Neues Berufsbild Die Web-Pioniere

Lissa Pongratz und Victoria Zellner (sitzend, von links) haben ihre Ausbildung bei Best Secret in Aschheim begonnen. Anja Burghart und Melanie Krug (stehend, von links) führen die Nachwuchskräfte in den Betrieb ein.

(Foto: Claus Schunk)

Victoria Zellner und Lissa Pongratz zählen zu den ersten "Kaufleuten für E-Commerce". In Aschheim lernen sie, on- und offline zu verbinden

Von Jacqueline Kluge

Ein Click. Mehr ist heutzutage nicht mehr nötig, um noch schnell am Sonntagabend vom Sofa aus eine warme Jacke für den Herbst zu besorgen. Inzwischen kaufen nach dem E-Shopper-Barometer 2017 des Paketdienstes DPD mehr als die Hälfte aller Deutschen mindestens einmal im Monat online ein. Um der wachsenden Bedeutung des Onlinehandels gerecht zu werden, bietet die Industrie- und Handelskammer (IHK) seit diesem Ausbildungsjahr die duale Ausbildungsrichtung Kaufleute im E-Commerce an.

Sie sollen speziell für Unternehmen arbeiten, die Waren oder Dienstleistungen im Internet vertreiben. Victoria Zellner, 19, und Lissa Pongratz, 20, sind zwei von acht Auszubildenden im Landkreis, die sich auf den neuen Lehrberuf E-Commerce eingelassen haben.

Anfang September haben die beiden ihre Ausbildung bei dem Modehandel BestSecret in Dornach begonnen. Pongratz hat das Fachabitur und Zellner kommt frisch vom Gymnasium, dennoch haben sich beide gegen ein Studium entschieden. "Ich fand einfach, eine Ausbildung wäre das Richtige für mich", sagt Pongratz. Seit der 8. Klasse wollte die heute 20-Jährige in der Modebranche arbeiten. Zellner hingegen hatte zuerst vor, in die Autoindustrie zu gehen oder den Handelsfachwirt zu machen. Ende der 12. Klasse entschied sie sich um. "Bei Kauffrau für E-Commerce hat von Anfang an alles gepasst", sagt die 19-Jährige begeistert. Hinter die Kulissen des Onlinehandels schauen zu können, reizte sie.

"Die Geschäftsleitung war begeistert."

Best Secret ist eine 2007 gegründete Tochterfirma des Modeunternehmens Schustermann und Borenstein. Auf der Webseite der geschlossenen Shopping-Community werden ihren Mitgliedern Designermarken reduziert angeboten. Zugang erhält nur, wer von einem Mitglied empfohlen wurde. Schustermann und Borenstein bietet eine Vielzahl anderer Ausbildungsberufe wie Büromanagement oder Visuelles Marketing.

"Die geschäftsleitung war begeistert."Für ihren Onlinehandel warteten sie noch auf eine passende Ausbildung. Als Anfang dieses Jahres die Einführung des neuen Ausbildungsberufs von der IHK verabschiedet wurde, stand die Entscheidung schnell fest. "Die Geschäftsleitung war begeistert und hat sofort zugestimmt", erzählt Ausbilderin Anja Burghart.

Im Bewerbungsverfahren mussten sich Pongratz und Zellner gegen etwa 50 weitere Bewerber durchsetzen. Gesucht wurden kommunikative und flexible junge Menschen mit einer Affinität zum Internet. Für Ausbilderin Melanie Krug war zudem wichtig, dass sie eine gute Auffassungsgabe besitzen: "Im Marketing geht alles immer recht schnell. Dass man da auch ein bisschen mitkommt, ist wichtig."

Die beiden Auszubildenden dürfen in ihren jeweiligen Abteilungen von Anfang an selbst Hand anlegen. Victoria ist für ein halbes Jahr in der Fotoproduktion eingesetzt. Dort soll sie lernen, welche Vorgänge ein Artikel durchlaufen muss, bis er online gehen kann. In der Produktionshalle reiht sich Fotokabine an Fotokabine. In jeder posiert eine grüne Puppe zum Beispiel im eleganten Kleid, lässigen Hosenanzug oder mit Winterjacke vor einem grünen Hintergrund. "Im Moment arbeite ich am Styling der Kleiderpuppen mit und fotografiere sie", sagt Zellner. Ähnlich wie beim "Bluescreen" im Fernsehen ist auf dem fertigen Foto nur die Kleidung zu sehen - Puppe und Hintergrund bleiben unsichtbar.

"Das ist schon ziemlich cool."

Auch Pongratz ist in ihrer Abteilung Online-Category-Management, der Warenverwaltung, gleich miteingebunden. Für eine Herbst-Winter-Kampagne hat sie sich das Thema "Schick in Strick" überlegt und eigenständig die Artikel für die Kampagne ausgewählt. "Das ist schon ziemlich cool", sagt die 20-Jährige. Den Kampagnenstart hat sie sich gleich im Kalender markiert. Fotoproduktion und Warenverwaltung legen den Grundstein für die weitere Ausbildung.

Vom zweiten Lehrjahr an werden die Auszubildenden unter anderem einen Einblick in die Abteilungen Marketing, Kundenservice und International Business bekommen. Zellner findet es super, dass sie während der Ausbildung mehrere Tätigkeitsbereiche ausprobieren kann: "Dann merkt man relativ schnell, was einem gefällt." Da viele Unternehmen sowohl Einzel- als auch Onlinehandel betreiben, sollen die neuen Azubis bei Schustermann und Borenstein zusätzlich in Vermarktung, Einkauf und Finanzbuchhaltung reinschnuppern.

Doch nicht nur im Modebereich ist E-Commerce ein kommendes Thema. Der neue Ausbildungsberuf ist genauso bei Tourismusunternehmen oder bei der Sparkasse gefragt. "Das ist eigentlich das Spannende an dem neuen Beruf", befindet Ausbilderin Krug. Nach der dreijährigen Ausbildung können sich die fertigen Kaufleute im E-Commerce weiterbilden. Die IHK plant zum Beispiel, einen Fachwirt für E-Commerce einzuführen.