Wer in Neubiberg mit dem Rücken zur Infineon-Zentrale steht und nach Norden schaut, blickt momentan auf ein freies Feld. Das soll sich nach den Plänen der Gemeinde Neubiberg und der Grundstückseigentümer ändern. Sie wollen auf dem sogenannten Kapellenfeld ein Projekt mit dem Namen „Zukunftspark“ entwickeln. Es ist aber offenbar ein größerer potenzieller Mieter, der Elektroflugzeugbauer Lilium, weggefallen, sodass sich die Frage stellt, wie es mit dem Projekt weitergeht. Und: Bleibt die dortige Frischluftschneise vorerst frei? Kritiker des Vorhabens, die den dortigen Grünzug am liebsten von weiterer Bebauung freihalten wollen, hoffen aber höchstens auf eine kleine Verschnaufpause. Die Verantwortlichen sagen, es bleibe alles wie geplant.
Angrenzend an den Halbleiterhersteller Infineon soll ein Technologie-Campus für Hightech-Unternehmen und Start-ups entstehen, daran anschließend landwirtschaftliche Flächen mit Photovoltaik-Anlagen und noch nördlicher ein Landschaftspark. Im vorigen Jahr hat die Gemeinde den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan gefasst.
Dem Vernehmen nach soll der Elektroflugzeugbauer Lilium interessiert gewesen sein, sich dort anzusiedeln. Jetzt aber wohl nicht mehr, denn die Firma hat mittlerweile zum zweiten Mal Insolvenz angemeldet. Wie eine informierte Quelle bestätigt, ist das Unternehmen als Mietinteressent für größere Flächen auf dem Kapellenfeld im Gespräch gewesen. Ein Sprecher des jetzigen Insolvenzverwalters Robert Hänel teilt auf Anfrage mit, dass aktuell kein Interesse bestehe. Wie wäre das wohl gewesen, wenn in Neubiberg Elektroflugzeuge gebaut worden wären?

Von offizieller Seite werden das angebliche Mietinteresse und der Wegfall nicht bestätigt. Neubibergs Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU) verweist darauf, dass die „Gemeinde nicht direkt in Mietvertragsgespräche eingebunden“ sei und er daher zum aktuellen Stand keine Auskunft geben könne. Auf eine Anfrage an den Architekten antwortet Stephan Heller, Vorstandsvorsitzender der Kommunikationsagentur Heller & Partner Marketing Services AG, „zuständigkeitshalber“, wie er schreibt.
Die Agentur vertritt die Eigentümergesellschaften. Das Kapellenfeld ist mit weiteren kleineren Grundstücken vor ein paar Jahren von den Eigentümerfamilien Finck und Winterstein in zwei Gesellschaften überführt worden. Die Architekten seien nicht in Mietvertragsgespräche eingebunden und auch wenn sie dies wären, „würden wir zu laufenden, möglichen Mietverträgen keine öffentlichen Aussagen abgeben“, sagt Heller.

