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Botanik:Der Herr der Tomaten

Thorsten Thron widmet sich seit zehn Jahren der Zucht alter Tomatensorten.

(Foto: Claus Schunk)

Thorsten Thron hat fast 500 verschiedene Tomatensamen in seiner Sammlung - manch eine Art hat ihre eigene Geschichte.

Von Angela Boschert

Ob Strauch-, Cherry- oder Ochsenherztomaten, mitten in der Saison sollen die beliebten Früchte wohlgeformt, mit knackiger Schale und festem Fruchtfleisch sein. Doch "Tomaten sind nicht alle rund und längst nicht nur rot!", sagt Thorsten Thron, der seit zehn Jahren begeistert alte Tomatensorten züchtet, die aus der Kultur zu verschwinden drohen. Seine Sammlung zählt inzwischen Samen von 500 Sorten. Seit diesem Jahr verfolgt der 36-Jährige seine Passion im Umweltgarten Neubiberg, wo er heuer 126 Sorten angebaut hat. Die ersten tragen schon wohlschmeckende Früchte.

"Vor etwa zehn Jahren habe ich einen Fernsehbericht über verschiedene alte Tomatensorten gesehen und war von deren Vielfalt an Farben und Formen fasziniert. Ich habe mir im Internet Samen gekauft und auf meinem Balkon in Töpfen ausprobiert, wie sie sich entwickeln", erzählt er. Erste Erfolge zeigten sich und bald konnte er sein neues Hobby "auf einer Feldkehre in Moosach", so Thron, weiterverfolgen.

Vor zwei Jahren ging er eine Kooperation mit einem kleinen Lädchen in Germering ein, das ihm Beete und Wasser stellte, wofür er seine Ernte mit ihm geteilt hat. Ein Umzug zwang den Groß- und Außenhandelskaufmann, der in einem Metallgroßhandel arbeitet, sich wiederum eine neue Anbaumöglichkeit zu suchen: Der Umweltgarten Neubiberg stellte ihm eine Fläche zwischen Streuobstwiese und Biogarten zur Verfügung.

"Der Platz ist super, die Tomaten reifen schön heran", sagt Thron über sein 72 Quadratmeter großes Beet, das mit einem durchsichtigen Foliendach versehen ist. Hier stehen 146 Stauden von 126 verschiedenen Sorten in Reih und Glied. Einige Basilikum- und Löwenzahnpflanzen haben sich dazugesellt. Große Tomaten wachsen neben kleinen, runde neben flachen, langgezogene stehen bei birnen- oder sogar paprikaförmigen. "Die Farbpallette geht von Wollweiß über Elfenbeinfarben und Rot bis Tiefschwarz.

Es gibt bernsteinfarbene Sorten, alle Töne von Hellgelb bis Dunkelorange, hell- und dunkelrote oder auch fast braune sowie pinke Sorten von Indigo bis Schwarz. Die indigofarbenen und schwarzen Sorten, wie die "Indigo Wild Card Blus", haben in ihrer Haut den Farbstoff Anthocyan eingelagert, der dort zutage tritt, wo Sonne hinscheint. Wo sie es nicht tut, bleibt die Tomate hell bzw. in ihrer Grundfarbe", erklärt Thron. Und ergänzt, dass viele indigofarbene Sorten daher einen schönen Stern am Stielansatz entwickeln.

So manche Sorten hat ihre eigene Geschichte

Jede Pflanze hat ein beschriftetes Fähnchen und wird in einer Excel-Tabelle verzeichnet, mit der Thron den Überblick über seine 500 Samensorten behält. Da die Samen nur fünf Jahre keimfähig bleiben, bringt er jeden Sommer etwa einhundert verschiedene Pflanzen aus, um seine Sammlung aufrecht zu erhalten. Bestimmte Sorten - seine Favoriten in Indigo oder Schwarz - pflanzt er jedes Jahr an. Daher darf die Sammlung nicht größer werden. Wichtiger ist ihm, dass die Menschen alte Sorten schätzen lernen. Selbst wenn sie mehr kosten.

Tomaten mögen viel Licht und Luft, aber kein Wasser von oben. Sie brauchen zum Anwachsen viel Wasser, doch lässt ihr Bedarf in der Wachstumsphase deutlich nach. Thron hat ein Bewässerungssystem konstruiert, das die Pflanzen über aufgefangenes Regenwasser versorgt. Zwischen den sechs Staudenreihen verlaufen auf Kopfhöhe Metallrinnen, in die Regenwasser durch Löcher des Foliendachs gelangt und weiter zu zwei Regentonnen fließt. Von den Tonnen aus wird das Wasser über Schläuche zu den Tomatenpflanzen geleitet und tritt dort durch kleine Löchlein aus. Selbst ein heftiges Gewitter schadet den Pflanzen nicht, weil sie das Regenwasser dosiert über das ökologische System erhalten. Zum Gedeihen benötigen sie auch nur wenig Dünger, wobei Thron auf eigenen Bokashi-Dünger, ein Fermentationsprodukt, oder Brennesseljauche setzt.

