Die Online-Bürgermeister Klick ins Amtszimmer

Es gibt viele Möglichkeiten mittlerweile, die Bürger zu erreichen.

(Foto: privat)

Ob Facebook, Instagram, Youtube oder Rathaus-Homepage: Viele Bürgermeister nutzen die Internet-Plattformen für einen intensiven und schnellen Austausch mit der Bevölkerung. Doch mancherorts erlebt das gedruckte Worte gerade eine Renaissance.

Von Bernhard Lohr

Die geposteten Bilder lassen keine Zweifel offen: Die Feuerwehrleute erleben dramatische Minuten. Mehrere drängen sich im demolierten Führerhaus eines Lastwagens und kämpfen um das Leben des eingeklemmten Fahrers. Sie befreien ihn. Doch der 44-Jährige, dessen Zwölftonner diese Woche auf der A 99 von einem Lkw auf einen anderen geschoben wurde, stirbt kurze Zeit später in einer Klinik. Die Feuerwehrleute nimmt das alles schwer mit. Als der Kirchheimer Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) davon erfährt, überlegt er kurz - und setzt einen Facebook-Post ab. Und schon haben Hunderte Böltls Stellungnahme auf ihrem Smartphone.

Es braucht keine eigene Versammlung mehr und keine Sprechstunde. Bürgermeister und Bürger kommunizieren über Facebook und andere Kanäle, wann immer sie wollen, und über Dinge, die bis vor kurzem unvorstellbar waren. Selbst Persönliches rückt ins Bild, wenn etwa Bürgermeister Stefan Kern (CSU) in Brunnthal samt Foto postet, auf welcher Hütte er am Wochenende Freunde getroffen hat.

Das enge Verhältnis zwischen Bürgermeister und Bürgern kennzeichnet die kommunale Ebene. Nirgendwo sonst wird so oft von Bürgernähe oder -beteiligung gesprochen und nirgendwo sonst ist die Enttäuschung größer, wenn die Versprechen auf Teilhabe unerfüllt bleiben. Die digitalen Medien schaffen neue Möglichkeiten - werfen aber auch Fragen auf: Ist ein Bürgermeister, der auf Facebook für jeden greifbar ist, schon bürgernah? Wird dort informiert, Stimmung gemacht? Gilt es, neue Formen der Bürgerbeteiligung zu entwickeln?

Der 33-jährige Maximilian Böltl steht für den neuen Typ eines Bürgermeisters. Er nutzt Facebook und auch Instagram, wo vor allem Bilder hochgeladen werden, wie selbstverständlich und nebenbei, wie er sagt. Er macht viel aus dem Bauch heraus. "Learning by doing", sagt er. Die Regeln im Netz hat er über die Jahre verinnerlicht. "Facebook macht nur dann Sinn, wenn man dranbleibt", sagt er. So schaut er morgens automatisch in Facebook, wer Geburtstag hat, um Freunden zu gratulieren. Einen Post abzusetzen, das macht er auch mal schnell nebenher. Nach dem Feuerwehreinsatz war ihm allerdings schon bewusst, was in solch einer heiklen Situation ein falsches, unpassendes Wort anrichten kann. Er fand den richtigen Ton.

Alte Bindungen gehen verloren - Facebook soll das ausgleichen

Gisela Goblirsch hilft als langjährige Kommunal-Beraterin Bürgermeistern, Gemeinderäten und Pressesprechern dabei, die Klaviatur der Medien zu bedienen. Sie erlebt Rathauschefs, die sich selbst in den Mittelpunkt spielen, und viele, ausgestattet mit hohem Amtsverständnis, die sich, wie sie sagt, wirklich als "Diener eines Gemeinwesens" begreifen. Diese versuchten, mit Hilfe der Medien das am Ort vorhandene Netzwerk aus Vereinen und Organisationen zu stärken. Gerade in Kommunen am Rand einer Millionenstadt wie München sei das ein großes Thema. Alte Bindungen verschwinden, Feuerwehren kämpfen um Nachwuchs. Neubürger orientieren sich nach München und wissen wenig über ihren Wohnort. Menschen mit Nachrichten aus der lokalen Welt zu erreichen, kann eine Herausforderung sein.

Illustration: SZ-Grafik

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Der stellen sich die Kommunen mit immer neuen Ideen. Brunnthals Bürgermeister Kern nutzt Facebook, auch um lokale Nachrichten zu lancieren. So stieß er unlängst eine Debatte darüber an, ob die Gemeinde eine Brunnthal-App oder einen Brunnthal-Newsletter installieren sollte. Den gibt es seit kurzem in Pullach, wo die Homepage der Gemeinde für Smartphones ertüchtigt wurde; seit zwei Jahren ist Pullach auch auf Facebook vertreten. Bürger können über die Homepage den Ortsentwicklungsprozess begleiten und Stellung nehmen. Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) betreibt Schritt für Schritt eine Medienoffensive und erhofft sich so vor allem mehr Bürgerbeteiligung. "Bei vielen Projekten funktioniert es, die Bürger mitzunehmen", sagt sie. Dadurch würden die Dinge nicht immer einfacher. Es könne passieren, sagt Tausendfreund, "dass sich Widerstand regt". Aber dadurch lasse sie sich nicht beirren.

