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Interview:"Ich rechne mit allem, das ist unsere Zeit"

Neubiberg, Bundeswehruni, Präsidentin Prof. Merith Niehuss

Stillstand kennt Universitätspräsidentin Merith Niehuss nicht. Für die neu ausgerichtete, universitäre Pilotenausbildung kommt Lob aus dem Ausland.

(Foto: Angelika Bardehle)

Merith Niehuss, Präsidentin der Bundeswehruniversität, spricht über den Cyber-Cluster und die Rolle der Frau in der Truppe.

Ein bisschen Nippes braucht wohl jeder, auch die Präsidentin der Bundeswehruniversität in Neubiberg. Auf dem Glastisch in ihrem Büro stehen ein Behälter mit "Lakritzchen", wie sie das nennt, und Briefbeschwerer mit Satellitenmotiven. Überhaupt gibt sich Merith Niehuss sanft und unkompliziert. Seit 2005 leitet sie jetzt die Hochschule mit ihren etwa 3000 Studenten, als einzige Frau an der Spitze einer Universität in München. Die SZ sprach mit der Historikerin und Soziologin über das Image der Universität, die Herausforderung durch neue Entwicklungen und die Wünsche für die Zukunft.

SZ: Es tut sich viel an der Bundeswehruniversität: Eine aktuelle Meldung handelt von der Krebsforschung. Wandelt sich das Image gerade weg von der Militär-Hochschule hin zu innovativer Wissenschaft?

Merith Niehuss: Eigentlich hat diese Universität noch nie reine Militärforschung betrieben. Die Bundeswehr hat die Unis ins Leben gerufen, um allen Offizieren ein Studium zu ermöglichen und um sie wieder ins zivile Leben rückführbar zu machen, denn 80 Prozent verlassen die Bundeswehr wieder nach der Verpflichtungszeit von 13 Jahren. Deswegen haben wir seit Anbeginn eine Forschung, die so breit ist wie an anderen Unis. Da wir zwischen zwei Exzellenz-Unis stehen, müssen wir uns profilieren. Das haben wir in der Forschung immer getan, beispielsweise in Raumfahrttechnik und Weltraumnutzung auch beim Autonomen Fahren sind wir vorne dabei.

Wie steht es um den Forschungserfolg bei der Krebsbehandlung?

Medizin ist etwas, was wir den speziellen Kontakten der Kollegen überlassen, das haben wir ja als Fachrichtung hier nicht. Dieses Beispiel des Kollegen Professor Dollinger - er ist Physiker - ist herausragend, weil er schon mit dem Exzellenz-Cluster der TU und LMU verbunden ist. Über den Tandembeschleuniger haben er und seine Partner einen weiteren Exzellenz-Cluster eingereicht. Er hat schon früh an dem Beschleuniger mit verschiedenen anderen Experimenten gearbeitet und kam nach vielen Versuchen darauf, dass man ihn auch für diese spezielle Bestrahlung nutzen kann, für diese Minibeams (Anm. d. Red.: Bei der Protonen-Minibeam-Therapie können Protonenstrahlen in kleinen Kanälen aufgetragen werden, so dass das gesunde Gewebe von Strahlung verschont bleibt.)

Das heißt, Wissenschaft mit gezielter Schwerpunkt-Setzung war schon immer das Ziel?

Ja. Wir sind natürlich als Universität den Dingen, die die Bundeswehr braucht, näher als andere. Wir entwickeln beispielsweise gerade eine Software für die Ausbildung von Ersthelfern in Gefechtssituationen als Computerspiel. Dabei geht es um die medizinischen Gesichtspunkte im Katastrophenfall. Dafür interessieren sich auch zivile Institutionen wie Feuerwehr, Polizei, Technisches Hilfswerk.

EU-Sicherheitsbündnis

Mitglieder des neuen Kommando Cyber- und Informationsraums in Hannover. Beim Ausbau dieser neuen Abteilung soll vor allem die Universität der Bundeswehr in Neubiberg eine entscheidende Rolle spielen.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Seit zwölf Jahren leiten Sie die Universität. Was war Ihnen besonders wichtig?

Die erste große Wende war die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse. Wir haben das genutzt, um alte Zöpfe abzuschneiden und neue Schwerpunkte zu setzen. Der zweite große Schritt war das Aufstellen eines Weiterbildungsinstituts, das nach Marktgesichtspunkten funktioniert, aber trotzdem vom Kanzler kontrolliert wird. Dann kam die Änderung der Studiengänge, die mit der Umwidmung von Professuren verbunden war. Ich bin stolz, dass das in vielerlei Hinsicht gelungen ist. Das wird bei uns in der Leitung und gemeinsam im Senat diskutiert.

Welche Studiengänge wurden geändert?

