Im Forstenrieder Park ist Baustelle. Breite Kiesschneisen führen stellenweise tief in den Wald, vereinzelt sind Flächen gerodet, Bauzäune sperren Gelände ab, ein riesiger Kran ragt über die Baumwipfel hinaus. Spaziergänger und Radler fragen sich immer wieder, was dort entsteht. Bald wird die Antwort auf diese Frage noch sichtbarer werden: Das Windkraftprojekt der vier in Waldnähe gelegenen Gemeinden Neuried, Baierbrunn, Schäftlarn und Pullach nimmt Gestalt an, die Türme von zwei Windrädern wachsen schon in die Höhe. Auf einer Radtour lässt sich der aktuelle Stand des beeindruckenden Projekts besichtigen.

Das Interesse an einer Besichtigung der Baustelle ist groß. An einem Augustnachmittag folgen an die 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Altersgruppen einer Einladung des Neurieder Ortsverbands der Grünen zum Standort der Windräder. Wer neugierig ist, kann die Strecke jederzeit auf eigene Faust abfahren. Start ist bei einem Gartencenter in Neuried, von dort geht es erst einmal eine ganze Weile schnurgerade auf dem Neurieder Sträßl in den Wald. Dieter Maier, Klimareferent der Gemeinde und Mitglied der Grünen, der das Vorhaben seit Jahren eng begleitet, leitet die Tour. Mit dabei ist auch Harald Zipfel, bis zur vergangenen Kommunalwahl Bürgermeister von Neuried. Er gehört zu den Initiatoren des Windparkprojekts.
Maier liefert zu Beginn die Eckdaten: Sechs Windräder entstehen als rein kommunaler Windpark im gemeindefreien Waldgebiet. Rund 500 Bürger beteiligen sich über die Energiegenossenschaften BENG und Fünfseenland. Sie haben insgesamt 2,5 Millionen Euro investiert. Die Gesamtkosten für den Windpark betragen rund 50 Millionen Euro, die geplante Betriebsdauer beträgt 25 Jahre. Etwa 20 000 Haushalte werden mit dem produzierten Strom versorgt werden. „Ein Windrad reicht für alle Neurieder Haushalte“, sagt Maier. Zwei der Windräder gehören der kommunalen Geothermiegesellschaft Pullach. Sie nutzt den Strom, um heißes Wasser aus der Erde zu pumpen.
Die Standorte der Windräder sind laut Maier bewusst gewählt. Für die Anlieferung der Baumaterialien sollen bestehende Forstwege genutzt werden, um mögliche Eingriffe in den Wald so gering wie möglich zu halten. Außerdem mussten Anforderungen der militärischen Radarstation in Freising berücksichtigt werden.

Die erste Station der Tour liegt an einer T-Kreuzung im Wald: das neu errichtete Umspannwerk. Es ist der Knotenpunkt, an dem die gesamte Stromproduktion zusammenläuft. Hier wird der Strom der Windräder eingespeist, die Kabel dafür verlaufen von ihnen unter den Forstwegen zum Umspannwerk. Die sechs Windkraftanlagen werden 33,5 Megawatt Leistung bringen, das Umspannwerk ist laut Maier aber auf 80 Megawatt ausgelegt. Sollten sich die Gautinger eines Tages doch noch dafür entscheiden, Windräder aufzustellen, könnten sie das Umspannwerk ebenfalls nutzen.
Von der T-Kreuzung aus biegen die Radler rechts ab auf den Forstweg „Ludwigs Geräumt“ zum Standort drei. Der Aufbau der Windräder stellt die Bauherren vor logistische Herausforderungen. Für die Montage werden riesige Kräne benötigt, und vor allem müssen die 80 Meter langen Rotorblätter in den Wald transportiert werden. Dazu waren an manchen Stellen die 90-Grad-Kurven der Waldwege zu eng, sie hätten aufgeweitet werden müssen, erläutert der Klimareferent. Linker Hand gelangen die Radler zur aktuellen Baustelle. Der erste Turmabschnitt steht schon. Es folgen noch weitere 30 Betonringe, darauf türmen sich weitere 60 Meter Stahl auf, bis der gesamte Schaft 166 Meter misst.
Das ganze Gebilde sei große Ingenieurkunst, meint Maier, denn das Betonfundament eines Windrades versinke nur etwa 20 Zentimeter in der Kiesfläche. Die Stabilität ergebe sich aus dem Gesamtgewicht des Windrads. Wer noch einen weiteren Eindruck vom Baufortschritt wünscht, der kann nach der T-Kreuzung bei der ersten großen Abzweigung früher vom Forstweg „Ludwigs Geräumt“ nach links abbiegen. Anschließend geht es über das „Max Josef Geräumt“ zum Standort zwei weiter. Dort misst der Turm schon etwa 30 Meter. Pro Windrad würden 3000 Quadratmeter Fläche benötigt, der Rest der Baustellenfläche werde am südlichen Rand des Staatswaldes wieder aufgeforstet, erklärt Maier.
Bis März 2027 sollen alle sechs Windräder errichtet sein und von Mitte des Jahres an im Vollbetrieb laufen – rund sieben Jahre nach Beginn der Planung. Spannend werde es Maier zufolge noch einmal, wenn im Herbst die Rotorblätter angeliefert würden. Sie kämen über die Donau bis Regensburg mit dem Schiff. Die gesamte Strecke bis nach Neuried seien die für den Schwertransport zuständigen Experten bereits mit Lasermessgeräten abgefahren. Eine Engstelle sei die Unterführung in Planegg bei der Urologischen Klinik. Gerade mal zwei Zentimeter Luft gebe es hier nach rechts und links zur Tunnelwand. „Das passt“, hätten die Profis beim Messen gemeint.
Mikrophone für die Rufe der Fledermäuse
Auch wenn das Windrad an Standort drei eines Tages voll in Betrieb ist, werden die Rotorblätter manchmal stillstehen. Das liege dann nicht am mangelnden Wind, erklärt der Klimareferent. Vielmehr habe dies mit dem Tagesrhythmus der in der Nähe lebenden Fledermäuse und des Wespenbussards zu tun. Ein Jahr lang hätten Biologen im Wald an den Windradstandorten die Tierwelt beobachtet. Dabei habe man festgestellt, dass Fledermäuse zwischen April und Oktober in der Dämmerung bei schwachem Wind in 50 Metern Höhe über den Wipfeln fliegen. Deshalb werde in dieser Zeit das Windrad bei Schwachwind-Verhältnissen abgeschaltet. Am Turm würden Mikrofone installiert, welche die Rufe der Fledermäuse aufnähmen. So könne man die Abschaltung der Räder noch genauer justieren. Auch auf die Flugeigenschaft des Wespenbussards werde auf diese Weise Rücksicht genommen.

