Die Musikschule Neuried ist von der Insolvenz bedroht. Nach aktuellem Stand geht der mehr als 50 Jahren alten Bildungseinrichtung am 10. Januar das Geld aus. Das hat Andreas Porsch ausgerechnet, Vorstandsmitglied des Musikschulvereins. Kurz vor Weihnachten sei deshalb der späteste Zeitpunkt, zu dem er die „Reißleine ziehen“ und den Insolvenzantrag stellen müsse, sagte Porsch zur SZ. Durch eine Insolvenzanmeldung würde der Verein automatisch aufgelöst. Die Musikschule wäre dann Geschichte.
In Neuried könnte bald passieren, wovor viele der finanziell schwer angeschlagenen bayerischen Kommunen schon lange warnen: Wenn ihnen das Geld ausgeht, müssen die freiwilligen Leistungen gestrichen werden. Und die Musikschule ist eine freiwillige Leistung.
In diesem Jahr hat die Neurieder Institution noch einen Zuschuss der Kommune von rund 150 000 Euro erhalten, von staatlicher Seite kam noch einmal dieselbe Summe. Das Geld fließt größtenteils in die Löhne der 40 fest angestellten Musiklehrkräfte. Doch im kommenden Jahr wird die Gemeinde nach aktuellem Stand den Zuschuss nicht mehr aufbringen können, sagt Bürgermeister Robert Hrasky (Bündnis Zukunft Neuried/BZN) auf SZ-Anfrage. „Wir können eine Förderung nächstes Jahr nicht garantieren.“ Der Haushalt gebe es aktuell nicht her.
Neuried war bereits im Juni gezwungen, eine Haushaltssperre zu erlassen. Schon zum Halbjahr des Haushaltsjahres war absehbar, dass die Einnahmen in diesem Jahr die Ausgaben im Verwaltungshaushalt nicht decken können. Deshalb werden jetzt alle freiwilligen Ausgaben überprüft. In Neuried sind auch andere Vereine und Institutionen betroffen, die freiwillige Leistungen der Gemeinde erhalten, wie der Bürgermeister sagt. Er habe wenige Tage nach seinem Amtsantritt das Gespräch mit allen Verantwortlichen gesucht, damit sie rechtzeitig erfahren, womit sie rechnen können oder besser: womit nicht.
Mit der Streichung des kommunalen Zuschusses fällt auch der staatliche weg
Mit der Streichung des kommunalen Zuschusses an die Musikschule würde auch der staatliche Zuschuss wegfallen, beide sind verknüpft. Die Zuschüsse sind für die Schule jedoch überlebenswichtig. „Aus eigener Kraft schaffen wir es nicht“, sagt Musikschulleiter Christoph Peters. Die Rücklagen seien aufgebraucht und Einsparmöglichkeiten ausgereizt, da habe die Musikschule bereits „ihre Hausaufgaben gemacht“.
Die Finanzlage der Gemeinde ist schon seit vielen Jahren äußerst knapp, die Zuschüsse standen auch in der Vergangenheit bereits auf der Kippe. Die Schule musste daher schon immer finanzielle Eigenleistung aufbringen. So erhebe man bereits höhere Elternbeträge als viele andere Schulen und das Personal könnte „anderswo mehr verdienen“, erklärt Peters. Zudem habe die Musikschule den Schwerpunkt auf Gruppenunterricht gesetzt anstatt auf Einzelunterricht, um das Fördergeld möglichst effizient einzusetzen und viele Kinder unterrichten zu können. Nicht zuletzt gebe es bereits viel finanzielle Unterstützung: Über Stiftungsgelder könnten Veranstaltungen finanziert werden und Gelder des Fördervereins ermöglichten es, alle Sachausgaben, etwa die Anschaffungen von Instrumenten, zu decken. Doch selbst wenn man Personal einspart und weniger Unterricht anbietet, reicht das nach Einschätzung von Peters nicht aus.
Eine Insolvenz der Musikschule wäre in Augen des Schulleiters „verheerend“. Die Musikschule leiste einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben der Gemeinde und habe einen Bildungsauftrag. So gebe es etwa seit vielen Jahren eine Kooperation mit den Ganztagsklassen der Grundschule, bei der gemeinsames Musizieren in den Unterrichtsplan integriert ist. Ebenso arbeite man mit den kommunalen Kinderbetreuungseinrichtungen zusammen und ermögliche Kindern musikalische Früherziehung, die sonst nicht selbstverständlich die Musikschule besuchen würden.
Das drohende Aus der Schule hat Vorstandsmitglied Porsch bewogen, einen flammenden Brief an die Staatskanzlei und das zuständige Ministerium zu schreiben. Es sei ein „Hilfeschrei“, sagt Porsch. Das Schreiben enthält auch scharfe Vorwürfe. Etwa, dass der Staat seinen Zuschuss nach Ansicht Porschs nur dann gewähre, wenn auch die Gemeinde einen Zuschuss zahle. Dies führe dazu, dass eine „reiche Gemeinde“ wie Grünwald oder Gräfelfing „Millionen“ an ihre Musikschulen geben könnten und vom Staat „wiederum Millionen“ dazu kämen. Im Fall Neurieds mache sich der Staat hingegen „einen schlanken Fuß“. Porschs Fazit: Der Staat kümmere sich nicht um „Gemeinden, die dortigen Institutionen und damit die Basisdemokratie“. Eine Bitte um Stellungnahme ließen das Kunstministerium und die Staatskanzlei bis Dienstagnachmittag unbeantwortet.
„Ich bin sehr besorgt“, sagt Peters über die momentane Situation. Die Ängste unter den Lehrkräften, den Job zu verlieren, seien groß. „Da hängen Existenzen dran“ – auch seine eigene. Was den Musiklehrer hoffnungsvoll stimmt, sei der spürbare Wille der Gemeinde, der Gemeinderäte und des Fördervereins, eine Lösung für die Musikschule zu finden.