Throns Zucht ist etwas fürs Auge. Die birnenförmigen "Blue Keys"-Tomaten werden im Endstadium von oben bis unten nachtschwarz und haben "ein unglaublich leckeres Aroma", so Thron. Es gebe auch eine irische Sorte mit grünweißem Laub namens "Splash of Cream" oder die "Bührer Keel", die aussieht wie eine Paprika. Auch sie ist eine der alten Sorten, die Thron aus Überzeugung züchtet.

Seine Tomaten unterscheiden sich von einer gewöhnlichen oder gar "Supermarkt-Tomate" durch ihren Geschmack und ihr zartschmelzendes weiches Fruchtfleisch. Den Unterschied könne man leicht durch diesen Vergleich feststellen: "Lassen Sie eine Supermarkt-Tomate aus 80 cm Höhe auf den Boden fallen, da passiert nicht viel. Die bekommt nicht einmal eine Druckstelle. Bei einer historischen Sorte haben Sie hingegen eine Riesensauerei", sagt Thron.

Verkostet man die Tomaten und schneidet sie dazu auf, verraten sie viele Dinge, die teilweise in den vielfältigen Namen stecken. So ist der "Indigo Wild Card Blues" außen dunkel, innen aber rot. Ebenso die "Königin der Nacht", deren orangerot bis blauschwarz geflammten Schultern zur Benennung nach Mozarts bekannter Opernfigur und ihrer Arie "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" geführt haben.

Auf die dunkelrote bis schwarze Außenhaut verweist der Name beim säurearmen "Schwarzen Mohren". Beim "Sibirischen Tiger" trügt der Name. Diese Sorte stammt, anders als viele Tomatensorten, nicht aus Russland, sondern wurde in den USA aus der Kreuzung einer blauen mit einer gelblich-roten Sorte entwickelt und weist leichte, an Tiger erinnernde Streifen auf. Eine Besonderheit ist die bernsteinfarbene "Käsetomate", die ihrem Namen im Geschmack alle Ehre macht. Oder die aus Tschechien stammende "Brutus", deren mächtige Früchte bis zu einem Kilogramm wiegen können. Der Name "Fuzzy Wuzzy" hingegen beschreibt, dass Tomate und Stängel auch im reifen Zustand haarig bleiben. Und "Sputnik" heißt nicht nur Russlands erster Satellit und der erste, ebenfalls russische Sars-Cov2-Impfstoff, sondern auch eine rot-braune, leicht gerippte russische Fleischtomate mit festem Fruchtfleisch.

Manche Tomatensorten haben eine Geschichte, die Thron aufgrund von Hinweisen bei der Sortenbeschreibung erforscht. So ist die "Old German" aus dem "schönen Schwabenländle" in die USA gelangt und von dort wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Bei der "Siebenbürger Reisetomate" können ihre vielen, voneinander getrennten Fruchtkammern einzeln herausgebrochen und verzehrt werden, ohne dass das restliche Fruchtfleisch oder der Saft herausquillt.

Daher soll diese alte Sorte früher als Reiseverpflegung für laufende Boten verwendet worden sein. Neben ihrer Geschichte ist für Thron zugleich wichtig, dass die verschiedenen Tomaten auch gut schmecken. "Tomatensorten, die inzwischen alt sind, haben sich ja aufgrund ihres Geschmacks durchgesetzt, denn das zählte, als die alten Sorten jung waren." Doch er hat auch junge Sorten, etwa die "Black Beauty", die von einem kalifornischen Züchter stammt und ausgereift als "dunkelste Sorte der Welt" beschrieben wird, und eine "Ketchup-Tomate", deren Name sagt, wozu sie am besten geeignet ist.

Einen allerletzten Tipp gibt Thorsten Thron einem noch mit auf den Weg: "Am allerbesten schmecken sonnenwarme Tomaten direkt vom Strauch". Was man zur Tomatenzucht wissen sollte, erklärt er am 19. September im Umweltgarten. Und damit jeder es selbst mit der Tomatenzucht probieren kann, will er beim nächsten Nachtbiomarkt im Umweltgarten einige besondere Sorten anbieten, die man sich für den eigenen Balkon oder Garten mitnehmen kann.

Thorsten Thron wird am Samstag, 19. September, einen Vortrag im Neubiberger Umweltgarten halten. Titel: "Erhaltungszucht seltener Sorten - Der Herr der Tomaten", der Vortrag findet gleich zweimal statt. Die erste Gruppe startet um 14 Uhr, die zweite um 15.30 Uhr. Der Vortrag ist kostenfrei, Spenden sind willkommen

© SZ vom 22.08.2020/lfr
Woman on balcony holding tomatoes

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