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Neubiberg/München:Pop-up-Strategie

Verkehrsberuhigte "Sommerstraße" in München, 2020

Sommerstraßen wie am Viktualienmarkt können sich die Grünen auch gut im Landkreis vorstellen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Grüne diskutieren online über mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum

Von Daniela Bode, Neubiberg/München

Für Lucia Kott, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Neubiberger Gemeinderat, ist es so etwas wie ein Leib- und Magenthema: Wie kann man mehr Flächengerechtigkeit herstellen? Wie kann man im öffentlichen Raum mehr Aufenthaltsqualität schaffen? Das wird bei ihr auch im Gemeinderat immer wieder deutlich - und ist auch der Grund, warum sie mit dem Beispiel erweiterter Freischankflächen für Gastwirte aus Neubiberg an dem Webinar zu Pop-up-Infrastruktur als Referentin teilgenommen hat, zu dem die bayerischen Landtagsgrünen am Montagabend eingeladen hatten.

Außer um provisorische Freischankflächen ging es um behelfsmäßige Radwege (Pop-up-Bikelanes) und als "Sommerstraßen" bezeichnete Spielstraßen, die im vorigen Jahr an verschiedenen Orten entstanden sind. Unter dem Titel "Mehr Platz für Menschen" berichteten Katrin Habenschaden, Zweite Bürgermeisterin in München, Felix Weisbrich, Amtsleiter Straßen- und Grünflächenamt in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, Kott und Fabian Norden, Beauftragter für Fuß- und Radverkehr im Bezirksausschuss Neuhausen, darüber, wie man solche innovativen Konzepte umsetzen kann. Ihr Fazit: Es lohnt sich, sich weiter für Pop-up-Infrastruktur einzusetzen.

Das Interesse an der Online-Veranstaltung war groß, etwa hundert Personen hörten zeitweise zu, wie Moderator Markus Büchler, Landtagsabgeordneter aus Oberschleißheim, mitteilte. Unter den Teilnehmern waren demnach auch einige Kommunalpolitiker, die sich vermutlich Anregungen holten. Kott lieferte ein gutes Beispiel. Auf Initiative der Grünen hin hatte die Gemeinde Neubiberg die von der Corona-Krise gebeutelten Gastronomen unterstützt, indem sie ihnen bis zum Ende des Sommers ermöglichte, mehr Freischankflächen im öffentlichen Raum zu erhalten, indem Parkplätze umgewidmet werden.

Wenn ein Wirt einen solchen Antrag stellte, sollte dieser unbürokratisch geprüft werden. Auf Initiative der Grünen hin hatten alle Fraktionen im Gemeinderat gemeinsam einen entsprechenden Dringlichkeitsantrag gestellt. Das Café Lieblingsplatz an der Hauptstraße nutzte das Angebot und richtete einen Außenbereich ein. "Die Leute haben sich als erstes auf die Straße gesetzt", sagte Kott. Insgesamt sei das Feedback sehr gut gewesen. Sie hob die verbesserte Aufenthaltsqualität hervor. Vor dem Hintergrund, dass sich mit der Pandemie das Einkaufsverhalten möglicherweise ändere, sei es auch wichtig, dass etwa die Hauptstraße attraktiv sei. "Es lohnt sich, wenn auch kleinere Gemeinden neue Wege gehen bei der Flächenverteilung", sagte sie. Sie kann sich auch vorstellen, sich für weitere Pop-up-Infrastruktur einzusetzen.

Nicht von Freischankflächen, sondern von den Erfahrungen mit Pop-up-Bikelanes, den gelb markierten vorübergehenden Radspuren, die an fünf stark befahrenen Straßen in München eingerichtet wurden, berichtete Habenschaden. Auch wenn sie sich über den Wiederabbau ärgere, sei die Einrichtung ein Erfolg für die Grünen gewesen: Es habe gezeigt, "wie ernst wir es mit der Verkehrswende meinen". Außerdem habe sie nur positive Rückmeldungen bekommen.

Von Weisbrich erfuhren die Zuhörer, wie im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in diesem Sommer ziemlich unbürokratisch an mehreren Straßen Pop-up-Radwege entstanden sind. Er schilderte, wie man bei der Umsetzung nach dem Prinzip agierte: erst ausprobieren, dann planen. Auf die Frage eines Zuhörers, wie die Beteiligung der Öffentlichkeit stattfinden könne, hatte er eine klare Antwort: "Etwas in Realität auszuprobieren, hat eine höhere Beteiligungsqualität." Ein anderes Beispiel, wie Straßen anders genutzt werden können, lieferte Norden. Ein Teil der Südlichen Auffahrtsallee in München war als verkehrsberuhigter Bereich erklärt und als "Sommerstraße" genutzt worden. Kinder konnten dort spielen oder die Straße bemalen. Auch hier hätte es viel positives Feedback gegeben.

© SZ vom 13.01.2021
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