Wir haben zum Beispiel aus dem alten Studiengang Betriebswirtschaft Management und Medien gemacht. Die größte Änderung war wahrscheinlich, dass wir acht oder neun technische Professuren für den Studiengang klinische Psychologie umgewidmet haben. Diesen Studiengang gab es vorher nicht. Den haben wir uns aus dem eigenen Fleisch geschnitten. Er ist auch wieder etwas, wo wir mit der Bundeswehr zusammenarbeiten, weil wir erkannt haben, dass die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen nach Kriegseinsätzen in Deutschland relativ neu ist.

Gab es denn Widerstände?

Ja, natürlich. Wenn Sie eine Professur aus einem Fach nehmen, dann hat das Fach eine Vorstellung, was damit passieren soll. Dass es zu einer Umwidmung kam, war dann das Verdienst von Leitung und Senat. Es war Überzeugungsarbeit zu leisten. Letztlich haben alle mitgemacht und es ist ohne Murren und Knurren über die Bühne gegangen. Es wird gerne gesehen, dass wir den Studiengang haben. Er hat viele Frauen angezogen und ist der einzige, bei dem 50 Prozent der Studenten Männer sind und 50 Prozent Frauen. Insgesamt liegt die Quote der Studentinnen bei 15 Prozent.

Ein großes Thema ist die IT-Sicherheit und alles rund um den Begriff Cyber.

Die Republik hat viele Jahre geschlafen und es den Universitäten überlassen, Professuren in dem Bereich einzuführen. Bundesverteidigungsministerin von der Leyen hat das Problem erkannt und etwas aufgelegt. Elf Professuren - mit denen, die wir in dem Bereich schon haben, sind es 15 - ist eine Zahl, mit der man etwas anfangen kann. Es werden Labore eingerichtet, Mitarbeiter eingestellt, es gibt einen Neubau, der auch schon genehmigt ist.

Dieser Komplex beansprucht Sie?

Ja, es kostet viel Zeit. Es sind viele Gespräche zu führen. Aber die Berufungen laufen gut. Wir denken, dass wir Ende des Jahres die ersten Professoren auf dem Campus haben.

Warum entscheiden sich gefragte IT-Spezialisten für eine Unilaufbahn?

Einen Abschluss und eine vernünftige Grundausbildung bekommen sie nur bei uns. Die Tatsache, dass wir hier ein Cyber-Cluster haben, ist ein Wert an sich. Wenn man elf Professuren ausschreibt, wissen die Bewerber, da entsteht Größeres und das hat Anziehungskraft. Darauf bauen wir. Ebenso wie auf den Raum München, wo das Interesse der Industrie groß ist.

Mit Zitis, der zentralen Stelle des Bundesinnenministeriums zur Bekämpfung der Cyberspionage, die neben dem Cyber-Cluster aufs Gelände kommt, stellen sich logistische Herausforderungen. Allein für Zitis sollen bis zu 400 Menschen arbeiten.

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Man stößt tatsächlich an seine Grenzen. Aber der Campus ist groß und wir sprechen auch mit der Gemeinde Neubiberg. Wenn wirklich so viele Menschen kommen wie angedacht, brauchen sie ja auch Wohnungen. Klar ist auch: Mit dem riesigen Gebäude, das wir hier bauen, wird Schwerlastverkehr kommen. Wir denken gemeinsam mit der Gemeinde über eine Ausweitung der Osteinfahrt nach. Der Verkehr würde dann über die Schnellstraße bei der Unterführung und am Friedhof vorbei geleitet.

Bei all den neuen hochsensiblen Einrichtungen: Müssen die Sicherheitsstandards angepasst werden?

Ich gehe davon aus, dass die Sicherheit des Campus so bleibt, wie sie jetzt ist. Wir werden natürlich im neuen Gebäude für Cyber gewisse Sicherheitseinrichtungen haben. Schon beim Bau beraten uns Experten.

Dabei geht es vermutlich nicht nur um Menschen, die gewaltsam eindringen wollen, sondern auch um Hacker?

Ich rechne mit allem, das ist unsere Zeit. Wenn man bedenkt, wie darüber diskutiert wird, wie vielleicht unser Bundestagswahlkampf beeinflusst wird über irgendwelche russischen Hacker, dann muss man auf alles gefasst sein.

Zurück zur Infrastruktur: Wird es Wohnungen für Externe am Campus geben?

Nein, wir bauen nur für die Studierenden. Weil wir sehr viel renovieren müssen, entstehen in der Zwischenzeit an der Zwergerstraße an die 500 Appartements für die Studierenden. Auch auf dem Ostparkplatz werden bis zu 500 weitere Appartements entstehen. Für die Autos benötigen wir voraussichtlich ein Parkhaus.

Haben Sie noch personelle Kapazitäten?