Andere Kommunen warten noch ab: In Hohenbrunn zum Beispiel ist ein Newsletter im Gespräch. Dafür hat man ein virtuelles, begehbares Rathaus ins Netz gestellt, durch das Bürger wie bei Google-Earth schön bebildert per Klick von Amtszimmer zu Amtszimmer navigieren können. Bürgermeister Stefan Straßmair (CSU) sagt, Bürgern solle die Schwellenangst genommen werden, das Rathaus auch real zu betreten. Er nutzt Facebook zaghaft und hält es für ein großes Problem, bei der Vielfalt des Gebotenen mit Informationen aus der Gemeinde beim Bürger durchzudringen. Dieser werde doch förmlich "zugeschüttet", sagt er. Die Verwaltungen informierten, aber die Bürger könnten die Informationen nicht mehr finden.

Solche Erfahrungen hat auch die Gemeinde Haar gemacht, die seit Jahren intensiv eine Gemeinde-Seite auf Facebook bespielt, deren Inhalte mittlerweile mehr als 2000 "Freunde" verfolgen. Doch in Haar hat man auch die Erfahrung gemacht, dass auf Facebook nicht alles klappt. So wurde das Ferienprogramm nur über die elektronischen Medien beworben - ohne die erhoffte Resonanz. Nun soll im Mai 2017 erstmals eine monatliche Gemeindezeitung auf Papier erscheinen.

Print erlebt eine Renaissance

Auch in Pullach erlebt Print eine Renaissance. Das Rathaus hat mit den Ortsgesprächen eine Gemeindezeitung konzipiert, die neben dem etablierten Isar-Anzeiger drei Mal im Jahr Nachrichten und Hintergründe bieten soll. Für die Aufmachung, die Schwerpunktsetzung und die klare Gliederung des Ortsgespräche-Blattes bekommt die Gemeinde Lob von Gisela Goblirsch, die Gemeindeblätter aus ganz Bayern in einer Studie untersucht hat. Sie hält es für einen sinnvollen Schritt, bei der grassierenden Technikbegeisterung das Gedruckte nicht zu verachten und über Relaunches von altbacken daherkommenden Ortszeitungen nachzudenken. Kirchheim hat solch eine Zeitung mit den wöchentlich erscheinenden Kirchheimer Mitteilungen.

2068 Likes

Mit der 2010 installierten Facebook-Seite der Gemeinde Haar stehen 2068 Personen in Kontakt. Sie finden dort Unterhaltsames und Antworten. "Gibt es bald keine Laubbäume mehr in Haar?", will jemand wissen, der das Warnschild zum Laubholzbockkäfer gesehen hat. Die Aufklärung: Die Quarantänezone für den Schädling wurde ausgeweitet.

Die Gemeinde stellt bei dem Blatt, in dem auch Vereinsnachrichten und Stellungnahmen der Parteien abgedruckt werden, jedoch auf einen zweiwöchigen Rhythmus um. Das Medienverhalten der Bürger ändere sich, heißt es aus dem Rathaus, man wolle Online, Facebook und Print stärker miteinander verkoppeln. Bürgermeister Böltl glaubt, dass mit unterschiedlichen Angeboten unterschiedliche Gruppen erreicht werden. Um junge Menschen anzusprechen, so Böltl, müsse er Facebook oder Instagram nutzen.

Dass Facebook das Medium der Jugend ist, bezeichnet Goblirsch als einen weit verbreiteten Irrglauben. Die sei längst woanders. Und sie rät dazu, bei Facebook und Co. auch sonst genauer hinzuschauen. Bürgermeister trügen Verantwortung beim Datenschutz. So müssten sich Kommunen darüber bewusst sein, dass Nutzer-Daten von Bürgern, die eine mit einem Facebook-Button versehene Online-Seite der Gemeinde ansteuerten, von Facebook abgegriffen würden. Dem könne man mit einer Einstellung entgegenwirken, die daran zu erkennen ist, dass das Facebook-Icon grau statt blau eingefärbt ist. Dann ist zwischen der Seite und der Facebook-Weiterleitung ein Zwischenschritt eingebaut, mit einem Hinweis, auf den Server des Social-Media-Dienstes weitergeleitet zu werden. Haar hat den Zwischenschritt eingebaut, Kirchheim nicht. Um Bürgerbeteiligung zu ermöglichen, empfiehlt Goblirsch, Blogs einzurichten. Dort könne ungestört diskutiert werden und die Daten landeten nicht auf einem Facebook-Server in den USA.

Ismaning geht einen anderen Weg

Dort hat Alexander Greulich (SPD) noch wenige Spuren hinterlassen. Dass er in einer Veranstaltung sitzt, ein Foto macht und das dann flugs postet, damit jeder weiß, was der Ismaninger Bürgermeister gerade macht, liegt ihm nicht. Während Böltl sagt, einen Moment Leerlauf gebe es immer, betont Greulich, er wolle bei Terminen seine volle Aufmerksamkeit den Anwesenden widmen. Die Ismaninger sollen sich nicht auf der Facebook-Seite des Bürgermeisters treffen, sondern das vor einigen Wochen online geschaltete Portal "Wir in Ismaning" ansteuern. Über das digitale Schaufenster sollen sich Bürger, Unternehmer und Gäste die Gemeinde erschließen. Ob es funktionieren wird? Greulich ist überzeugt: "Damit liegen wir goldrichtig."

Böltl geht derweil seinen Weg weiter. So etwa auch als Hauptdarsteller von "Kirchheim TV", einem Youtube-Kanal der Gemeinde mit Filmchen vom Christkindlmarkt oder einem aktuellen Weihnachts-Gespräch, das Böltl mit seinen Stellvertretern Marianne Hausladen und Gerd Kleiber führt. In Oberhaching beantwortet Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) über Youtube am Schreibtisch Anfragen. "Herzlich willkommen in meinem Büro, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger." Man kommt sich näher. Digital zumindest.