Wie aber geht es jetzt weiter? Bleibt die Frischluftschneise dort erst einmal von frei von einer Bebauung? Kritiker des Vorhabens glauben das nicht. Sie mahnen vielmehr, dass man dranbleiben müsse. „Es gibt vielleicht eine kleine Verzögerung, wir gehen aber davon aus, dass das Projekt weitergeht. Wir werden weiter auf der Hut sein, dass das nicht bebaut wird“, sagt Thomas Kiesmüller, Sprecher der Bürgerinitiative „Frischluftzufuhr für München“. Die im Grünzug Hachinger Tal geplanten Gebäude seien teilweise bis zu 27 Meter hoch. Die Initiative sieht deshalb die Versorgung der Menschen im Münchner Südosten mit Frischluft erheblich gefährdet.
„Das zeigt, wie wichtig der Planungsverband den Erhalt der Grünzüge einstuft.“
Kiesmüller verweist auf ein ähnliches Projekt in Taufkirchen, wo seiner Meinung nach durch den Regionalen Planungsverband eine „gute Lösung“ gefunden worden ist. Dort wollte die Gemeinde außer Hightech-Firmen am Luft- und Raumfahrtcampus weiteres Gewerbe ansiedeln. Betroffen sind der Grünzug 10 Gleißental/Hachinger Tal und der Grünzug 11, der den Höhenkirchener Forst und den Truderinger Wald umfasst. Kurz gesagt gibt der Planungsverband Fläche vom Grünzug 11 ab für eine Bebauung mit Hightech-Unternehmen, dafür wird der benachbarte Grünzug etwas erweitert. Die beiden Flächen liegen nur wenige hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt. „Das zeigt, wie wichtig der Regionale Planungsverband den Erhalt der Grünzüge einstuft“, sagt Kiesmüller.
Auch Claudia Köhler, Grünen-Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete aus der Nachbargemeinde Unterhaching, beäugt das Vorhaben weiterhin kritisch, sieht aber nun eine Chance: „Nach diesen heißen Wochen ist es eine Verschnaufpause und eine Gelegenheit, sich noch einmal an den Tisch zu setzen und zu sehen, ob man so ein wichtiges Frischluftentstehungs- und -durchzugsgebiet wirklich zubauen muss.“ Dass offenbar Lilium als potenzieller Mieter weggefallen ist, überrascht sie nicht: „Es zeigt, wie volatil die wirtschaftliche Lage ist“, sagt sie. Deshalb dürften langfristige Folgen nicht wegen kurzfristigen Gewinnversprechungen ignoriert werden.
Die Gemeinde Neubiberg und die Planer sehen das Vorhaben als zukunftsweisendes Vorzeigeprojekt, bei dem es wie geplant weitergehen soll. „Der Zukunftspark Neubiberg ist ein multifunktionales, modernes und flexibles Immobilien-Projekt. Die Planung war zu keinem Zeitpunkt und wird zu keinem Zeitpunkt für einen einzelnen Schlüssel-Nutzer entwickelt“, sagt Bürgermeister Pardeller.

Ähnlich formuliert es Stephan Heller von der gleichnamigen Agentur. Es handle sich nicht um eine „Spezial-Immobilie, die allein auf einen möglichen Nutzer zugeschnitten ist“. 2024 war das Konzept dem Gemeinderat und den Bürgern vorgestellt worden. Geplant sind Forschungs- und Bürogebäude mit einer Höhe von 17 bis 26,5 Metern, ein Hotel, Geschäften und Kinderbetreuungseinrichtungen.
„Es ist das Interesse der Gemeinde, einen Platz für eine Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen, für Forschung und Lehreinrichtungen zu schaffen, bei dem sich die Mitarbeiter der unterschiedlichen Firmen begegnen, austauschen und im engen Dialog zueinander stehen“, sagt Pardeller. An den vorgestellten „Planungen, an den Grundzügen des Bebauungsplans und an der vielfältig nutzbaren, modernen Campus-Struktur hat sich nichts geändert“, sagt auch Heller. Die Planungen liefen „hervorragend und sind im Zeitplan“.

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Pardeller betont zudem, dass durch die Planung des Zukunftsparks die Funktion der Frischluftschneise und des regionalen Grünzugs nicht beeinträchtigt würden und verweist auf entsprechende Gutachten. Die Gemeinde hatte etwa die Geo-Net Umweltconsulting GmbH für ein klima-ökologisches Gutachten beauftragt. Voriges Jahr, bei der Vorstellung des Projekts, legte der Gutachter dar, dass die Kaltluftströme nicht durch die Bebauung beeinträchtigt würden. Das wurde unter anderem erreicht, indem die Planer das Baufeld in Absprache mit den Klimagutachtern auf acht Hektar verkleinerten und nach Süden rückten.
Aktuell prüft die Gemeinde die Stellungnahmen der Bürger und Träger öffentlicher Belange, die zu dem Projekt eingegangen sind. Laut Pardeller dauert das, weil auch die Gutachter zu Fragen zu Frischluft und Verkehr eingeschaltet werden müssten. Es dürfte eine komplexe Abwägung werden, es gibt einige Einwände. Schon voriges Jahr hatten etwa die Landeshauptstadt München, die Münchner Kreisgruppe des Bundes Naturschutz und die Bürgerinitiative in ihren Stellungnahmen Bedenken geäußert.