Wir sind berechnet für eine gewisse Studierendenzahl. Unsere Studierenden profitieren von der sehr engmaschigen Betreuung. Sie bekommen Wohnen und Essen für fast nichts, sie bekommen ihr volles Gehalt. Dafür müssen sie ihr Studium in vier Jahren fertig bekommen. Bei uns kommen 16 Studierende auf eine Professur, damit ist garantiert, dass es auffällt, wenn ein Studierender nichts mehr tut.

Dass Professor Gabi Dreo das Forschungszentrum Code leitet, passt zu einer anderen Entwicklung an der Bundeswehruniversität: Seit jeher setzen Sie sich für die Förderung von Frauen in der Wissenschaft ein. Wie soll es da weitergehen?

Wir haben vielleicht etwas spät mit den Professuren für Frauen begonnen, aber ich setze mich schon länger für bessere Bedingungen für Frauen ein. Deshalb habe ich mich auch sehr um eine Krippe auf dem Campus bemüht. Das hat sich als richtig erwiesen, da die Frauen somit viel früher aus der Elternzeit zurückkommen. Meine neue Gleichstellungsbeauftragte und ich legen nun auch sehr viel Wert darauf, Frauen für Professuren zu gewinnen, weil wir gemerkt haben, dass viele Frauen mit dem Image der Bundeswehruniversität noch so ihre Probleme haben. Zunächst wollten wir die Berufungskommission um mehr Frauen erweitern. Da wir aber so wenige Professorinnen haben, machen wir nun aus Männern Frauen. Sie bekommen einen Kurs über Dinge wie unbewusste Voreingenommenheit, Diversity und Gender und werden darauf aufmerksam gemacht, worauf es ankommt. Da sind wir auf einem guten Weg.

Mittlerweile ist der duale Studiengang gestartet, der eine Pilotenausbildung mit ingenieurswissenschaftlichen Fähigkeiten kombiniert. Wie läuft das?

Wir bekommen Lob und Anerkennung von allen Seiten. Stolz macht uns, dass wir unter den sechs Professoren eine Frau in der Flugzeugtechnik an Bord haben. Es ist ein neuer Studiengang, das heißt, dass sich die Professoren ihre Modulhandbücher selbst schreiben. Alle sind jedenfalls sehr motiviert. Wir bekommen viele Bewerbungen von Studierenden, der Werbeeffekt für uns ist groß. Aktuell ist das Institut auf den Ludwig-Bölkow-Campus ausgelagert, weil wir gar nicht den Platz hätten. Die wollen dort auch gar nicht mehr weg, dort haben sie Motorenlärm und Kerosingeruch. Besser kann es nicht sein.

Haben Sie Reaktionen auf die Pilotenausbildung aus dem Ausland erhalten?

Das ist ein absolutes Vorzeigeobjekt. Die Schweizer haben es sich bereits angeschaut, Israel ebenfalls. Ich wäre nicht unfroh, wenn wir die Piloten anderer Länder bei uns ausbilden könnten. Man muss schon sehen, dass ein Pilot ein Hochkaräter ist, aber ohne Studium fehlt eine wichtige Komponente im Lebenslauf. Bei uns können sie nach einem Bachelor auch noch den Master oben draufsatteln. Dadurch kommt das Berufsbild des Piloten intellektuell dorthin, wo es hingehört.

Wenn Sie Bilanz ziehen, was Ihre bisherige Amtszeit angeht: Sind Sie zufrieden? Oder gibt es etwas, das Sie unbedingt noch anpacken wollen?

Anpacken will man immer alles. Jetzt wollen wir zunächst mal die Anforderungen im Bereich Cyber bewältigen, auch mit der Niederlassung der Dépendance des Bundesinnenministeriums auf unserem Gelände. Ein Bereich der Forschung entwickelt sich gerade in eine andere Richtung, mehr in Richtung Gesundheit. Das ist gesellschaftlich relevant und passt auch zum Thema Bundeswehr. Außerdem beschäftigt mich das Thema Gender weiterhin. Wir wollen herausfinden, wie belastbar Frauen sind, was die Bundeswehr ihnen zumuten kann, auch körperlich.

Dieses Jahr läuft Ihre Bestellung aus. Gibt es eine Entscheidung darüber, ob Sie die Universität weitere sechs Jahre leiten?

Der Verwaltungsrat der Universität hat mich für eine weitere Amtszeit bis Dezember 2022 gewählt. Allerdings steht die offizielle Bestellung durch das Verteidigungsministerium noch aus. Mit der Entscheidung rechne ich in den nächsten Monaten.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Studenten haben Sie gar nicht viele Standortwechsel hinter sich...

Ich bin in Westfalen geboren, aber schon mit sieben Jahren nach München gekommen. Mein Lebensmittelpunkt war immer hier, ich habe tatsächlich einen antiquierten Lebenslauf ohne große Auslandsaufenthalte. Aber wenn man sich in München niedergelassen hat, warum sollte man sich dann irgendwo anders hinbewerben?