. Baumgartner lebte seit 1962 in Neuried, war von 1968 bis 1978 SPD-Bürgermeister und danach noch 20 Jahre lang Gemeinderat. Er war einer der wenigen Träger der Bürgermedaille und der Ehrennadel in Gold. Die SPD ehrte ihn 2007 mit der Willy-Brandt-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Partei. Im Jahr 2014 verstarb Baumgartner im Alter von 92 Jahren.

Bereits 2016 habe er einen Hinweis aus der Bevölkerung erhalten, dass Baumgartner auch eine Nazi-Vergangenheit habe, berichtet Lampe. Er hat deshalb Recherchen im Bundesarchiv in Berlin unternommen. Dabei fand er heraus, dass Baumgartner Mitglied der Waffen-SS war und dort auch eine „steile Karriere“ gemacht habe: Baumgartner sei im Januar 1944 zum Untersturmführer, ein Offiziersrang der Waffen-SS, befördert worden. Mit der Veröffentlichung seiner Ergebnisse musste er jedoch noch warten, denn die Schutzfrist beträgt zehn Jahre nach dem Tod einer Person.
In Neuried habe Baumgartner dagegen wiederholt angegeben, er habe als Leutnant, also als Offizier der Wehrmacht, den Zweiten Weltkrieg beendet, sagte Lampe. So stand es auch in seinem Wahlkampf-Flyer von 1972, wie in Lampes 28 Seiten umfassender Recherche zu lesen ist.
Der Gemeinderat hat auf die Erkenntnisse des Gemeindearchivars bereits reagiert und im Mai einstimmig den Rudolf-Kammerbauer-Weg in Helene-Gammer-Weg umbenannt. Die Namenspatronin war Bäckermeisterin und ist 2024 verstorben. Laut Lampe gibt es bisher keine Bestrebungen, die Josef-Kaiser-Straße und die Dr.-Rehm-Straße umzubenennen. Eine „rein formale NSDAP-Mitgliedschaft“ reiche als Begründung dafür nicht aus, sagt er über seine Recherchen.
In einer früheren Version des Textes heißt es, Lampe habe erst 2024 seine Recherchen zu Fritz Baumgartner unternommen. Das stimmt nicht, die Recherchen hat er schon früher unternommen, musste allerdings die Schutzfrist von zehn Jahren nach dem Tod einer Person einhalten, bis er sie veröffentlichen konnte. Nicht richtig war auch der Bildtext zu Neufriedenheim. Zu lesen war, dass es sich um eine Zeichnung der Gartenansicht handle, tatsächlich ist ein Foto der Hauptfassade zu sehen. Die Redaktion bedauert die Ungenauigkeiten.


