Expertenpodium in NeubibergWie sich Sicherheit gewinnen lässt

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Über Unsicherheit und Rationalität diskutieren (von links) Ursula Münch, Harald Damskis, Inga Schalinski, Martin Häusler und Timothy Williams.
Über Unsicherheit und Rationalität diskutieren (von links) Ursula Münch, Harald Damskis, Inga Schalinski, Martin Häusler und Timothy Williams. Claus Schunk

Kriege, Klimakrise, Teuerung: Ängste sind zum alltäglichen Begleiter geworden. Wie lässt sich ihr Einfluss auf unser Verhalten reduzieren? Eine Diskussion an der Bundeswehr-Universität in Neubiberg gibt Hilfestellungen.

Von Daniela Bode, Neubiberg

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Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, Drohnen über Flughäfen in München und Oslo, Klimawandel: Die Zeiten sind ungewiss geworden. Das Forschungszentrum Risk der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg widmete sein Jahreskolloquium einem aktuellen Thema: „Angst als gesellschaftlicher Faktor – Wie treffen wir rationale Entscheidungen unter Unsicherheit?“

Von den Diskutierenden konnten die Zuhörer erfahren, wie Angst auf Menschen wirkt, wie sie gezielt eingesetzt wird und wie man als Gesellschaft dennoch richtig entscheiden kann. Politik-Professorin Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und Moderatorin, brach auch eine Lanze für eine zuversichtliche Herangehensweise: „Wir sollten nicht nur Menschen vertrauen, sondern auch unseren Institutionen. Wir leben in einem Rechtsstaat“, sagte sie.

Das Forschungszentrum Risk erforscht Zusammenhänge von Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt und bietet seit 2017 mit dem Jahreskolloqium ein offenes Forum für den Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und einer interessierten Öffentlichkeit.

Inga Schalinski, Professorin für Klinische Psychologie und Traumatherapie an der Universität der Bundeswehr, plädierte für den richtigen Umgang mit der Angst. Sie sprach von einer wichtigen Emotion, die uns helfe, zu überleben. Nähmen Ängste überhand, dann lähmten sie uns und ließen uns verstummen. Als Beispiel berichtete Schalinski von Aufenthalten im Hochrisikogebiet Kongo: „Wenn die Angst mehr wird, redet man weniger darüber.“ Auf diese Weise werde Angst auch weitergegeben.

Über Ängste zu sprechen, das helfe sie abzubauen, sagt Psychologie-Professorin Inga Schalinski.
Über Ängste zu sprechen, das helfe sie abzubauen, sagt Psychologie-Professorin Inga Schalinski. Claus Schunk

Über Ängste zu sprechen, könne hingegen helfen, diese abzubauen. Das zeigen laut Schalinski Ergebnisse eines Projekts der Nichtregierungsorganisation Vivo international. Erzählungen, was andere an Gewalt erlebt hatten, wirkten sich mobilisierend auf Einwohner von Dörfern aus. Sie kümmerten sich um Schutzmaßnahmen gegen Gewalt. Schalinski sagte: „Wir haben zeigen können, dass das Sicherheitsgefühl steigt. Das könnten wir auf Deutschland übertragen.“

Angst kann einen aber nicht nur zum Schweigen bringen. Sie wird auch zielgerichtet eingesetzt, wie der Autor und Journalist Martin Häusler schilderte. Seinen Worten nach entscheiden Redaktionen, ob „Hoffnung oder Angst in der Gesellschaft ist“. Auch in den sozialen Medien überwiegen seiner Meinung nach die Ängste. „Negativismen werden weit häufiger geklickt.“ Dagegen möchte er einen konstruktiven Journalismus setzen, der nicht nur Probleme benennt, sondern auch Lösungen aufzeigt.

„Ich versuche zu differenzieren“, sagt Autor Martin Häusler.
„Ich versuche zu differenzieren“, sagt Autor Martin Häusler. Claus Schunk

Gerade in Zeiten von Deep Fake seien mutige Journalisten, die eigene Plattformen gründeten, und Medien wie „Correctiv“ wichtig, sagte Häusler und nannte sein Credo: „Ich versuche zu differenzieren.“ Zudem will er zeigen, dass die Menschen sich nicht so viel ängstigen müssten, wie ihnen vermittelt werde. Deshalb habe er auch ein Buch geschrieben, mit dem Titel „Fürchtet Euch nicht: die Vertreibung der deutschen Angst“.

Angstmache, um Gesellschaften zu beeinflussen, habe eine lange Geschichte, sagte Timothy Williams, Juniorprofessor für Unsicherheitsforschung an der Universität in Neubiberg. Er schilderte, dass es die effektivste Art sei, Menschen zu mobilisieren, wenn man ihnen zeige, dass andere Gruppen eine Bedrohung darstellten. Als Beispiel nannte er die Fehlinformationen über migrantische Männer in den sozialen Medien.

Die angebliche Bedrohung durch andere Gruppen sei ein beliebtes Mittel der Angstmache, sagt  Unsicherheitsforscher Timothy Williams.
Die angebliche Bedrohung durch andere Gruppen sei ein beliebtes Mittel der Angstmache, sagt  Unsicherheitsforscher Timothy Williams. Claus Schunk

Wie Häusler ist auch er der Meinung, dass ein konstruktiver Ansatz richtig ist. „Ich glaube auch, dass man Komplexität zulassen muss“, sagte er. Es gebe nicht nur die Bösen und die Guten. Psychologieprofessorin Schalinski widersprach: „Menschen wollen lieber einfache Erklärungen“, sagte sie. Wenn Personen große Angst hätten, kämen sie mit Komplexität nicht zurecht.

Ängste seien nicht immer rational zu begründen, aber dennoch nicht weniger berechtigt, sagte Harald Damskis. Er ist Mitglied im Sprecherrat des Bundesnetzwerks Zivilcourage und Zivilcourage-Trainer. Er berichtete von Senioren, die Angst davor hätten, in der Münchner U-Bahn zu fahren. Moderatorin Münch fragte, welche Gefahr denn da drohe. Sie hätten Angst vor der alltäglichen Gewalt, von der sie hörten und lesen würden, sagte Damskis. „Wir müssen vermitteln, es ist eine irrationale Angst, dort ums Leben zu kommen“, sagte er.

Mit Zivilcourage-Training gegen irrationale Ängste: Harald Damskis.
Mit Zivilcourage-Training gegen irrationale Ängste: Harald Damskis. Claus Schunk

Wissen nannte er ein adäquates Mittel gegen Angst, weshalb auch die Zivilcourage-Trainings darauf setzten. Zudem gebe es dort auch Tipps für das eigene Sicherheitsgefühl: etwa sich direkt hinter den Busfahrer zu setzen.

Wie nun also mit der Angst umgehen? Psychologieprofessorin Schalinski riet zum Gespräch. Mit anderen reden und ihnen zuhören, nannte sie als Mittel der Bewältigung von Ängsten. Zu sehen, dass die Dinge oft nicht so schlimm seien, wie sie gemacht würden, sagte Häusler. Er ermunterte die Zuhörer, sich auch einmal aus dem „Dauerbeschuss“ durch die digitalen Medien zurückzuziehen: „Meditiert, geht ins analoge Leben.“

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